Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung
xx

Das Kreuz und die Kreuze

Das Kreuz Christi bleibt nicht in seiner historischen Distanz. Es wird gelesen in die Kreuze der Menschen.

Eine Nonne hat mir ein Kreuz geschenkt, grob geschnitzt aus dem Eichenbalken eines im Krieg abgebrannten Klosters. Es ist etwa 40 cm hoch und dunkel von den Spuren des Feuers. Der Bruder dieser Nonne gehörte dem Widerstand an und wurde von den Nazis ermordet. Ein besonderes Kunstwerk ist dieses Kreuz nicht, und ich liebe es nicht wegen seiner ästhetischen Qualität. Aber hineingeschnitten ist die Erinnerung an ein großes Leiden, das Leiden der Nonnen, deren Kloster abgebrannt ist; das Leiden der Schwestern, die bei dem Brand umgekommen sind; das Leiden des ermordeten Bruders.

»Das Kreuz Christi bleibt nicht in seiner historischen Distanz. Es wird gelesen in die Kreuze der Menschen.«

Fulbert Steffensky

Die Kreuze der Menschen sind in das Kreuz Christi hineingebrannt. Das beinahe plumpe vom Feuer geschwärzte Kreuz auf meinem Schreibtisch erzählt mir: Kein Menschenkreuz ist nur seine brutale und nackte Tatsache. Es sind die Kreuze Gottes. Das Kreuz Christi bleibt nicht in seiner historischen Distanz. Es wird gelesen in die Kreuze der Menschen. Nein, hier wird kein Blut verherrlicht und kein Leiden glorifiziert, auch nicht das Leiden Christi. Der Schmerz des Sohnes des Lichts wird wiederentdeckt in dem Leiden der Ermordeten und geschändeten Menschen.

Es ist nicht leicht, an Gott zu glauben nach allem, was Menschen angetan wird. Die Hoffnungslosigkeit hat gute Argumente. Was mich hält, ist der Glaube an jenen Gott, der sein Antlitz in Jesus Christus aufgedeckt hat. Er hat sich nicht in seine eigene Größe verkrallt. Ein Weihnachtslied lehrt es mich: „Er äußert sich all seiner G’walt, wird niedrig und gering und nimmt an eines Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding.“

»Der kleine König, geboren im Stall von Bethlehem, und der ans Kreuz Gehängte sind der Einspruch gegen die selbst gemachten Götterbilder.«

Fulbert Steffensky

Die Götter, die sich Menschen ausdenken, haben das, was ihnen selber fehlt. Ihre Kargheit machen sie zum Reichtum der Götter; ihre Wunden zu deren Unversehrtheit; ihre Niederlagen zu deren Siegen. Der kleine König, geboren im Stall von Bethlehem, und der ans Kreuz Gehängte sind der Einspruch gegen die selbst gemachten Götterbilder. Gott ist unkenntlich geworden in jenem Armen, geboren im Stall und gehängt an den Schandpfahl. Gott ist kenntlich geworden im kleinen König, der in Armut geboren ist und der unsere eigenen Tode stirbt. Er wird kenntlich in unseren Kreuzen. Unwahrscheinlicher als dieses ist nichts. Tröstlicher als dieses ist nichts. Kein Tod ist gut, in den Menschen gewaltsam gestoßen werden, auch nicht der Tod dieses Gerechten. Kein Blut ist gut, das Menschen mit Gewalt ausgesaugt wird. Aber gut ist die Güte, die nicht weicht und die es aushält bis in unseren eigenen Tod. Nein, eine Kirche ohne Kreuz kann ich mir nicht vorstellen. Es ist das zärtlichste Zeichen, das Gott uns gibt. Im Kreuz ist er Emanuel – Gott mit uns.