Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Jürgen Kaube: Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?

„Nachdenken first.“ Diese Maxime findet sich in Jürgen Kaubes Streitschrift über das Elend und den Glanz der Schule auf Seite 207. Unauffällig und ohne ein Ausrufezeichen. Dabei könnte die schöne Variation eines Wahlslogans als Basso continuo der Betrachtungen des für das Feuilleton zuständigen Herausgebers der FAZ gelten. Denn, so Kaube, mit der Schule können viele Ideale und Programme verknüpft werden. Wenn sich die Schule aber nicht um ihr Kerngeschäft kümmert – um das Denken, das wiederum auf Wissen und Üben basiert – verfehlt sie ihr Thema. Wie begründet der Autor diese nur scheinbar triviale These?

Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis des Buches gibt eine erste Auskunft. Von den vierzehn Kapiteln des Buches sind sechs geläufigen Erwartungen gewidmet, die Kaube als nicht realisierbar, zum Teil nicht einmal wünschenswert ansieht. So könne die Schule nicht „alles“ leisten (auch dies nur eine scheinbare Selbstverständlichkeit!), könne auch nicht „allen“ den sozialen Aufstieg ermöglichen oder die „gesellschaftliche Zukunft“ sichern. Zugleich möchte Kaube die Schule von „Digitalisierungsphantasien“ befreien, ebenso von „Lehrillusionen“ und dem „Zentralismus“. Der Journalist, gelernter Wirtschaftswissenschaftler und ausgewiesener Soziologe, traut sich etwas, könnte man gleich ausrufen. Doch seine Argumentation, getragen von zahllosen Verweisen auf prätentiöse Bildungskonzepte und wenig durchdachte Lehrpläne, überzeugt. Zu der brisanten Aussage über den sozialen Aufstieg heißt es beispielsweise: „Die Bildungspolitik kann die Grundschule stärken und in Vorschulerziehung investieren, um krasse Ungleichheiten aufgrund unterschiedlicher Familienhintergründe zu dämpfen. Sie kann sich aber nicht als die eigentliche Sozialpolitik darstellen und behaupten, die Schule eigne sich dafür, der Ort des Ausgleichs jedweder gesellschaftlicher Asymmetrien zu sein.“

Von hier lässt sich auf direktem Wege zu den schulischen Hauptsachen kommen, zu dem, was in Kaubes Augen der Schule tatsächlich aufgebürdet werden kann, nein muss: „Lesen, Schreiben, Rechnen unterrichten.“ Das klingt altbacken, und doch begleiten uns seit vielen Jahren regelmäßig Meldungen, dass eine gehörige Anzahl von Jungen und Mädchen die Schule ohne verwertbare Kenntnisse aus der Welt der Sprache und der Zahlen verlässt. Zugleich überbieten sich Bildungsforscher und Didaktiker in unzähligen Konzepten, die „kreatives Schreiben“, „Selbsteinschätzungskompetenz“ und „Selbstregulation des Wissenserwerbs“ als Ziele formulieren. „Alles“, so Kaube, „bevor sie [die Schüler] dividieren können oder wissen, wie sich ‚trotzdem‘ zu ‚weswegen‘ verhält, dass Italien im Süden liegt, aber für Bewohner Schwedens Hamburg auch, oder worin sich ‚die See‘ von ‚dem See‘ unterscheidet.“ Mag man eine solche Gegenüberstellung als polemisch bezeichnen, falsch ist sie nicht. Jeder Schulpraktiker nimmt ja ganz unpolemisch wahr, wie sich beispielsweise die orthographischen Kenntnisse der Schüler in den letzten Jahrzehnten entwickelt haben. Über den Unterschied zwischen „du hast“ und „du hasst“, gar „Hast“, lange zu diskutieren, so Kaube, ergibt keinen tieferen Sinn, „man muss es sich einfach merken“.

Das Üben und das Merken – das Wissen also – sind für den Autor nicht zu trennen von dem wichtigsten Angebot, das die Schule macht respektive machen sollte: die Nachdenklichkeit der Schüler zu stärken, sie mit gedankenreichen Fragen zu konfrontieren, zu befähigen, Phrasendrescherei zu durchschauen. Dass dies inhaltlich nicht „allumfassend“ geschehen kann, vielmehr nur an klug und lokal unterschiedlich ausgewählten Wissensstücken, das wiederholt und illustriert der Verfasser mehrfach. So ist sein Buch zugleich als ein Entlastungsbuch zu lesen wie als eine große Einladung, solche „Unterrichtsgegenstände“ zu bevorzugen, die zum Nachdenken führen. „Hauptsache“, so formuliert der Autor seine Erwartung an die Lehrer, „sie machen es sich und ihren Schülern nicht leicht – denn die Welt ist nicht leicht, sondern schwierig.“

Jürgen Kaube hat ein kluges Buch über die Schule geschrieben, das den Leser beunruhigt, noch mehr inspiriert und alle Lehrerinnen und Lehrer vor die Frage stellt, ob ihr eigener Unterricht genug zu denken gibt.

Berlin: Rowohlt Verlag. 2019
335 Seiten
22,20 €
ISBN 978-3-7371-0053-3

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