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Ihr inneres Sehen ist  Gabe und Auftrag 1_2013

Die Theologin und Malerin Marie-Luise Reis zu ihren Hildegard-Variationen

Was beeindruckt Sie an Hildegard von Bingen?
Hildegard ist Theologin und eine bildschaffende Künstlerin, weil sie mit ihren visionären Bildern Menschen zu einem „Sehen“ bewegt, das auf ein Dahinterliegendes verweist. Was zunächst mit den Augen vordergründig wahrgenommen wird, zeigt noch nicht das Wesen des Geschauten. Hildegard versteht ihr Sehen nicht als einen physischen Vorgang, sondern als Fähigkeit ihrer Seele. Ihr inneres Sehen ist Gabe und Auftrag, weil das Gesehene einen Seinsgrund durchscheinen lässt. In prismenartigem Farbspektrum erlebt die Seherin ein kosmisches Lichts, das pulsierend in der gesamten Schöpfung lebendig ist. Die Seherin vom Rhein ist für mich hinsichtlich meines Anliegens, Theologie im Bild zu vermitteln, eine geistliche Schwester.

inneres-sehenDie Seele und ihr Zelt von Marie-Luise Reis

Sie haben sich schon einmal mit den Miniaturen aus der Rupertsberger „Scivias“-Handschrift, die um 1175 entstanden ist, malerisch auseinandergesetzt. Es fällt auf, dass Ihre aktuellen Bilder durch expressive Farbigkeit und dynamische Bewegung geprägt sind. Was hat Sie zu dieser Neuakzentuierung veranlasst?
Im Rahmen der Ausstellung „Hildegard von Bingen an der Jahrtausendwende“ habe ich mich 1997 erstmals mit den Illustrationen aus dem Rupertsberger Codex befasst und in eine eigene Bildsprache umgesetzt. Als im vergangenen Jahr Hildegard endlich die Ehre der Heiligsprechung erfuhr und zur Kirchenlehrerin erhoben wurde, habe ich mich erneut in ihre visionären Bilder vertieft. Das „Wiedersehen“ mit Hildegards Seelenschau im Prozess künstlerischer Neugestaltung bescherte mir eine nochmals veränderte Wahrnehmung ihrer inneren Bilder.

Wie hat sich nach 15 Jahren Abstand Ihre Re-Vision dargestellt?  Konnten Sie Neues in Hildegards Schau für sich entdecken?
Beim Vergleich der in Hildegards Buch „Scivias“ niedergeschriebenen Visionen mit den dazugehörigen Illustrationen im Rupertsberger Codex fiel mir die Diskrepanz zwischen den flächig gehaltenen mittelalterlichen Buchmalereien und den nach räumlicher Tiefe verlangenden Bildbeschreibungen auf. So zum Beispiel umfassen die Visionen der Seherin zu Gottes Schöpfungswerk den Mikro- wie auch Makrokosmos und zeichnen eine jedes Bildformat sprengende, unbegrenzte Räumlichkeit. Außerdem fordert die von Hildegard beschriebene schöpferische Wirkkraft des göttlichen Lichtes eine Dynamik, die in der statischen Wiedergabe eines Gemäldes schwerlich zu fassen ist. Hildegards Schöpfungsvisionen sprechen von einer permanent sich in die Tiefen des Alls ausdehnenden Gotteskraft.
Bei den immer wieder neu zu Papier gebrachten Entwürfen erhielt ich eine Ahnung von Hildegards innerer Schau, die schwerlich mit dem Sprachausdruck „bewegte Bilder“ wiederzugeben ist. Die Seherin muss ihr Visionserleben als erschreckend wie auch beglückend empfunden haben. Hildegards Bilderschau erweckt vor dem inneren Auge ein Einstürzen und Mitreißen von Bildabläufen. Außen und Innen ihrer Weltwahrnehmungen werden ineinander verwoben, vergleichbar mit mehrschichtig übereinandergeblendeten Bilderausschnitten. Zudem muss sich bisweilen das Tempo von Hildegards visionärer Schau beschleunigt haben, da sie das Werden der Schöpfung in der Zeitraffung wahrnimmt.

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