Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung
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Das Kloster – ein Klassiker des Gottesoptimismus

Haben Sie es gemerkt? In Frankreich ist die Welt untergegangen – die katholische. Nur die Klöster haben überlebt.

Sind Klöster als Klassiker einfach krisenfester als der Rest der Kirche? Und worin besteht wohl ihr Genie, ohne das kein Klassiker auskommt?

Klöster haben kein Erfolgsrezept, weil Gott ihre Glücksformel ist

Das Schöne an jeder Krise ist, dass wir nachdenken
müssen. Darüber, was wir brauchen und darüber, was
uns die Dinge wert sind. Beispiel Deutschland 2012:
Will man hier immer noch so gerne wie Gott in Frankreich
leben, muss man, wenn man es ernst meinte und
nachgedacht hat, fürderhin Maß nehmen am Kloster.
Und sich einige Fragen stellen: Woher rührt die Stärke
des Klosters, dass es der Kirchenkrise in Frankreich
erfolgreich die Stirn bieten kann? Was ist das Geheimnis
seines Erfolges? Liegt es darin, dass hier fleißiger
gebetet und mehr gearbeitet wird? Das könnte man
verstehen. Wer will als Vollblutkatholik schon nur als
sonntäglicher Teilzeitgläubiger leben? Noch dazu dem
Staat und der Gesellschaft dabei auf der Tasche liegen.

Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Wer sich
in den Klöstern auskennt, weiß, dass sich dort nicht
nur die Frommen tummeln, sondern immer mehr Menschen
zur Erholung fahren, Bildungs- und Selbsterfahrungskurse
belegen, von der Kunst und dem Kulturprogramm
profitieren wollen. Die einen fahren ins Kloster
nach Citeaux, um Exerzitien zu machen, die anderen,
um sich mit dem berühmten Käse zu versorgen. Jeder
hat seine Gründe – und die Mönche haben wiederum ihre eigenen. Sie tun das eine, ohne das andere zu lassen.
Ora et labora – vor allem viel UND. Weil auch die
Mönche inzwischen immer weniger werden, führt das
bisweilen zu einer regelrechten Kunst, sich zu Tode zu
leben, sich also beim Spagat zwischen mehreren not-
Blühender Weißdorn bei Marienstatt © Foto: Werner Baumann
wendigen Arbeiten zu verausgaben. Das scheint ihnen
aber (noch) nicht besonders schmerzlich. Auch das
kann man verstehen. Sie leben als Himmelsstürmer
stets auf der Suche nach Gott, wollen vorher nicht ruhen,
bis sie ganz bei ihm sind. Was macht da ein bisschen
weniger Schlaf – und viel Arbeit?

» Die einen fahren ins Kloster nach Citeaux, um Exerzitien
zu machen, die anderen, um sich mit dem berühmten
Käse zu versorgen. «

Michael Hochschild

Theologisch kommt schnell die Rede von der christlichen
Radikalität auf, um die Eigenart und damit das
Besondere des Klosters zu visieren. Soziologisch feiert
man mit dem Kloster die letzte Utopie der Moderne.
Das sollen also seine Erfolgsrezepte sein? Irgendwie
stimmt das zwar, es ist aber auch ein wenig falsch.
Denn kommt der monastische Erfolg nicht gerade daher,
dass er keine Rolle spielt, dass es um etwas ganz
anders geht? Wer Erfolg hat, ist noch nicht weit genug
gegangen, hat Gott noch nicht gefunden – so könnte
ein Mönch wohl antworten. Denn der Abstand zum Unendlichen
bleibt immer unendlich, egal wie viel Weg
man zu ihm gut macht. So etwas schafft Gelassenheit,
selbst wenn die Arbeiten sich auftürmen. Vermutlich
ist es deshalb gerade dieses mentale Aroma der Gelassenheit,
das Klöster zu Oasen macht, während die
spirituelle Versteppung um sie herum immer mehr Terrain
der Kirche stiehlt.

Wie man die Ausnahme mit Leidenschaft lebt

Dass man sich jedoch nicht täusche: In Klöstern wird
die Ausnahme mit Leidenschaft gelebt. Keine Spur von
lauwarmem Leben. Was später Rhythmus ist, ja zum
Lebensstil gehört, muss erst einmal eingeübt werden:
frühes Aufstehen, häufiges Beten, oft allein zu sein,
mit der Zelle wenig Privatsphäre zu kennen, kaum
Geld für sich zu haben. Karriere und Lebenslust – das
sieht heute anders aus. Kein Beinbruch fürs Kloster. Im
Gegenteil. Denn es geht um ein anderes Leben an einem
ganz anderen Ort. Mithin heute ein Grund für Aussteiger einzutreten, mindestens aber mit dem Kloster stark
zu sympathisieren. “Qui ne peut pas changer le monde,
choisit son monde“ – heißt ein französisches Sprichwort.
Wer die Welt nicht verändern kann, sucht sich die
seine, lautet die Übersetzung und besagt, dass es nunmehr
die monastischen Orden sind, die den Mehrwert
des Christentums schaffen und nicht mehr die apostolischen
Orden, die bisher welthaltiger waren. Nun
gelten jene Klöster als solche, die über ausreichend
spirituelle Komfortzonen für alle verfügen, und dabei
noch vor Ort eine ganze (ihre!) Welt damit ausstatten.
Wozu noch in die Welt gehen und sich in ihr abmühen,
wenn nunmehr die Welt ganz freiwillig zu Besuch nach
Hause kommt? Die einstweiligen Folgen sind paradox:
Apostolische Orden besinnen sich auf ihr spirituelles
Erbe, kontemplative Orden unterhalten Gästehäuser
und verzeichnen diesbezüglich ein reges Interesse an
sämtlichen Fragen zur modernen Lebensführung.

Rendezvous mit Gott

Apropos Lebensweg: Im Kloster von heute verlaufen
mehrere Spuren nebeneinander und kreuzen sich
bisweilen. Weil sich der Himmel auf unterschiedliche
Weise auftut, werden Verabredungen mit Gott zwar
wahrscheinlicher, aber zumindest zum Teil wahrscheinlich
auch unkonventioneller, insgesamt gesehen:
persönlicher, interessanter – kurzum: anspruchsvoller
als an herkömmlichen Orten des christlichen Gemeindelebens.
Im Kloster von heute muss man daher beim
Rendezvous mit Gott immer auch mit einem blind date
rechnen. Das führt automatisch zu diesbezüglich gesteigerter
Aufmerksamkeit, bei dem, der sich verabredet.
Was daraus wird, entscheidet sich wie immer beim
Rendezvous erst im Anschluss: dann, wenn es eben gefunkt
hat. Ansonsten geschieht: gar nichts. Gott kann
warten, weil er ewig ist – lassen die Mönche in solchen
Fällen wissen.

Wen was in welches Kloster wie lange führt, kann
insofern höchst unterschiedlich sein, ohne unmittelbar
im Miteinander vor Ort problematisch zu werden.
Dafür sorgt die in Stein und Schrift verfasste Ordnung
des Klosters, das nach einem Modell konzentrischer
Kreise zugleich ausreichend Nähe und Distanz im Umgang
miteinander schafft. Unstrittig ist sein Rang als
geistliches Zentrum für religiös Musikalische, deren
hohe Repräsentanten als Mönche oder Nonnen im Zentrum
des Klosters nach eigenen Regeln leben und denen,
die sich bei entsprechenden Gelegenheiten dazugesellen
wollen, die Möglichkeit geben, ohne denen, die
anderes im Sinn haben, dieselben Regeln aufzuerlegen.
Je nachdem, wer was im Kloster sucht, findet in der
vorgegebenen Ordnung einen Orientierungsrahmen,
der von der Tisch- über die Gebets- bis zur Lebensgemeinschaft
reicht und der jeweiligen persönlichen
Entscheidung und Gestaltung obliegt. So kommt es zur
unterschiedlichen symbolischen Aufladung des Klosters.
Was für den einen Nebensache ist, gehört für den
anderen zur Hauptsache. So gesehen ist das Kloster für
jeden ein (je anderer) Ort der Begegnung mit sich selbst
und will heute auch zunehmend so verstanden werden.

» Raserei und Stau sind die beiden gewöhnlichen
Aggregatzustände der mobilen Gesellschaft und ihrer
Mitglieder. «

Michael Hochschild
Von Himmelsstürmern und Stauberatern

Klöster werden öffentlich wieder stärker wahrgenommen.
Ihre Faszinationskraft wird jedoch nicht zufällig
wiederentdeckt. Man braucht Orte zur inneren Sammlung,
weil sich die alltäglichen Staumeldungen eines
verzweckten Daseins häufen, Zerfahrenheit droht: Man
steckt mit anderen im Seelenstau, bemerkt es tagein
tagaus an den unvermeidlichen Rollenkonflikten enerviert
und versucht dennoch vergeblich erfolgreich die
Spur zu wechseln. Wohin immer man gerade ausweicht,
bildet der Stau unvermittelt einen neuen Zwangsstillstand
aus und schließt mich ein. Raserei und Stau
sind die beiden gewöhnlichen Aggregatzustände der
mobilen Gesellschaft und ihrer Mitglieder. Der Stauerfahrene
weiß insofern, dass sein Alltagsschicksal
kein Ergebnis von psychosozialer Übermotorisierung
oder besonders dichtem Verkehrsaufkommen ist. Im
Gegenteil: Es wird vor allem durch unvermeidliche
Bauarbeiten (an den so genannten Lebenswenden und
Untiefen der Existenz) ausgelöst. Und er weiß auch,
was passiert, sobald er in einem Stau steckt. Erst wird
man nervös, danach gleichgültig, fast entspannt. Die
aufgezwungene Ruhe eines Klosters als neues Lebensgefühl
zu kultivieren bedeutet gleich zur Entspannung
durchzustarten. Statt die Spur und damit nur die Rolle
zu wechseln, führt das dazu, dass man vom Alltag
ins Außeralltägliche ausschert, die Spur verlässt, um
in der Regel zu einem späteren Zeitpunkt seine Reise
fortzusetzen und geschickt wieder einzufädeln. So verwundert
es nicht, dass die Mönche und Nonnen als religiöse
Virtuosen des Klosters mithin zu Stauberatern
werden und für diese Fälle auf das robuste Weisheitswissen
ihrer angestammten (Ordens-)Tradition zu-
EULENFISCH _ Thema 9
rückgreifen, ja sogar mehr oder weniger ausdrücklich
darum gebeten werden.

Auf die richtige Wellenlänge kommt es an

Um im Kloster anzukommen, muss man nicht in die
Kirche gehen – weder baulich noch sprichwörtlich gesehen.
Was auch immer das Kloster für den einen wie
den anderen bedeutet, es ist nichtidentisch mit der
Kirche, ohne nicht Kirche zu sein. Das Kloster ist keine
Kirche und richtet sich erst recht nicht nach Maßgabe
des Gemeindelebens einer Pfarrei aus. Es ist anders,
ohne völlig fremd zu werden. Darauf kommt es bei den
religiösen Neigungsgruppen an.

Als geistliches Zentrum ist sein religiöser Grundton
freilich nicht zu überhören. Aber die Tonlage ist von
Kloster zu Kloster bzw. von Orden zu Orden verschieden.
Das gibt ihm (und der christlichen Botschaft) Profil
und führt natürlich zu unterschiedlichen Resonanzen.
Wer z.B. heute als religiös Musikalischer für benediktinische
Tonlagen empfänglich ist, stellt selten zugleich
eine carmelitische Resonanzfähigkeit bei sich fest
– und umgekehrt. Um ein Kloster religiös besonders
Musikalischer entstehen Neigungsgruppen bestimmter
Tonlagen. Sie sind in der Lage und willens,
auf der Wellenlänge zu empfangen, auf der dort gesendet
wird. Dieser Sachverhalt markiert in mehrfacher
Hinsicht den Unterschied zwischen klösterlichem und
kirchlichem bzw. pfarrlichem Gemeindeleben. Hier
gibt es Sender und Empfänger, in der Regel zwar nur
auf einer Frequenz, aber dafür im Weltformat (einer
Ordensgemeinschaft und ihrer oftmals von weither
angereisten Sympathisanten). Dort gibt es Weltempfänger
mit andauerndem Sendersuchlauf; will sagen: wie eine Gemeinde auf einer Breitbandfrequenz zu
senden, garantiert keinen besseren Empfang, ja nicht
einmal eine größere Empfängerreichweite. Empfangsstörungen
nehmen auch nicht dadurch ab, dass man
– um im Bild zu bleiben – das Trägersignal zeitlich
befristet, also die Sendezeit festlegt und begrenzt. In
Frankreich deutet sich beispielsweise seit einiger Zeit
eine massive Umverteilung zwischen neuen und alten
Sinnsuchern auch insofern an, als der Anteil der sonntäglich
praktizierenden Christen ab- und der Anteil
mehrtägiger, aber unregelmäßiger Aufenthalte neuer
Pilgerbewegungen um Orte wie Citeaux zunimmt.

» Die Sendeleistung eines Klosters richtet sich zwar nicht
nach dem Empfänger, aber sie kommt ihm entgegen. «

Michael Hochschild

Die Sendeleistung eines Klosters richtet sich zwar
nicht nach dem Empfänger, aber sie kommt ihm entgegen.
Denn er kann sicher sein, dass, sobald er auf
Empfang geht, gesendet wird – und sei auch nur in der
Form beredten Schweigens. Für die religiös musikalischen
Neigungsgruppen erfüllt das Stundengebet der
Klostergemeinschaft zum einen die hochwillkommene
Bereicherung ihrer gesteigerten Sinn- und Heilsansprüche.
Zum anderen ist es für sie auch ein Mittel
zur Synchronisierung zweier unterschiedlicher Rhythmen:
des eigenen und des klösterlichen. Man kann am
selben Tag mehrmals ein- und ausscheren und sicher
sein, dass gesendet wird, wenn man auf Empfang ist.
Ansprüche aus den Empfangsleistungen ergeben sich
daraus jedoch nicht. Wer wiederkommt, ist gerne gesehen
– nicht mehr und nicht weniger. Seine Abwesenheit
stört nicht während seine Anwesenheit als Bereicherung
gilt. Das ist Freiheit, wie sie sich die Kinder dieser
heutigen Zeit – auch die Christen – wünschen.

Wenn der Blick das Wohlwollen der Seele ankündigt

Selbst in den „Zwischenräumen“, ob nun zwischen den
Stundengebeten vor Ort oder zwischen dem letzten
und nächsten Klosterbesuch, es entstehen keine dürren
Empfangspausen. Denn geistliche Kommunikation
zu betreiben, ist die Lebensform der religiösen Virtuosen.
Hier ist keiner auf reguläre Büro- und Sprechzeiten
festgelegt. Die Klostergemeinschaft ist als solche
zwar nicht immer zugänglich, aber sie stellt stets
einen Ansprechpartner zur Verfügung (zumeist den
Gastpater beziehungsweise die -schwester).

Nicht zu unterschätzen ist auch die oftmals landschaftlich
reizvolle Lage und ehrwürdige Architektur
gerade traditionsreicher Klöster. Ihre Signalwirkung
geht auch an denen, die in erster Linie der Religion
wegen gekommen sind, nicht vorbei, sondern verhilft
ihnen im Angesicht der übergroßen Tradition mehr, ja
anders zu empfangen, als sie zu hören gewohnt sind.
Sie bereitet ihnen auf selbstverständliche Weise den
Vorhof des Schweigens, durch den die meisten Neigungsgruppen
nur allzu gerne in den Innenhof treten,
um ihrer Neigung zum Unendlichen endlich freien
Lauf zu lassen. In ihren geistlichen (Einzel- oder
Gruppen-)Exerzitien machen sie sich auf die Suche,
Gott in allen Dingen ihres Lebens zu finden, mit anderen
Worten: auf die Öffnung ihrer Sinnhorizonte zu
achten und z.B. im Angesichte des anderen himmelwärts
zu schauen. Das macht sie übrigens zu Seelenverwandten
derer, die aus weniger religiösen Motiven
ins Kloster kommen. Für beide gilt, dass ihr Blick das
Wohlwollen ihrer Seele ankündigt und von (momentaner)
innerer Freiheit zeugt.

Klosterurlaub zur Seinsverbesserung

Für das Ensemble seiner Lebens- und Kommunikationsbedingungen
wird das Kloster auch dort geschätzt,
wo es nicht primär um Religion geht, nämlich im Umfeld
jenes sanften Religionstourismus, der sich neuerdings
bei Klöstern einstellt. Der Urlaub, die Freizeit bekommen
heute einen anderen, noch höheren Stellenwert als
früher. Mit der Reise, dem Ausflug will man dem Alltag
entfliehen. Die Reise ins Außeralltägliche beginnt
unmerklich bei der Suche nach exotischen Reisezielen,
letztlich nicht nur, um anderes zu sehen, sondern sich
selbst anders zu erleben. In diesem Punkt sind Klöster
jedem Reiseveranstalter konkurrenzlos überlegen. In
einer grenzenlosen Weltgesellschaft kann es auf Dauer
kein Fernweh, keine unbekannte Trekking-Route mehr
geben. Mit den einschlägigen Erfahrungen gerät jede
inszenierte Exotik näher an die Grenzen des Weltinnenraums.
Interessant wird, was jenseits liegt. Kein
Reiseziel ist noch so außergewöhnlich, dass ich mich
nicht bei meinem Nachbarn oder aus den Alltagsmedien
darüber informieren könnte – nichts, außer der
Reise ins Ich, wie es ein Klosteraufenthalt diesen Sinnsuchern
verheißt, ohne es so nennen zu müssen. Denn
das Urlaubs-, Ausflugs- oder Besuchsprogramm kann
ganz anders, ja unbesorgt klingen: Entspannung oder
Sightseeing beispielsweise. Als Urlaubsdevise führt
Erholung jedoch nicht nur vordergründige Ansprüche
mit, sondern auch hintergründige. Erholung an Körper
und Geist, seelische Erholung zielt auf die Wiederherstellung
der Unschuld. Der Urlaub wird so gesehen
zur Zeit der legitimen wie unaufgeregten Selbstaufmerksamkeit
abseits alltäglicher Selbstwahrnehmungsmuster.
Das Kloster ist der naheliegende Ort,
die Askese die verheißungsvolle Technik für das Urlaubsprogramm einer solchen Seinsverbesserung.

» In einer grenzenlosen Weltgesellschaft kann es auf
Dauer kein Fernweh, keine unbekannte Trekking-Route
mehr geben. «

Michael Hochschild

Dass die entsprechende Klostergemeinschaft diesbezüglich
als Sinnbild und nicht wie bei den religiösen
Neigungsgruppen als Vorbild genutzt wird, liegt an
den unterschiedlichen Zielen und Motiven, mit denen
die einen wie die anderen ihren Weg ins Kloster finden.
Es liegt aber auch daran, dass die Sendesignale des
Klosters erfreulich doppeldeutig sind. Sie können nicht
nur binnenreligiös empfangen und verwertet werden,
sondern auch von denen, die als Individualreisende
nach Strategien ihrer Selbstermächtigung suchen und
in der monastischen Lebenskunst danach Ausschau
halten. Für sie gerinnt die Askese zur wachen Bereitschaft,
ihr Leben zu führen, anstatt es einfach vergehen
zu lassen. Das macht sie nicht zu Kostverächtern,
sondern zu Solidargenossen (aber nicht wie bei den
religiösen Neigungsgruppen zu Geistesverwandten)
der Mönche und Nonnen vor Ort. Wie bei diesen bezieht
sich ihr Fasten auf die Welt, aber so, wie sie sie kennen
und lieben (wollen). Das mehr oder weniger versteckte
Lernziel ist keine Gotteserfahrung – zumindest nicht
unmittelbar. Ihre Begrenzung bis hin zur Entsagung
von der angestammten Welt ist ihnen ein Zeichen der
Selbstmächtigkeit; die ersehnte Schlüsselerfahrung:
es hängt vom Selbst ab, die Grenzen aufrechtzuhalten,
sie durchlässig zu gestalten, aufzulösen oder anders
zu ziehen. Auf einmal kann selbst „der ganz Andere“
wieder eine Chance bekommen.

» Das Kloster ist der naheliegende Ort, die Askese die
verheißungsvolle Technik für das Urlaubsprogramm einer
solchen Seinsverbesserung. «

Michael Hochschild

Das ist mehr als missionarische Pastoral oder individuelle
Seelsorge, die es nie nur um den Preis der
Kirchenmitgliedschaft gibt. Die Chancen reichen ins
Grundsätzliche. In einer nachchristentümlichen Gesellschaft
bietet das Kloster eine identitätsbewusste
und zugleich offene Gelegenheit an, miteinander (wieder)
ins Gespräch und in Berührung zu kommen. Ohne
den kirchlichen Ausverkauf zu betreiben einerseits
und ohne die Sympathisanten dabei zu vereinnahmen
andererseits. Es signalisiert, dass mit dem Christentum
ein attraktiver Lebensstil verbunden ist, dessen
Vielfarbigkeit die moderne Freiheit des Selbst nicht
nur herausfordert, sondern im Sinne der Lebenskunst
krönt.

„Sag mir, wen Du fürchtest und ich sage Dir, wer Du bist“

Die katholische Welt mag früher oder später wirklich
untergehen, die Klöster wird das nicht unmittelbar
mit in den Abgrund reißen. Sie sind eben echte Klassiker: mal mehr, mal weniger gefragt, aber eigentlich
unsterblich. Denn ob sie leben oder sterben, wohin sie
auch gehen, die Himmelsstürmer, am Ende kommen sie
immer nach Hause – zu Gott. Klöster sind Klassiker des
Gottesoptimismus. Deshalb überleben sie einstweilen
auch die Kirchenkrise. Schwieriger wird es für sie in
der Gotteskrise.