Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Die konvivialistische Internationale: Das zweite konvivialistische Manifest

Den Begriff „Konvivialität“ hat der Philosoph und vormalige Jesuit Ivan Illich in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts im Zusammenhang mit seiner Technikkritik geprägt. Er führt damit ein Bewertungskriterium für technologische Errungenschaften ein: Sie dürfen ein Gemeinwesen nicht systematisch überfordern, die Souveränität der Gesellschaft gegenüber der Technik nicht gefährden. Genau in diesem Sinne wurde der Begriff in den letzten Jahren, vor allem im Zusammenhang der Degrowth-Bewegung, wiederentdeckt und entscheidend weiterentwickelt. Andrea Vetter zum Beispiel arbeitet in ihrer ebenfalls im transcript Verlag erschienenen Dissertation („Konviviale Technik“) eine entsprechende Kriteriologie aus: Beziehungsqualität, Verbundenheit mit allem Lebendigen, Zugänglichkeit,...

Michael Blume: Verschwörungsmythen

In dem Film „Fletchers Visionen“ von 1997 deckt Jerry Fletcher (Mel Gibson) zusammen mit der Staatsanwältin Alice Sutton (Julia Roberts) eine ungeheure Verschwörung auf: Die CIA hat Menschen mit Hilfe von illegalen Experimenten zur Bewusstseinskontrolle gezielt zu Mördern ausgebildet, die in ihrem Auftrag unliebsame Zeitgenossen töten. Jerry Fletcher ist einer dieser Killer. Was den Film sehr spannend macht, ist nicht nur seine rasante Handlung, sondern auch, dass Jerry Fletcher in dem Film glaubhaft weiteren Verschwörungstheorien einen hohen Wahrheitsgehalt verleihen kann, die als moderne Sagen oder Legenden im kollektiven Bewusstsein gespeichert sind, wie z.B. die Versetzung des Trinkwassers mit Drogen durch die Regierung oder die Chemtrails.

Was dem Film „Fletchers Visionen“ einen...

Terry Eagleton: Opfer

Einer in dieser Hinsicht zutreffenden Rezension im Feuilleton einer großen deutschen Tageszeitung zufolge geht es dem britischen Literaturwissenschaftler Terry Eagleton, der eine Professur für Englische Literatur an der Lancaster University innehat, in seinem hier angezeigten Buch um die Suche nach einem Übergang von einem katholisch geprägten Christentum zu einem unorthodoxen Marxismus. Das neueste Werk des Autors zahlreicher, auch in deutschen Verlagen veröffentlichter Publikationen erschien in englischer Sprache im Jahr 2018 und in seiner deutschen Übersetzung zwei Jahre später im Wiener Promedia-Verlag. Möglicherweise kein amüsanter Zufall, denn im Jahr 2018 gab der 200. Geburtstag von Karl Marx Anlass zu einer Flut zahlreicher Veröffentlichungen und noch zahlreicherer Veranstaltungen...

Frauke Fischer / Hilke Oberhansberg: Was hat die Mücke je für uns getan?

 

Der dramatische Verlust von Biodiversität, welches als das größte massenhafte Aussterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier gilt, dürfte vielen bekannt sein. Aber das Wissen über die Ursachen und Folgen für das menschliche Leben ist nicht so verbreitet, wie es notwendig wäre. Und erst recht hat sich die Erkenntnis nicht im Handeln der Politik und der Bevölkerung niedergeschlagen. Klimawandel und Artensterben sind eng wechselwirkend miteinander verknüpft. Hier leisten die Biologin Frauke Fischer und die Umweltwissenschaftlerin Hilke Oberhansberg mit ihrem Buch nötige Aufklärung. Es ist fachlich solide und dennoch locker geschrieben, dass sowohl Schülerinnen und Schüler der Mittel- und Oberstufe als auch Vorstände es begreifen – wobei ich mir bei denen von Bayer/Monsanto nicht so sicher...

François Jullien: Ressourcen des Christentums

In Reaktion auf den publizistischen Erfolg, den Vertreter des sogenannten „Neuen Atheismus“ seit der Jahrtausendwende in der medialen Öffentlichkeit erzielt haben, melden sich in jüngerer Zeit Philosophen zu Wort, die, obwohl nach eigenem Bekunden selbst nicht gläubig, über die in der Regel wenig plausiblen, logisch fehlerhaften Argumente der modernen Vulgär-Atheisten hinausgelangen möchten. Als prominentes Beispiel für den Versuch, den gesellschaftlichen Diskurs (wieder) auf eine seriöse, nicht länger primitiv-reduktionistische Grundlage zu stellen, kann der britische Philosoph Tim Crane angeführt werden, der 2017 das Buch „The Meaning of Belief. Religion from an Atheist's Point of View“ (vgl. die Rezension in EULENFISCH Literatur 1_2020) vorgelegt hat und darin treffend bemerkt: „In...

Peter Sloterdijk: Den Himmel zum Sprechen bringen. Über Theosophie

Es gilt, „den Himmel zum Sprechen zu bringen“. Kenntnis- und variationsreich schweift Peter Sloterdijk durch die Religions-, Philosophie- und Theologiegeschichte: von den alten Ägyptern zur griechischen Antike, von der Antike zu den Patristikern, vom Aquinaten zu Friedrich Schleiermacher, Martin Heidegger und Kurt Flasch, kreuz und quer, hin und her. Das religiöse Phänomen lässt Sloterdijk nicht los. Immer wieder greift er es auf, ironisierend bis zur Parodie, aber auch geistreich reflektierend mit Argumenten, die, weil aus reicher Quellenkenntnis schöpfend, durchaus religionswissenschaftlich wie theologiegeschichtlich weiterführen. Entstanden ist das vorliegende Werk aus einem Freiburger Vortrag über „Religion nach ihrer Entzauberung“ und einem erweiterten Beitrag zu einer Festschrift für...

Michael Kühnlein (Hg.): konservativ?! Miniaturen aus Kultur, Politik und Wissenschaft

Im Jahre 1795 lobte Napoleon Bonaparte einen Preis aus für ein Verfahren, mit dem man verderbliche Lebensmittel haltbar machen und seine Soldaten ohne Plünderungen ernähren konnte. Die Lösung war: die Konservendose – eine rundweg praktikable, ja sogar äußerst menschenfreundliche Lösung für das anstehende Problem. In heutigen Zeiten gilt aus kulinarischen und ökologischen Gründen solches Konservieren als höchst umstritten und veraltet, bestenfalls als „old school“ belächelt. So geht es auch der weltanschaulichen Haltung des „Konservativen“ – gängige Zuschreibungen dazu sind: ewiggestrig, reaktionär, Reformverweigerer, Bremser des Fortschritts … Andererseits erfordern augenscheinlich gesellschaftlich sowie individuell mitreißende und strukturverändernde Wandlungsprozesse auch eine...

Meister Eckhart: Die Reden zur Orientierung im Denken

Anzuzeigen ist hier eine neue Ausgabe der bekannten Frühschrift des damaligen Erfurter Dominikanerpriors Eckhart von Hohenheim in der philosophischen Bibliothek Meiner. Meister Eckhart hat in seinem wissenschaftlichen Studium als Magister und als Lektor – zweimal lehrte der „Lesemeister“ als Magister an der Pariser Universität – sein Verständnis eines begrifflich ausweisbaren „denkenden“ Glaubens erarbeitet. Zeitlebens verteidigt er seine Einsicht, dass ein solches Rationalitätsmodell den für einen Christen einzig überzeugenden und maßgeblichen Lebensentwurf darstellt. Nur durch eine vernunftgeleitete Theologie kann für Eckhart der Glauben von interessegeleiteten Verzerrungen durch Machtpolitik in den Staaten wie in der Kirche frei gehalten werden. Im Sinne seines dominikanischen...