Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung
xx

Eine Lektüre für die Schule?

Janne Tellers Jugendroman „Nichts“

Über ihren Roman „NICHTS. Was im Leben wichtig ist“ sagt Janne
Teller: „Es ist das Buch, das ich gerne gelesen hätte, als ich 14 Jahre
alt war.“ Das Jugendbuch ist ein Bestseller und hat gleichzeitig
heftige Kontroversen ausgelöst. Eignet sich Jane Tellers Roman als
Schullektüre? Der Eulenfisch beteiligt sich an der Diskussion, indem
er zwei erfahrene Kolleginnen zu Wort kommen lässt.

PRO - von Ute Lonny-Platzbecker

Nichts bedeutet irgendwas, deshalb lohnt es sich
nicht, irgendwas zu tun“, mit diesen Worten verlässt
Pierre Anton den Unterricht der siebten Klasse. Fortan
zieht er sich mit seiner nihilistischen Position auf den
Baum vor seinem Elternhaus zurück. Dies ist der Ausgangspunkt
des Romans „Nichts“ von Janne Teller, der
sich wie eine packende Parabel auf die Frage nach dem
Sinn des Lebens liest.

Berg aus Bedeutung

Seine Mitschüler fühlen sich provoziert, ihr gesamter
Lebensentwurf ist in Frage gestellt. Die surreale
Figur Pierre Anton gleicht mit ihrem Rückzug auf
eine gleichsam höhere Ebene einem großen Denker
oder mahnenden Propheten, der zum Katalysator für
die Reaktion der anderen wird. Um Pierre – und damit
letztlich sich selbst – zu beweisen, dass es etwas
gibt, für das es sich zu leben lohnt, beginnen die Jugendlichen
einen Berg aus Bedeutung anzuhäufen. In
einem archaisch anmutenden Ritual bestimmt jeweils
ein Mitschüler für den nächsten, was dieser für den
Berg hergeben muss. Das beginnt recht banal mit einer
Serie von Lieblingsbüchern und einem Paar neuer
Sandalen. Doch bald eskaliert das Vorhaben, denn
den Jugendlichen erscheint die Bedeutung eines Opfers
umso größer, je mehr sein Verlust schmerzt. In die
Suche mischt sich die rücksichtslose, sadistische Lust
daran, den anderen zu demütigen und zu verletzen.
Von Beginn an gerät die scheinbare Bedeutungssuche
durch zunehmenden Gruppenzwang und Hass in eine
Schieflage. So gelangen Haustiere und sogar die exhumierte
Leiche eines verstorbenen kleinen Bruders auf
den Berg. Zwei Jungen müssen Symbole ihrer religiösen
Lebenshaltung opfern – einen Gebetsteppich und
einen Christuskorpus. Ihr jugendlicher Glaube hält dem Gruppendruck nicht stand, doch durch ihr Opfer
verlieren sie letztlich den von ihnen zuvor geglaubten
Sinngrund selbst. Je mehr der Berg anwächst, desto
fanatischer und sinnleerer erscheint das Tun der Jugendlichen,
das doch aus der verzweifelten Angst vor
dem hoffnungslosen „Nichts“ eines Lebens ohne Sinn
angetrieben ist. Als ein Mädchen ihre Unschuld für den
Berg verliert, erscheint es der das Geschehen wie traumatisiert
repetierenden Erzählerin noch so, „als hätte
sie ein Geheimnis entdeckt, … das ihr aber trotz allem
den Schlüssel zu etwas von großer Bedeutung geliefert hatte“. Den brutalen Höhepunkt bildet schließlich aber
das Abtrennen des Fingers eines Jungen, der leidenschaftlicher
Gitarrist ist.

» ‘Nichts‘ ist eine packende Parabel auf die Frage nach
dem Sinn des Lebens. «

Ute Lonny-Platzbecker

Das bislang seltsam verselbstständigte Geschehen
gerät nun erst an die Öffentlichkeit – zunächst bei Eltern
und Polizei, schließlich in die Medien. Ein Museum
bietet eine hohe Summe für den Berg aus Bedeutung,
doch diese Kommerzialisierung und Artefizierung entleert
ihn seines Sinns, und bei den Jugendlichen setzt
sich die bittere Erkenntnis durch, dass ihr Mitschüler
Pierre Recht behält. Diese Einsicht mündet in eine verzweifelte
Eskalation von Gewalt, an deren Ende Pierre
selbst gleichsam zum Märtyrer der von ihm radikal gestellten
Frage nach dem Sinn wird. Zuletzt bleibt die
Asche des niedergebrannten Berges aus Bedeutung als
mahnendes Symbol der Vergeblichkeit der Antwortversuche
der Jugendlichen.

Ein modernes Märchen?

Das an einen seltsam seelenlos wirkenden Ort verlegte
Romangeschehen erhebt sich über logische oder psychologische
Wahrscheinlichkeiten – es erscheint als
modernes Märchen mit einer immanenten Logik. Der
Erfolg des preisgekrönten Romans erklärt sich sicher
daraus, dass er einen tiefreichenden Einblick in Fragen
und Erfahrungen gibt, die insbesondere die Zielgruppe
der Jugendlichen umtreibt, die ihren Lebensentwurf
noch entwickeln und an Werten und Zielen auszurichten
suchen. Die im Roman vorgestellten Antwortversuche
sind dabei durchaus nachvollziehbar und
altersgerecht – sie reichen von vordergründigen Bedeutungsträgern
wie die Bedeutung liebgewonnener Tiere,
Mitmenschen oder patriotischer Gefühle und dem Ziel,
die eigene Individualität mit den persönlichen Talenten
zu entwickeln, bis hin zu religiösen Weltdeutungen, die
die Jugendlichen von ihren Eltern übernommen haben.
In „Nichts“ scheitern alle Sinndeutungen. Allerdings ist
die Sprache des Romans keineswegs effektheischend,
die Grausamkeiten werden nicht detailliert ausgeschlachtet.
Empörend erscheint dagegen das offene
Ende, an dem der Ich-Erzählerin allein die Erkenntnis
bleibt, dass es mit einer vorschnellen, vordergründigkonformistischen
Antwort auf die Frage nach dem Sinn
nicht getan ist. Der Versuch, den Sinn selbst zu machen
und zu beweisen, ist gescheitert, der Existentialismus
geht in Flammen auf. Raubt ein solch offener Schluss
nicht jede positive Lebenseinstellung und ist daher
jungen Lesern unzumutbar? Im Gegenteil: er fordert
und fördert eine kritische und ernsthafte Auseinandersetzung
mit gegenwärtigen Sinnangeboten. Wo der Roman
endet, wo alle menschengemachten und aus der
Religion bloß adaptierten Sinnentwürfe gescheitert
sind, kann die Auseinandersetzung – auch im Ethik-,
Philosophie- oder Religionsunterricht – weiterführen.
Der Roman schreit geradezu nach einer tragfähigen
Antwort auf die Sinnfrage – in dieser Radikalität eine
heilsame Provokation, der sich gerade der christliche
Glaube aussetzen kann und sollte.

CONTRA - von Dr. Susanne Nordhofen

Ich gehe jede Wette ein, dass Handreichungen dieser
Art schon oder schon bald kursieren:

• Überlegt euch, an welcher Sache ihr besonders
hängt und bringt diesen Gegenstand oder das, wofür er steht, mit. Achtet darauf, dass niemand vorher
diesen Gegenstand sieht und legt ihn unter das Tuch
auf dem Pult.

• Wenn das Tuch aufgedeckt wird, müssen die einen
raten, was die anderen jeweils mitgebracht haben.
Wie gut kennt ihr euch?

• Formuliert jeder für euch ein Statement, warum diese
Sache für euch persönlich bedeutsam ist.

• Schreibe einen Eintrag an dein Tagebuch und berichte,
wie du dich gefühlt hast, als du den toten
Bruder ausgraben musstest.

• Stelle dich im Raum so auf, wie du gestanden hättest,
wenn du beim Abschneiden des Fingers zugesehen
hättest. Beobachte deine Aufstellung.

• Erarbeitet einen Dialog mit einem Freund/Freundin,
in dem es darum geht, ob ihr noch weiter am Turm
der Bedeutung mitmachen wollt! Schätzt dabei die
Risiken ab, die eine Trennung von den anderen Beteiligten
bedeuten könnte.

• Inszeniert einen Elternabend, in dem die Eltern mit
dem Klassenlehrer, dem Schulleiter, dem Schulpsychologen,
dem Ortspolizisten und dem Pfarrer die
Vorkommnisse diskutieren. Bildet Gruppen zu den
einzelnen Beteiligten und bereitet deren Redebeiträge
vor. Welche Beschlüsse könnten das Ergebnis des
Elternabends sein?

Man wird im Unterricht Plakate sehen, Rollenspiele
bewundern, Betroffenheiten erleben. Die Gespräche
werden intensiv, kontrovers und problemorientiert
sein. Der Lehrer, die Lehrerin freuen sich über die hohe
Beteiligung. Welcher Text böte mehr thematische „Trigger“
als Janne Tellers Jugendbuch „Nichts“? Sinn des
Lebens, Gewissen, Bindungslosigkeit, Verantwortung,
Empathie, Gruppendruck und Individualität, Sinn des
Opfers, Bedeutung privater Sakralisierungen, Symbolik
von Kreuz und Gebetsteppich.

Eine psychologische Parabel?

Lesen kann natürlich jeder, was er will. Horrorfilme
mag auch jeder sehen, wenn er will. Aber ist dieser Text,
der Lerngruppen über einige Zeit beschäftigen wird
und dem sich in der Schule, einmal gewählt, niemand
mehr entziehen kann, auch als Unterrichtsmaterial geeignet?
Ich möchte es bestreiten: Das Jugendbuch soll
eine psychologische Parabel sein. Wofür? Es geht um
die These, dass nichts im Leben von Bedeutung sei.

Die Siebtklässler der dänischen Kleinstadtschule
haben die Kluft zwischen der scheinbar aufgeklärten
liberalen Denkungsart der Eltern und deren Prestigedenken
erkannt; sie sind sich weitgehend allein
überlassen und emotional ausgehungert, Wertorientierungen
existieren nur in ihrer Deformation. Dennoch
empfinden sie das Verhalten ihres Mitschülers Pierre,
der seinen Nihilismus vom Baum herab verkündet, als Provokation. Sie setzen alles daran, ihm – und wohl
auch sich selbst – zu beweisen, dass das Leben doch
sinnvoll ist. Eine Kollektion individuell existentiell
bedeutsamer Dinge wird zusammengetragen. Was als
freiwilliges Spiel beginnt, nimmt immer bedrohlichere
Formen an, weil in einer Kettenreaktion jeder, der sich
von etwas Bedeutsamen getrennt hat, die nächste
Person bestimmen darf und anordnen kann, was diese
abgeben muss. Mehr und mehr treten destruktive
Mechanismen ins Zentrum und es macht sprachlos,
mit welch „schwarzen Empathie“ die jungen Leute dabei
zu Werke gehen, um andere psychisch zu zerstören.
Die vorgeführte Gewaltspirale und die Kälte der
Jugendlichen sind kaum zu ertragen, vergegenwärtigt
man sich die zu erbringenden Opfer: Schändung der
Totenruhe, Enthauptung eines Hundes, Entjungferung
einer Klassenkameradin und Beweisführung durch
ein blutig-schleimiges Taschentuch, Abschneiden des
Zeigefingers vom besten Gitarrenspieler der Klasse.
All dieses wird zu einem stinkenden „Turm der Bedeutung“
aufgebaut. Kollektiver Druck und Terror halten
die Gruppe, in der keiner schuldlos bleiben kann, zusammen.
Die Ermordung des Provokateurs, der das
Treiben seiner Klassenkameraden nur als Beleg seiner
Ausgangsthese verstehen kann, weil die Klasse ihr „Allerheiligstes“
als Kunstwerk und Medienspektakel vermarktet
hat, wird in einem Ausbruch kollektiven Massenwahns
durchgezogen. Alle Opfer waren umsonst. Als
der Tatort in Flammen aufgeht, verbrennt seine Leiche.
Zurück bleibt ein knapper Esslöffel Menschenasche in
einer Streichholzschachtel. Soweit die Bildebene.

Jugend ohne Gott

Welchen Ertrag gibt die Sachebene her? Die Parabel
konjugiert durch, wozu es führen kann, wenn grundlegende
Wertorientierungen fehlen. Aus Plus wird
minus, aus Klassengemeinschaft kollektive Unterdrückung,
aus Unberührtheit hysterische Grausamkeit,
aus Freundlichkeit Heuchelei, aus Originalität und Begabung
Verstümmelung, aus Frömmigkeit Gewalt. Die
ausgebreitete Negativfolie eines gelingenden Lebens
erspart jugendlichen Lesern keine Grenzüberschreitung.
Gezeigt wird eine „Jugend ohne Gott“, die im Herzen
der Finsternis wohnt.

Die pädagogische Großmeisterin möchte ich sehen,
der es gelingt, die gerufenen bösen Geister wieder
einzufangen. Wer darauf spekuliert, dass der pädagogische
Mehrwert dieser Enthemmungen am Ende
in eine authentische und nachhaltige Sehnsucht nach
dem Wahren, Schönen und Guten umschlägt, sitzt einer
grenzenlosen Naivität auf. Die Jugendlichen fühlen
sich im günstigen Fall verkannt, abgestoßen und
angeekelt, im wahrscheinlicheren Fall auf eine sinistre
Art bestens amüsiert.