Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Matteo Ricci: Über die Freundschaft

 

Der italienische Jesuit Matteo Ricci (1552-1610) war ein wichtiger Vermittler zwischen dem Westen und dem Osten, zwischen dem Christentum und dem Konfuzianismus. Sein Orden schickte ihn nach China, wo er ab Ende des 16. Jahrhunderts wirkte und durch seine Kenntnisse in der Mathematik, in der Kartographie und in den Naturwissenschaften, aber auch in Geschichte und Philosophie die dortigen Gelehrten beeindruckte. Ricci wusste um die Rolle der Freundschaft in der Kultur Chinas und widmete sein erstes chinesisches Buch diesem Thema. Seine Zusammenstellung von Zeugnissen über die Freundschaft von klassischen Denkern der westlichen Kultur – von Sokrates, Platon und Aristoteles über Cicero und Seneca bis hin zu christlichen Autoren wie Augustinus oder Ambrosius – sollte seinen chinesischen...

Burkhard Liebsch / Bernhard H. F. Taureck: Trostlose Vernunft?

Der Band besteht aus vier Essays, in denen sich die beiden Autoren mit dem 2019 erschienenen Werk von Jürgen Habermas „Auch eine Geschichte der Philosophie“ auseinandersetzen. Unter dem Titel „Geschichtliche Perspektiven ‚heil‘-loser Vernunft“ diskutiert Burkhard Liebsch im ersten Kapitel „Jürgen Habermas‘ implizite Geschichtsphilosophie – und was sie vermissen lässt“ (15-71). Seine Kritik zielt nicht so sehr auf vermeintliche Widersprüche, sondern auf vernachlässigte Aspekte. Die von Habermas ausgeblendete „responsive Ansprechbarkeit des Anderen als eines radikal Anderen“ (56) müsse als Zentrum der ethischen Verpflichtung betrachtet werden. Zurückzuweisen ist der Vorwurf von Liebsch, das Verhältnis von Glauben und Wissen werde von Habermas als „Aneignung des Anderen“ (68) verstanden. Der...

Otfried Höffe: Was hält die Gesellschaft noch zusammen?

Der Grandseigneur der deutschen politischen Philosophie, Prof. Dr. Otfried Höffe, emeritierter Ordinarius für Philosophie an der Universität Tübingen, trägt in einem wissenschaftlichen Essay seine Sichten auf Dynamik und Konflikte unserer aktuellen Gesellschaft zusammen. Der Philosoph Höffe mit seinen Forschungsschwerpunkten in der klassischen griechischen Philosophie und zu Denkern der Aufklärung, vorrangig Immanuel Kant, spannt in seinen Überlegungen einen großen menschheitsgeschichtlichen Bogen zur Erklärung seiner drei Leitfragen: Welche Faktoren halten die westlichen Demokratien trotz erheblicher Gegenkräfte noch zusammen? Welche Faktoren gefährden den Zusammenhalt? Wie überwinden westliche Demokratien die einschlägigen Gefahren?

Zunächst beschreibt Höffe die vormoderne Gesellschaft...

Wilhelm Vossenkuhl: Ethik und ihre Grenzen

Wilhelm Vossenkuhl ist emeritierter Professor für Philosophie an der Universität München. Er legt mit diesem Band eine Reflexion über das gesamte Feld der Ethik vor und betont die erzählerische Herangehensweise, die sich aus zwei Quellen speist: die alltäglichen Fragen und Sorgen der Menschen und die lange Geschichte der ethischen Reflexion. Schon ein Blick ins Personenregister zeigt, dass es vor allem die Metaphysik der Sitten des Immanuel Kant ist, an der der Autor sich abarbeitet: Während Kant seine Rechtslehre und Tugendlehre allerdings in systematischer Gliederung aus den zugrunde gelegten Prinzipien der praktischen Vernunft herleitet, fragt Vossenkuhl nach den Grenzen der Ethik und reiht ohne Systembildung Überlegungen zu relevanten Begriffen aneinander: Sorge, Tugenden, Scham,...

Frido Mann / Christine Mann (Hg.): Im Lichte der Quanten

Nicht weniger als ein neues Weltbild wird im Untertitel dieses von Frido und Christine Mann herausgegebenen Bandes angekündigt. Mit den Mitteln der Quantenphysik sollen die ungeklärten Fragen nach der Entstehung des Bewusstseins und der leib-seelischen Einheit beantwortet werden, um die Grundlage für ein ganzheitliches Menschenbild zu schaffen. In kritischer Auseinandersetzung mit dem deterministischen Physikalismus will das Autorenteam insbesondere die Willensfreiheit des Menschen verteidigen. Das ist ein höchst wichtiges Vorhaben angesichts der aktuell wirkmächtigen Neurophilosophie, die den Menschen zu einem biologischen informationsverarbeitenden System ohne Sinn und Wert herabwürdigt.

Grundlage für die im Band versammelten Beiträge ist die Theorie von Thomas Görnitz, einem...

Evy Billermann / Juliana Heidenreich: Ich geh mit dir durchs Trauerland

Das bemerkenswerte Bilderbuch „Ich geh mit dir durchs Trauerland“ geht mutig und sensibel an ein schwieriges Thema, es beschreibt nämlich die ersten Tage eines Kindes nach dem kaum zu fassenden unerwarteten Tod seines Vaters. Wenn in einer Familie der Vater oder die Mutter stirbt, dann gehören die Kinder oft zu der am stärksten benachteiligten Gruppe, denn das überlebende Elternteil ist ja selbst sehr mit seiner eigenen Trauer beschäftigt und kann kaum Trost spenden. Nicht selten fühlt sich das Kind ganz allein und hilflos mit seinem Verlust und kann sogar in die Rolle des Tröstenden geraten.

Evy Billermann, Sterbe- und Trauerbegleiterin in einem Hospiz, nimmt diese Einsamkeit in der Trauer ernst und stellt dem trauernden Kind im Buch eine verlässliche Freundin an die Seite, die sich...

Die anarchische Kraft des Monotheismus. Eckhard Nordhofens „Corpora“ in der Diskussion

Versteht man den Monotheismus besser, wenn man seine Geschichte als Mediengeschichte erzählt? Eckhard Nordhofen hat diese Frage in seinem 2018 erschienenen, inzwischen in der 3. Auflage vorliegenden Bestseller „Corpora. Die anarchische Kraft des Monotheismus“ aufgeworfen – und bejaht. Seine souverän entfaltete Geschichte der wechselnden Gottesmedien Bild, Schrift und Körper hat in den betroffenen Wissenschaften und der interessierten Öffentlichkeit für Aufsehen gesorgt. Denn Nordhofen hat sich nichts Geringeres vorgenommen als den jüdisch-christlichen Monotheismus zu (re-)habilitieren. Dazu sucht er dessen anarchische Kraft nachzuweisen: Der zugleich an- und abwesende Gott entzieht sich sämtlichen Funktionalisierungen, so eine zentrale These des Buches; er bleibt bei aller Vertrautheit mit...

Rüdiger Safranski: Einzeln Sein. Eine philosophische Herausforderung

In den letzten zwei Jahrzehnten hat der Begriff Influencer eine erstaunliche Karriere gemacht. Als solche werden – tendenziell jüngere – Menschen bezeichnet, die sich durch eine starke Präsenz in den sozialen Medien und ihren dort vermittelten Lebensstil ein Ansehen und vor allem eine große Zahl an Followern erworben haben. Die Influencer versuchen, Trends zu setzen und etwas Einzigartiges zu verkörpern, zugleich beruht ihr Geschäftsmodell darauf, dass sie von einer möglichst großen Schar von Fans geklickt und bejubelt werden. Das Phänomen veranschaulicht in den Farben des digitalen Umbruchs ein altes philosophisches, wohl auch anthropologisches Rätsel. Der Aufrechtgeher Mensch ist gerne „besonders“ und individuell, kann in der Regel jedoch nicht auf die Anerkennung durch die Gesellschaft...