Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Matthias Lindenau / Marcel Meier Kressig (Hg.: Religion und Vernunft – ein Widerstreit?

Der Titel trügt, denn allenfalls in einem der vier Beiträge geht es explizit um das Verhältnis von Religion und Vernunft. Wohl gibt der Untertitel „Glauben in der säkularen Gesellschaft“ den thematischen Konvergenzpunkt der vorliegenden Texte wieder.

In seinem Beitrag über „Figuren der Religionskritik und ihre Aktualität“ begreift Konrad Paul Liessmann Aufklärung primär als Religionskritik. Dabei stellt er zunächst die klassischen Positionen von Marx, Freud und Nietzsche dar. Sehr bewusst rückt der Autor aus wirkungsgeschichtlichen Gründen Nietzsche an das Ende seiner Darstellung. Denn er betont, dass dessen „toller Mensch“ seine Botschaft vom Tod Gottes nicht an Gläubige richtet, sondern an Atheisten. Diese klärt er nämlich darüber auf, was sie angerichtet haben, als sie Gott als...

Perry Schmidt-Leukel: Buddhismus verstehen

Das 2017 erschienene Werk „ Buddhismus verstehen. Geschichte und Ideenwelt einer ungewöhnlichen Religion" ist die lang erwartete deutsche Übersetzung des sehr positiv aufgenommenen Werks „Understanding Buddhism" des renommierten Religionswissenschaftlers und Religionstheologen Prof. Dr. Perry Schmidt-Leukel (Universität Münster). Die deutsche Übersetzung von Hans-Georg Türstig wurde vom Autor aktualisiert, erweitert und autorisiert.

Der Titel des Buches kündigt an, dass der Buddhismus eine ungewöhnliche Religion ist, und verspricht, dass sie dennoch verstanden werden kann. Und dieses Versprechen wird vom Autor eingelöst. Das Werk ist sachkundig exzellent verfasst. Es führt auf wissenschaftlich hohem Niveau und zugleich literarisch spannend in die Geschichte und Grundgedanken des...

Michael Klein: Bankier der Barmherzigkeit: Friedrich Wilhelm Raiffeisen

Im März dieses Jahres jährte sich der Geburtstag des Sozialreformers Friedrich Wilhelm Raiffeisen zum 200. Mal. Das schmale Buch von Michael Klein malt das Bild eines völlig selbstlosen Wohltäters, der immer wieder mit allen möglichen Widerständen zu kämpfen hatte. Getrieben war er dabei von seinem Glauben; bei einer Versammlung des Wohltätigkeitsvereins sprach er von Gott als „unserem obersten Direktor“. Das Buch gibt Einblicke in Raiffeisens Beweggründe für sein Engagement, es zeigt die Wurzeln seiner Aktivitäten – auch während seiner Bürgermeisterämter –, bringt seinen unerschütterlichen Glauben, seine praktizierte Nächstenliebe auf den Punkt und ordnet diese richtigerweise in seine familiären Wurzeln ein. Es ist interessant, hierzu immer wieder Originalschriftstücke im Text zu finden.

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Wolfgang Detel: Warum wir nichts über Gott wissen können

In der Palette religionskritischer Literatur der Gegenwart zeichnet sich die hier vertretene Position dadurch aus, dass sie weder dem Theismus noch dem Atheismus zugeordnet sein will, sondern sich als agnostisch versteht. Diesen von ihm vertretenen Agnostizismus will der Autor als „Religion ohne Gott“ verstanden wissen. Sie wird ganz dem Gefühl zugeordnet, das sich etwa einstellt, wenn wir mit Kant über „den gestirnten Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“ staunen, lässt aber positive Aussagen über Transzendenz nur als Ausdruck poetischer Ergriffenheit zu. Begründet wird dieser Agnostizismus erstens durch die u.a. am Werk Jan Assmanns abgelesene Behauptung, dass der Theismus notwendig in Intoleranz und Gewalt münde, und zweitens durch den versuchten Nachweis, dass die Gott...

Georg M. Oswald: Unsere Grundrechte

Georg M. Oswald stellt die Grundrechte des Grundgesetzes dar. Dabei geht es ihm nicht darum, einen juristischen Kommentar zu schreiben. Vielmehr wirft er einen Blick auf die aktuelle gesellschaftliche und politische Situation und beschäftigt sich mit der Frage, wie die Grundrechte Antworten geben können. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass die Grundrechte das „Fundament einer menschenwürdigen Gesellschaft bilden, um die immer wieder von Neuem gekämpft werden muss.“ Der Autor erreicht das von ihm verfolgte Ziel, die Grundrechte mit seinem Buch allen Bürgern näherzubringen – auch denen, die juristisch nicht vorgebildet sind. Er entfaltet die Bedeutung der Grundrechte anhand aktueller Ereignisse. Die Qualität des Buches liegt aus meiner Sicht darin, dass es sich nicht um ein Werk handelt,...

Bruno Kern: „Es rettet uns kein höh’res Wesen“

Karl Marx wurde vor 200 Jahren in Trier geboren. Wie kaum ein zweiter prägte er die Entwicklungen in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Auch Leninismus, Stalinismus, Maoismus und andere totalitäre Systeme haben sich auf ihn berufen, obwohl sie seine Denkansätze ideologisch überhöht, insgesamt sogar verraten haben. Selbst Katholische Soziallehre und Befreiungstheologie hätten sich ohne die Impulse von Marx nicht so entwickelt. In diesem Sinne gilt, was Oswald von Nell-Breuning einmal sagte: „Wir stehen alle auf den Schultern von Karl Marx.“ Umso bedauernswerter ist es, dass sich Christen und Theologen heute immer weniger mit Marx beschäftigen und die Kenntnis seiner Gedanken enorm zurückgegangen ist.

Einer unbefangenen und produktiven Rezeption von Marx in katholischer Kirche und...

Wilhelm Schwendemann / Katrin Hagen / Detlev G. Theobald: Sterbehilfe und medizinisch-assistierter Suizid

Die vorliegende Arbeitshilfe ist die vierte Veröffentlichung in der Calwer-Reihe „Ethik für das Leben“. Sie befasst sich ausschließlich mit dem Thema Sterbehilfe und legt bei der Auswahl der Materialien einen Schwerpunkt auf die rechtliche Neuregelung im November 2015. Damals hatte der Deutsche Bundestag nach emotionaler Debatte und Aufhebung des Fraktionszwangs den neuen Paragrafen 217 des Strafgesetzbuches verabschiedet. Dieser stellt geschäftsmäßige Assistenz beim Suizid unter Strafe, nimmt davon aber ausdrücklich Angehörige und nahestehende Personen aus. Die hierzu präsentierten Materialien spiegeln die parlamentarische Auseinandersetzung vor der Abstimmung sowie die anschließende verfassungsrechtliche Überprüfung des neuen Gesetzes wider und sind somit ausgesprochen aktuell.

Zielgrup...

Hans Joas: Die Macht des Heiligen

 

Nicht nur die Mehrheit der Sozialwissenschaftler, sondern auch große Teile der Öffentlichkeit gingen bis vor kurzem noch davon aus, dass der Prozess der Säkularisierung unaufhaltbar sei, dass Religion und Kirchen im Zuge von Modernisierungsprozessen an Bedeutung verlören und sich irgendwann einmal vollständig auflösten. Die Geschichte der Moderne wurde als eine Geschichte der Entzauberung und der Emanzipation von kirchlicher Vormundschaft gedacht, wobei man sich immer gerne auf einen der Gründungsväter der modernen Soziologie, Max Weber, und dessen Narrativ von der Entzauberung der Welt als Teil des okzidentalen Rationalisierungsprozesses berief. In letzter Zeit mehren sich die Stimmen, die dieses Narrativ in Frage stellen. Zu den prominentesten und wohl einflussreichsten Kritikern der...