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Visuelle Wahrnehmungen kommunizieren 1_2013

Von Gregor Weigand

Schüler/-innen der 8. Klasse sehen Hildegards Visionen neu

Papst Benedikt XVI. ist es zu verdanken, dass die Region Rheingau-Wiesbaden seit 2012 in Hildegard von Bingen eine jetzt offizielle kirchliche Heilige verehren kann, die zudem unter die noch geringe Zahl der Kirchenlehrerinnen aufgenommen wurde. Der deutsche Papst hat uns in zwei lehrreichen Katechesen, die man gut in der Einarbeitungsphase zum Thema „Religion und Mystik“ im Unterricht besprechen kann, auf die wachsende Bedeutung der Frauen für die Betrachtung Gottes und der Glaubensgeheimnisse hingewiesen, indem er die hl. Hildegard als leuchtendes Beispiel bezeichnete. [1]

Leseproben EngelbildZeichnung von Vanessa Vay. Zur Textstelle „Chöre der Engel“ aus Hildegards „Liber Scivias“

Kompetenzen und Inhaltsfelder

Im Folgenden soll dargestellt werden, wie Schülerinnen und Schüler (SuS) der Sek I mit der Bildsprache der Visionärin und Mystikerin umgehen können. Die Unterrichtssequenz, aus der die Beispiele stammen, wurde zu unterschiedlichen Zeiten an zwei Wiesbadener Gymnasien jeweils in der achten Klasse durchgeführt. Sie soll in den kompetenzorientierten Religionsunterricht eingegliedert und kann in der Jahrgangstufe 8 dem Inhaltsfeld „Kirche“ zugeordnet werden. Je nach Auswahl einer bestimmten Vision kommt auch die Zuordnung zu den weiteren Inhaltsfeldern „Mensch und Welt“, „Gott“, „Bibel und Tradition“ oder „Jesus Chris-tus“ infrage. Durch die Methode der Bilderschließung arbeiten sich die SuS in praktisch alle bekannten Kompetenzbereiche ein. Sie versuchen die Visionen Hildegards zu beschreiben (Wahrnehmungskompetenz), zu deuten und zu erläutern (Deutungskompetenz), die Bilder in den religiösen Zusammenhang einzuordnen und einen Bezug zum eigenen Leben herzustellen (Urteilskompetenz), sich mit anderen in der Gruppe und in der Klasse über das Ergebnis der eigenen künstlerischen Deutung auseinanderzusetzen und die eigene Überzeugung zu erläutern (Kommunikationskompetenz) und ihre Ergebnisse in einem weiteren Handlungsrahmen anderen zur Verfügung, zur Betrachtung und zur Diskussion zu stellen (Partizipationskompetenz). Bilder eignen sich in dieser Jahrgangsstufe besonders für die Kommunikation untereinander, denn sie sind mehrdeutig und mehrdimensional, sie werfen Fragen auf, geben keine schnellen Antworten und können neue Sichtweisen und Perspektiven eröffnen. Die praktische Beschäftigung mit den Bildern und Visionen eröffnet für die SuS einen emotionaleren und tieferen Weg der religiösen Auseinandersetzung, der auch die menschliche Seele berührt.

Eine fremde Welt

Der Zugang zur mittelalterlichen Klosterfrau und Visionärin Hildegard von Bingen ist für SuS einer achten Klasse nicht einfach, haben doch Hildegards Lebensform und ihr seelisches Empfinden von damals mit der Realität von Schülern heute nichts gemeinsam. Dass Eltern ihre Tochter in jugendlichem Alter im Kloster abgeben und so über ihre Lebensform bestimmen, wird grundsätzlich als Unrecht empfunden. Da hilft auch nicht viel, dass der Lehrer ihren weiteren Lebensweg und ihre späteren Klostergründungen als erste historische Stufe der Frauenemanzipation beschreibt. Dass Hildegard ihre Mitschwestern durch Gesang und Tanz faszinierte, mag für heutige SuS noch nachvollziehbar sein, aber schon das Anhören dieser Melodien in der Form des gregorianischen Chorals verursacht Kopfschütteln. Auf größtes Unverständnis in unserer realitätsfixierten Welt stoßen Hildegards Visionen.
Nun liegt natürlich der größte Reiz für die Lehrperson darin, im Unterricht mit dem Unverständlichsten zu beginnen. Zunächst bringt es nicht viel mehr Verständnis, wenn man den SuS die Begriffe „Visionärin“ oder „Mystikerin“ näher erklären will. Auch die in den Religionsbüchern abgedruckten und sehr schön anzusehenden Buchmalereien von Hildegards Visionen sind komplex und bleiben trotz guter Erklärungen undurchsichtig. [2] In dieser schwierigen Lage stellte sich mir einfach die Frage: Was hat Hildegard wirklich gesehen? Und: Könnte man dieses „Sehen“ nicht einfach mit den SuS einmal ausprobieren?

Didaktische Überlegungen

Wir nehmen Hildegards Visionen meist nur aus zweiter Hand wahr – durch die kunstvollen Nachdrucke der Buchmalereien und sekundären Erklärungen der Visionen in der Literatur. Wäre es nicht ein fruchtbares Experiment, wenn SuS die Visionen Hildegards nach deren Originalangaben zeichnen würden? Kommen dann die gleichen Bilder wie in den Buchmalereien heraus oder ganz andere? Eine weitere Überlegung: Was werden die SuS von der Vision zeichnen und in den Mittelpunkt stellen? Wie werden Sie ihre Zeichnung selbst deuten? Die letzte Überlegung für mich als Lehrer war: Wie bekomme ich ein interessantes Unterrichtsgespräch mit vielleicht unterschiedlichen Deutungen und Positionen zustande?

Slider2 LeseprobeZeichnung von Sarah Thomas. Zur Textstelle „xxx“ aus Hildegards „Liber Scivias“

Unterrichtliches Vorgehen

Es empfiehlt sich folgender Arbeitsablauf: Aufteilung der Klasse in Arbeitsgruppen mit gerader Anzahl, also 2 Gruppen, 4 Gruppen, 6 Gruppen. Die Gruppengröße sollte bei 3 - 4 Schülern liegen.
Die für die 6 Gruppen vorgesehenen Visionen wurden alle aus Hildegards erster Schrift „Liber Scivias“ ausgewählt. [3] Sie hatten folgende Titel:

  1. Das Weltall
  2. Der Weg der Erlösung
  3. Chöre der Engel
  4. Die wahre Dreiheit
  5. Der Tag der Offenbarung
  6. Die Turmvision: Mit Kraft gesalbt

Zu 1, 2 und 5 wurden die schon gekürzten Originaltexte Hildegards aus einem Meditationsheft entnommen, das weitere nützliche Einführungen zu den Visionen enthält [4]; außerdem sind die Buchmalereien dazu in guter Qualität abgedruckt. Zu 3, 4 und 6 fehlen in dem Heft die Originaltexte, man muss sie deshalb dem Buch „Scivias“ entnehmen. [5] Die Buchmalereien aus dem Rupertsberger Scivias-Kodex gibt man an die Schülergruppen in Form von Kunstpostkarten aus, die man in der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim/Eibingen erwerben oder auf der Klosterhomepage online betrachten kann. [6] Hier gibt es seit neustem auch eine online-site mit Bildmeditationen zu allen oben ausgewählten Visionen von Sr. Maura Zátonyi OSB, die man evtl. zum Abschluss des Projektes den SuS noch zusätzlich zeigen könnte. [7]

Arbeitsphase in den Arbeitsgruppen:

  1. Jede Gruppe bekommt das Bild einer Buchmalerei von einer Vision Hildegards.
  2. Die Gruppe versucht die Buchmalerei gemeinsam zu beschreiben und hält Stichworte dazu auf einer Schreibfolie für den Overheadprojektor fest.
  3. Die Gruppe bekommt den Text einer anderen Vision Hildegards, der inhaltlich nicht der Buchmalerei entspricht.
  4. SuS zeichnet zu dieser Vision sein eigenes Bild möglichst in DIN A 4 Format auf das Blatt eines Kunstblocks mit der Maßgabe, sein Kunstwerk der Klasse vorzustellen.

Zeitaufwand etwa 2-3 Unterrichtsstunden, die Malaufgabe kann jeder auch zu Hause eigenständig beenden. Zu Punkt 4 empfiehlt es sich, Hildegardgesänge gregorianisch oder modern als Meditationsmusik im Hintergrund abzuspielen. So genießt jeder die Stille dieser Arbeitsphase und lässt sich seelisch tiefer berühren.

Stundenverlauf nach der Arbeitsphase:

  1. Gruppenweise stellt SuS das eigene Bild der Klasse vor und beschreibt seine Hauptbeobachtungen und Gedanken (3-4 unterschiedliche Bilder). [8]
  2. Der Originaltext der Vision Hildegards wird von Mitgliedern der Arbeitsgruppe vorgelesen.
  3. Die Buchmalerei zum gleichen Thema wird von der Komplementärgruppe gezeigt und mit Hilfe der erstellten Overheadfolie beschrieben. [9]
  4. Unterrichtsgespräch der gesamten Klasse über die verschiedenen visuellen Umsetzungen, Beobachtungen, Gefühle, Einordnungen und Deutungen. Einbeziehung der Erklärungen zum Thema „Mystik“ aus Schülerbuch. [10]

Zeitaufwand pro Gruppe etwa ½ Unterrichtsstunde, bei sechs Gruppen etwa 3 Stunden.
Der Lehrer sollte schon vor der öffentlichen Arbeitsphase die von den SuS hergestellten Bilder digitalisiert haben. Durch die Projektion mit Beamer im abgedunkelten Raum erhöhen sich Konzentration und Sehkraft der SuS. Durch die verschiedenen eigenen Kunstwerke, die immer wieder Überraschungen bieten, sowie der visuellen Schönheit der Buchmalereien, die ebenfalls projiziert werden, bleibt die Spannung bei der Vorstellung und im Unterrichtsgespräch erhalten. Als (Haus-)aufgabe sollte SuS die eigene Deutung seiner Hildegardvision und die wichtigsten Ergebnisse des Unterrichtsgespräches darüber verschriftlichen.
Die eindrucksvollsten Schülerzeichnungen können archiviert und, wenn die SuS damit einverstanden sind, für schulinterne Ausstellungen (z. B. am Tag der Offenen Tür) zur Verfügung gestellt werden. Damit können die SuS beeindruckt von Hildegards Visionen ihre eigenen visuellen Wahrnehmungen und ihre visionäre Hoffnung kommunizieren und anderen weitergeben.

Anmerkungen

  1. http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/audiences/2010/documents/hf_ben-xvi_aud_20100901_ge.html http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/audiences/2010/documents/hf_ben-xvi_aud_20100908_ge.html http://www.abtei-st-hildegard.de/?p=1081
  2. Hildegard von Bingen. Eine Mystikerin von Welt, in: Werner Trutwin: Wege des Glaubens. Religion – Sekundarstufe I, Jahrgangsstufen 7/8, Düsseldorf 2001, S. 125 -127. – Die guten begrifflichen Erklärungen sollten erst in einen fortgeschrittenen Unterrichtsverlauf eingebunden werden, vgl. Kompetenzraster.
  3. Hildegard von Bingen: Scivias – Wisse die Wege. Eine Schau von Gott und Mensch in Schöpfung und Zeit, Freiburg, Basel, Wien 21992.
  4. Hildegard von Bingen: Ich hörte die Stimme und sah. Mit Meditationen von Dietrich Steinwede, Freiburg i. Br. 1989.
  5. Siehe Fußnote 3. Zu 3: S. 94. Zu 4: S. 118f. Zu 6: S. 152.
  6. http://www.abtei-st-hildegard.de/?portfolio=der-rupertsberger-%E2%80%9Escivias-kodex&show=gallery
  7. http://www.abtei-st-hildegard.de/wp2012/?cat=31
  8. Aus Platzgründen sind nur die eindrucksvollsten Schülerzeichnungen aus den Arbeitsgruppen 3 „Chöre der Engel“ und 4 „Die wahre Dreiheit“ angefügt.
  9. Schülerbeschreibungen der Buchminiaturen nur zu den Themen wie Anm. 8.
  10. vgl. Anm. 2, S. 126.

Dipl.-Theol. Gregor Weigand ist Religionslehrer und Pastoralreferent, Fachsprecher Katholische Religion am Gymnasium Oranienschule Wiesbaden und Mitglied des Arbeitskreises „Kirche und Synagoge“ des Bistums Limburg.

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