Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Nikil Mukerji / Adriano Mannino: Covid-19: Was in der Krise zählt

Dass Epidemiologen und Virologen gebraucht werden, um einer Pandemie zu begegnen, leuchtet ein, aber Philosophen? – Die beiden Autoren Mukerji und Mannino plädieren nachdrücklich dafür, denn man benötigt Entscheidungstheorie und Risikoethik, um zum Beispiel die Frage anzugehen, welche Fachdisziplinen relevant sind und was man tun soll, wenn sich die Experten nicht einigen. In der akuten Krise kann die Philosophie nicht warten, bis die empirischen Daten komplett sind und die Fachdiskussion abgeschlossen ist, sondern man benötigt Heuristiken, um mit Unsicherheit und Dissens umzugehen. Gefragt ist „philosophy with a deadline“ (Nick Bostrom),Echtzeitphilosophie, und dies vor, während und nach der Krise. Dabei ist die Covid-19-Epidemie in Deutschland ein Anlass, über diese Fragen nachzudenken,...

Michael Stausberg: Die Heilsbringer

Im Zusammenhang der Weltausstellung 1893 in Chicago fand das erste Weltparlament der Religionen statt. Es dauerte 16 Tage, insgesamt wurden 216 Vorträge gehalten. Der Religionswissenschaftler Michel Strausberg nimmt dieses Ereignis, dem er eine globale Bedeutung beimisst, zum Anlass und zeitlichen Ausgang seiner Globalgeschichte der Religionen im 20. Jahrhundert. Sein 20. Jahrhundert endet mit den Terroranschlägen in New York am 11. September 2001. Was beim Weltparlament der Religionen in Chicago zum ersten Mal in die Weltöffentlichkeit trat, war, Strausberg zufolge, Religion als Kategorie neben anderen Kategorien der Wirtschaft, Politik, Geschichte, Wissenschaft usw. Erstmals traten (nur sehr wenige) Vertreterinnen und (sehr viele) Vertreter unterschiedlichster Religionen zusammen und...

Karl Erich Grözinger: Jüdisches Denken. Theologie – Philosophie – Mystik

Mit „Meinungen und Richtungen im 20. und 21. Jahrhundert“ ist jetzt der fünfte und letzte Band von Karl Erich Grözinger „Jüdisches Denken. Theologie, Philosophie und Mystik“ erschienen. Das monumentale Standardwerk beginnt mit der Bibel (Band 1) und schließt mit der Jüdischen Philosophie im 21. Jahrhundert (Band 5). Unter „Jüdischem Denken“ versteht Grözinger allerdings nicht nur die Philosophie im engeren Sinn, sondern auch das theologische und mystische, das politische und das konfessionelle Denken, kurz jede Art von Denken, in der das Judentum seine Quellen, seine Aufgaben, seine Existenz durchdacht hat.

Der Verfasser geht in der Regel monographisch vor und präsentiert Denker (in Band 5 auch Denkerinnen) und Werke. Wobei er immer wieder die drei Gegenstände der metaphysica specialis...

Stefan Lorenz Sorgner: Übermensch

Stefan Lorenz Sorgner plädiert im vorliegenden Bändchen für die Herstellung des Übermenschen mit Mitteln der Genmanipulation und der Implantierung künstlicher Intelligenz in den menschlichen Körper und nennt diese Position „Transhumanismus“. Wozu das gut sein soll, darf jeder weitgehend selbst bestimmen. Der Verfasser spricht von einem „radikalen Pluralismus des Guten“. Wie weit das geht, erläutert er am Beispiel zweier lesbischer Professorinnen, die ihre Taubheit nicht als Behinderung begreifen und entsprechend einen tauben Samenspender zur Zeugung eines tauben Kindes suchen. Sorgner meint, dass es falsch wäre zu behaupten, damit würde dem Kind geschadet.

Natürlich braucht ein Gemeinwesen Regeln, und Sorger ist nicht mal grundsätzlich dagegen, dass diese durch ein System der...

Arthur Schopenhauer: Das metaphysische Bedürfnis des Menschen

Zur Frage nach der Bedeutung von Religion für den Menschen ruft dieses Bändchen den Philosophen Arthur Schopenhauer als Experten auf. Zwei aus seinem Werk ausgewählte Texte sollen klären, „was dies alles bedeutet“. Den größten Raum nimmt ein Dialog aus den „Parerga und Paralipomena“ ein, in dem ein Demopheles (Mann des Volkes) und ein Philalethes (Freund der Wahrheit) gegeneinander auftreten. Man kann sich ausmalen, wie sich Schopenhauer genüsslich das Gespräch ausgedacht hat, in dem der Religionsgegner Philalethes durch den Mund seines Schöpfers spricht. Religion ist „Lug und Trug“, argumentiert Philalethes, sie beziehe ihre Kraft daraus, dass sie den Kindern früh durch die „Pfaffen“ eingeimpft wird. Sie gedeihe nur auf dem Boden der Unwissenheit. Demopheles unternimmt nur schwache...

Myriam Revault d’Allonnes: Brüchige Wahrheit

Seit dem Ausgang der Brexit-Kampagne in England und der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA bilden die Ausdrücke „fake news“ und „alternative facts“ eine unschöne Bereicherung unseres politischen Vokabulars. 2016 hat das Oxford Dictionary „post-truth“ zum Wort des Jahres gekürt. Eine Einordnung und Klärung unternimmt die politische Philosophin Myriam Revault d’Allonnes in ihrer neuesten, 2018 in Frankreich erschienenen Schrift „Brüchige Wahrheit“. Für die Beantwortung ihrer Fragestellung „Was beeinträchtigt die Postwahrheit?“ (12) – gemeint ist wohl die Herausbildung der Postwahrheit – rekurriert sie auf Platon und Aristoteles, auf Michel Foucault und Paul Ricoeur, vornehmlich aber auf Hannah Arendt. Lassen wir die gelehrten Ausführungen bei Seite und konzentrieren uns ganz auf den...

Jochen Sautermeister (Hg.): Kirche – nur eine Moralagentur?

Eines gleich vorweg: Das hier zu rezensierende Buch kann als Urlaubslektüre niemandem mit gutem Gewissen empfohlen werden! Und das hat nicht einmal etwas mit dem durchaus relevanten Thema des 158 Seiten zählenden Bändchens zu tun. Im Gegenteil: Der Titel weckt größere Erwartungen, als sein Inhalt zu erfüllen in der Lage ist. Letzteres liegt weniger an den durchaus namhaften Autoren als an einer gewissen – mit Verlaub – herausgeberischen Naivität: Wer kaum ein Jahr, nachdem die MHG-Studie die moralische Glaubwürdigkeit der Kirche geradezu annihiliert hat, glaubt, auf die kirchlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen mit einem rein innerakademischen Diskurs reagieren zu können, hat wenig von den realen Spielräumen kirchlicher Selbstbehauptung in einem pluralistischen Lebenskontext...

Ludwig Feuerbach: Das Wesen der Religion

Wenn man den in der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig erschienenen Text Ludwig Feuerbachs über „Das Wesen der Religion“ aufschlägt, ist man doch sehr gespannt, wie dieser atheistische Philosoph in einer Buchreihe positioniert wird, die „Große Texte der Christenheit“ vorstellen will. Feuerbach belegt immerhin nach fünf Bänden mit Texten von Luther, Bonhoeffer, Barth, Tillich und Lessing „Platz 6“ dieser offenbar protestantischen Größen gewidmeten Hitliste. Man erwartet Aufklärung vom Vorwort und von der ausführlichen Kommentierung des Herausgebers Georg Neugebauer. Der verweist mit seinem Vorwort aber nur kurz darauf, dass Feuerbach sich auf Luther und Schleiermacher berufe und seine Religionsforschung „unverkennbar auf Grundbegriffen und -motiven der protestantischen Theologie“ aufbaue,...