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Sanft wie eine Feder – stark wie ein Löwe 1_2013

Von Prof. Dr. Sabine Berthold

Die Lebensgeschichte der Hildegard von Bingen erzählt für Kinder und Jugendliche.

Das Mittelalter boomt! Es ist als symbolischer wie dinglicher Zitatenschatz in der Kinder- und Jugendliteratur allgegenwärtig. Ein Blick auf die kinder- und jugendliterarischen Neuerscheinungen macht den großen Stellenwert des Themas Mittelalter deutlich – Autoren wie Cornelia Funke, Rainer Maria Schröder, Gerald Morris, Felicitas Hoppe, Kirsten Boie oder auch Joanne K. Rowling sind ein Beispiel dafür. Mythologische Stoffe mittelalterlicher Prägung sind sowohl im historischen Roman als auch in der Fantasy-Literatur äußerst populär.

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Auch in Sachbüchern für Kinder und Jugendliche wird ein basales Wissen von der Welt des Mittelalters formuliert, werden Herrschaftsformen geschildert, aber auch das Alltagsleben des „mittelalterlichen Menschen“ (Jaques Le Goff) beleuchtet. Insgesamt betrachtet lässt sich dabei in der Darstellung des Mittelalters sowohl im historischen Roman als auch in der Sachliteratur eine für die Bewertung gesellschaftlicher Strukturen nicht unerhebliche Verschiebung erkennen: weg von der Beschreibung hochstehender Persönlichkeiten und Herrscher, hin zur Beschreibung des Alltagslebens der „einfachen Menschen“. Geschichte von unten!

Heiligen-Biographien für Kinder und Jugendliche markieren einen interessanten Gegentrend zur Darstellung historischer Epochen „von unten“ aus der Sicht der einfachen Menschen, wenden sie sich doch wieder den exzeptionellen historischen Persönlichkeiten zu und erzählen sie Geschichte mit dem Fokus auf eine besondere historische Persönlichkeit, die ja unter Umständen von privilegierter Herkunft war – wie dies für Hildegard von Bingen zutrifft. Das heißt jedoch nicht, dass damit zwangsläufig eine antiquierte Geschichtsschreibung verbunden wäre, denn moderne Biographien für Kinder und Jugendliche verstehen sich als emanzipatorisch in dem Sinne, dass sie Lebenswege – auch von Heiligen und gesellschaftlich hochstehenden historischen Persönlichkeiten – kritisch und kontrovers beleuchten und dass sie einen vielstimmigen Blick auf das Leben der beschriebenen historischen Personwagen.

Es geht also bei historischen Biographien für Kinder und Jugendliche nicht mehr – wie früher – primär um die Vermittlung von pädagogischen Vorstellungen, sondern darum, die Korrespondenzen zwischen damals und heute, die Brücken und Brüche, sichtbar zu machen. Exzeptionelle historische Persönlichkeiten verlieren in modernen Biographien für Kinder und Jugendliche nicht ihren Vorbildcharakter – aber sie legen implizit ein ganz anderes, nämlich modernes Verständnis von Vorbildern zugrunde.

Charlotte Kerner wagt in der Biographie „Alle Schönheit des Himmels – Die Lebensgeschichte der Hildegard von Bingen“ einen modernen Blick auf Hildegard von Bingen, indem sie sowohl ihre Standhaftigkeit als auch Zerbrechlichkeit und Gebrechlichkeit aufzeichnet und sowohl die Kontinuitäten als auch Brüche in ihrer Biographie beleuchtet. Hildegard von Bingen wird hier als Vorbild verstanden – aber in einem durch und durch modernen Sinn. Der Autorin gelingt es dabei, den offenen Horizont der Geschichte und den eigenen Sinn der Epoche einzukalkulieren, wie man in Anlehnung an den Historiker Otto Voßler sagen könnte.

Häufig verwendet sie die Frageform, um den offenen Horizont und die Unsicherheiten der Überlieferung zu markieren – und gewinnt dadurch an Glaubwürdigkeit. Kerner beschreibt Hildegard von Bingens außergewöhnliche Fähigkeiten und begleitet sie auf den einzelnen Lebensstationen: sie zeigt sie als Visionärin und Mystikerin, die schon als Kind eine prophetische Gabe hatte; sie zeigt sie als Äbtissin mit welt- und kirchenpolitischem Einfluss; und sie zeigt sie als Künstlerin und Wissenschaftlerin, als Mystikerin und Naturwissenschaftlerin.

Dabei wandert ihr biographischer Blick stets vom Mittelalter zur Gegenwart und wieder zurück: „Hildegard ist, wenn wir sie mit heutigen Augen betrachten, unbestritten eine sensible, ja übersensible Frau. (…) Bei großen Entscheidungen und wichtigen Umständen zeigt sie körperliche Symptome bis hin zur Lähmung, Blindheit und Sprachlosigkeit. (…) Im Mittelalter haben wahrscheinlich viel mehr Menschen seelische Konflikte unbewusst durch körperliches Versagen und Zusammenbrüche geäußert und verarbeitet.“ Charlotte Kerner stellt deutlich heraus, wie revolutionär Hildegards Gedanken zur Rolle der Frau waren, die auch Fragen der Sexualität nicht tabuisierten. Und sie macht deutlich, welche Herausforderung es darstellte, die Benediktsregel einzuhalten: „Werde ich ausharren können, hat sich Hildegard sicher gefragt, ein Leben lang? (…) Wie alle Heranwachsenden spürt wohl auch sie – trotz der Klosterzucht – die Vermessenheit der Jugend.“

Gerade durch solche Passagen, in denen Kindheit und Jugend von Hildegard thematisiert und imaginiert werden, wird eine Brücke zu den heutigen jugendlichen Lesern und ihrer Lebenswelt gebaut. Hier zeigt sich das besondere Talent Charlotte Kerners, die bereits mehrere preisgekrönte Bio-graphien für Jugendliche verfasst hat, als Brückenbauerin zwischen unterschiedlichen Zeithorizonten und Lebenswelten zu vermitteln. Gerade diese Aspekte der Kindheits- und Jugenddarstellung stellen eine Form der Akkomodation an die kindlichen und jugendlichen Leser dar – wenn auch manche ihrer Schilderungen wohl für die anvisierte Zielgruppe zu sehr mit historischen Fakten angereichert sind.

Während Charlotte Kerners jugendliterarische Biographie die Lebensstationen von Hildegard in großer Komplexität darstellt, zeigt das Bilderbuch „Wie eine kleine Feder“ von Philipp und Caroline von Ketteler zentrale Stationen und Ereignisse in Form von Schlaglichtern. Die titelgebende Metapher der Feder ist aus Hildegards Schriften entlehnt und wird in der Einleitung des Buches aufgegriffen: „Wie ich, Hildegard, mich fühle? Stellt euch eine kleine, unscheinbare Feder vor. Leblos und ohne eigene Kraft liegt sie auf der Erde; bis zu dem Moment, da der Wind sie vom Boden aufnimmt und die Höhe hebt…“ Federn sind in der Mythologie ein Symbol des Elements Luft. Sie stehen für Sanftheit und Leichtigkeit – in der Religion der Ägypter war die Jenseits-Vorstellung verbreitet, dass eine Seele, die so leicht war wie eine Feder, von keinen Sünden belastet war.

So wurde nach dem Tod einer Person die Seele mit der Feder der Maat aufgewogen. Federn spielen auch in der Traumdeutung eine zentrale Rolle, symbolisieren sie doch unsere leichten, unbeschwerten Seiten, den Mut zum Aufbruch, den Flug zu den anderen, noch weniger vertrauten Seiten des Selbst. Federn können, vom Wind getragen, einen weiten Weg zurücklegen, schwerelos, voller Leichtigkeit. Hildegard von Bingen findet für ihren spirituellen Weg, den sie als Getragensein von Gott empfindet, das einprägsame Bild der „kleinen Feder“, die aus eigener Kraft nicht fähig zu Bewegung ist, aber von der Kraft des göttlichen Bewegers getragen wird.

Das Autoren-Team Caroline und Philipp von Ketteler greifen in ihrem ansprechend illustrierten Bilderbuch die Doppeldeutigkeit des Wortes „Feder“ auf, wenn sie zum einen die schwebende Vogelfeder illustrieren, zum anderen die Schreibfeder Hildegards beim Verfassen der Schrift Liber Scivias (1141–1151) („Wisse die Wege“).

Die beiden Autoren folgen dabei dem Prinzip, das vielen Heiligen-Legenden und Heiligen-Biographien zugrunde liegt, wenn sie die Ursprünge von Hildegards visionärer Begabung in der Kindheit verorten: „Nichts gibt es in ihren Augen, was uns Gott nicht gegeben hat, damit wir es in Ehren halten. Sie geht mit so großen und wachen Augen durch die Welt. Dabei sieht sie Dinge, die wir noch nie wahrgenommen haben! Mehr noch, sie sieht Dinge, die wir gar nicht sehen können! So war sie fünf oder sechs Jahre alt, als sie mit ihrer Amme draußen bei den Feldern spazieren ging. Mit einem Mal blieb sie vor einer trächtigen Kuh stehen und beschrieb ganz genau, wie das Kälbchen im Bauch seiner Mutter aussieht; jeden einzelnen Fleck konnte sie sagen! Und genau so kam das Kalb dann später auch zur Welt.“

Heiligen-Biographien – so auch die vorliegende – zeichnen sich in der Regel dadurch aus, dass sie das Leben ex post deuten und ihm dadurch einen übergeordneten Sinn verleihen. Philipp und Caroline von Ketteler zeigen die einzelnen Lebensstationen der Hildegard von Bingen von der Geburt bis zum Tod (und auch ihr Nachwirken bis hin zur Kanonisierung als Heilige und Kirchenlehrerein durch Benedikt XVI.) in chronologischer Abfolge. Sie nutzen dabei jedoch noch einen weiteren Kunstgriff, indem sie die Lebensstationen und -ereignisse aus der Perspektive unterschiedlicher Zeugen und Wegbegleiter Hildegards zeigen.

So wird Hildegards bereits außergewöhnliche Kindheit als 10. Kind von Hildebert und Mechthild von Bermersheim sowohl aus der Perspektive der Eltern als auch aus der Perspektive der Geschwister beleuchtet: „Anfangs, da war Hildegard erst drei Jahre alt, da dachten wir, sie habe einfach geträumt, als sie uns davon erzählte, dass sie am frühen Morgen ein großes Licht gesehen habe. Aber sie beharrte darauf, dass sie längst aufgestanden war, dass sie hell wach gewesen und das Ganze auf gar keinen Fall ein Traum gewesen sei.“

Die multiperspektivische Struktur stellt einige Ansprüche an die kindlichen Rezipienten und erfordert einen erwachsenen Vermittler, der die einzelnen Perspektiven erklärt und aufeinander bezieht. Dann erschließt sich die Vielschichtigkeit des Bilderbuches, das nicht nur Einblick in das Leben Hildegards, sondern auch in das benediktinische Leben und die mittelalterliche Welt gibt: „Als Frau stehen ihr die Tore der Domschulen nicht offen – aber die Augen für die Welt, die hält sie jederzeit weit aufgerissen…“

Prof. Dr. Sabine Berthold ist Juniorprofessorin am Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität Berlin. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählt die Kinder- und Jugendliteratur.

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