Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Stefan Knobloch: Lebenszeichen

Es gibt einen Strudel, in den muss man geraten, um etwas zu schaffen: das Nachtmärchen zum Eindämmern, der tolle Run bei der Mathearbeit, das Musiküben ohne Päuschen. Es trägt einen dann. Und der Strudel garantiert, dass ich an der Sache bleibe, nicht abgelenkt werde. Ich werde immer präziser in dem, was ich will. Wer einen solchen Elan erlebt, entdeckt eine Struktur, einen Code und lernt hoffentlich eine Aufmerksamkeit.

Wir befinden uns hier am Arbeitsplatz von Lehrern. Was hier passiert, ist kein Einzelereignis, kein Super-Event, sondern tagtägliche Übung der Lebendigkeit, geradezu ein Ritual. Entdeckt wird, was jetzt dran ist und was das Ding (der Schlaf, die Logik, die Musik) mir wirklich zeigen kann und will. Und jeder Lehrer weiß: Solche Aufmerksamkeit fällt nicht von Himmel, das...

Julia Knop / Magnus Lerch / Bernd J. Claret (Hg.): Die Wahrheit ist Person

Leser sind Austernfischer. Sie durchwühlen schwarzen Wörter-Schlick nach harten Bedeutungen, brechen manches auf und finden nur selten Sinn. Und freuen sich, selbst wenn die Perle nur aus einem kleinen Artikel, nicht einmal einem Originalartikel besteht. Das ist der Fall von „Gestorben für unsere Sünden – Stellvertretung ohne Sühnetod?“ von Hansjürgen Verweyen, eine Serie von klaren Fragen und überzeugenden Antworten der historischen, spirituellen und dogmatischen Art. Es geht um die Frage, ob Jesu freiwillig ertragene Hinrichtung geschuldete Ersatzleistung für das Versagen der Menschen war. Das Antworten geschieht differenziert: Zuerst wird an Texten gezeigt, dass dieses Ersatz-Modell tatsächlich vorhandene Probleme löste, dann wird gezeigt, welche weitertragende Geschichte der...

Eugen Drewermann: Jan Hus im Feuer Gottes

Das Buch beinhaltet ein ausführliches und facettenreiches Gespräch Jürgens Hoerens mit dem Kirchenkritiker Eugen Drewermann. Es ist besonders hilfreich, dass der Gesprächsband anlässlich des Gedenkjahres zum 600. Todestag von Jan Hus erschienen ist. Übersichten im Anhang des Buches zur Biografie von Jan Hus und zur zeitgeschichtlichen Situation im Kontext des Konstanzer Konzils bieten eine anschauliche Orientierung für alle, die mehr wissen und darüber diskutieren möchten.

Wie bei ähnlichen Gesprächsbänden Drewermanns auch liest der Dialog sich leicht. Komplexe historische und theologische Sachverhalte sind verständlich dargeboten und existentiell vertieft. Dadurch regt die Darstellung zur persönlichen historischen und theologischen Beschäftigung mit den aufgeworfenen Fragen an.

An...

Eberhard Schockenhoff: Entschiedenheit und Widerstand

Seit 9/11 ruft der antike Begriff des Martyriums einen neuen Klang hervor, der nicht nur der Politik, sondern auch der Religion eine Unterscheidung der Geister abverlangt. Die Öffentlichkeit will wissen, wie es die Religion mit der Gewalt im Namen der Wahrheit hält. Sie verdächtigt sie, um eines höheren Gutes willen Recht außer Kraft zu setzen und Zwang auszuüben, bis zur blutigen Selbstaufopferung. Der Begriff des Martyriums, der seine historische Semantik im religiösen Feld des Christentums entfaltet hat, erhält eine neue Zuschreibung. Diese Zuschreibung gewinnt ihre Plausibilität wiederum im religiösen Feld: aus Traditionselementen des Islam, die zur Legitimation von Gewalt herangezogen werden.

Das Buch des renommierten Freiburger Moraltheologen Eberhard Schockenhoff versteht sich als...

Hubertus Lutterbach: Vom Jakobsweg zum Tierfriedhof

Wie Religion heute lebendig ist

Allenthalben begegnen wir heute gelebter Religiosität unter christlichem Vorzeichen. Nach der Lektüre von Hubertus Lutterbachs Untersuchung zu gegenwärtigen Phänomenen populärer Religion scheint die Säkularisierungsthese, wonach Religion immer weiter verdrängt werde, eine breite Schlagseite zu bekommen. Weil sich unsere Gesellschaft durch Individualität, Streben nach Ganzheitlichkeit und einer Skepsis gegenüber etablierten Institutionen auszeichnet, lassen sich diese drei charakteristischen Elemente an gelebter Religiosität ablesen. Dort, wo Religion diese drei Elemente berücksichtigt, ist sie lebendig. Religion ist heute deshalb anders präsent als noch vor 50 Jahren. Aber wie? 

Immer weniger in traditioneller Form, bei der den religiösen Leitlinien, die...

Thomas Brose: Kein Himmel über Berlin?

Glaube in der Metropole
Mit einem Geleitwort von Weihbischof Matthias Heinrich und einem Nachwort von Felicitas Hoppe

„Es war zu keiner Zeit einfach, von Gott zu sprechen, aber in Berlin scheint es besonders schwer zu sein“. Warum das Sprechen von Gott und das Leben mit Gott sich in Berlin als besonders schwer gestaltet, wird von Thomas Brose aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und mit historischen wie sozio-kulturellen Beispielen angegangen. Er unternimmt somit den interessanten Versuch, eine geistige, politische, theologisch-kirchliche Topographie von Berlin für das Christsein in ganz Deutschland zu zeichnen. Seine Zeichnung ist voller Fragen, die den Leser während und nach der Lektüre bewegen und begleiten: Kann Glaube nur in idyllischer Atmosphäre gedeihen oder kann die Weite...

Tomáš Halík: Nicht ohne Hoffnung

Glaube im postoptimistischen Zeitalter
Aus dem Tschechischen von Markéta Barth unter Mitarbeit von Benedikt Barth

Von den drei „göttlichen Tugenden“ ist sie die leiseste. Während die Inhalte und die Formeln des Glaubens immer wieder kontrovers diskutiert werden, während der Liebe eine unbestrittene Autorität innewohnt, vermag man die Hoffnung nicht so recht einzuschätzen. Ist sie nicht nur ein letztes Heilmittel, anzuwenden, wenn sonst nichts mehr geht? Demgegenüber verweist Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika „Spe Salvi“ darauf, dass die Glaubenskrise der Gegenwart „vor allem eine Krise der christlichen Hoffnung“ sei. Und schon vor einem halben Jahrhundert forderte der evangelische Systematiker Jürgen Moltmann eine „Theologie der Hoffnung“ ein und schrieb damit ein Kapitel...

Mariano Delgado / Michael Sievernich (Hg.): Die großen Metaphern des Zweiten Vatikanischen Konzils

Auf dem Sterbebett noch hatte Johannes XXIII gesagt, wir seien durch das Konzil gerade erst dabei, das Evangelium selbst neu zu verstehen: Nicht nur um den Katholiken gehe es, sondern um jeden Menschen, nicht nur um die katholische Kirche, sondern um die Menschenrechte. 50 Jahre danach ist also der „Sprung nach vorn“ des Konzils mit zu vollziehen, im Sinne einer gefährlichen Erinnerung und einer realistischen Bestandsaufnahme. 

Höchst originell und treffend ist deshalb die Intuition der Herausgeber, gerade unter dem Gesichtspunkt der Metaphern die revolutionäre Bedeutung des letzten Konzils sammelnd und perspektivierend zu verdichten. Denn Metaphern sind, noch in der Sprache des heutigen Griechenlands, „Verkehrsmittel“. Sie transportieren zeit- und sachgemäß, wie sich jeweils der Glutkern...