Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung
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Trinität in Schulbüchern – ein Überblick

An welchen Gott glauben Christen, wenn sie sich im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes bekreuzigen und den Glauben an einen Gott bekennen?

Die Thematisierung der Gottesfrage
im Religionsunterricht hilft den Schülerinnen und Schülern,
die erworbenen Gottesvorstellungen kritisch zu prüfen. Trotzdem
führt die Trinitätstheologie häufig ein Nischendasein.

Angesichts der Komplexität trinitätstheologischer
Themen nimmt es nicht wunder, dass
diese erst in den Schulbüchern für die Sekundarstufe
II eine größere Rolle spielen und einen
Gegenstand systematischer Reflexion darstellen. In
meiner eigenen Schulzeit in den achtziger Jahren des
vorigen Jahrhunderts erfolgte eine Auseinandersetzung
mit dem „Glaubensstreit um die Gottheit Christi“ im Rahmen einer mehrwöchigen Unterrichtsphase
in der siebten Klasse, in der unter Verzicht auf das übliche
Religionsbuch mit Hilfe einer ebenfalls als Lernmittel
eingeführten „Kirchengeschichte“ entsprechende
Themen der christlichen Antike behandelt wurden.
Dass die betreffende Unterrichtsreihe auch nach fast
vierzig Jahren nicht der Vergessenheit anheimgefallen
ist, hat gewiss nichts mit dem damaligen Interesse
eines Pubertierenden an den trinitätstheologischen
Konflikten des kirchlichen Altertums zu tun. Vielmehr
gründet die fortwährende Erinnerung – davon bin
ich fest überzeugt – auf einem Zitat, das, abgedruckt
in dem oben erwähnten Buch, jahrzehntelang im Gedächtnis
überwintert hat und auf eine ausgeprägte
Affinität des damals Dreizehnjährigen zu hochgradig
absurd erscheinenden Debatten gestoßen sein muss.
In voller Länge lautet das Zitat, das vom Kirchenvater
Basilius stammt, in der von mir aufbewahrten Kirchengeschichte:

„Diese Stadt (Konstantinopel) steckt voller Handwerker
und Sklaven, von denen jeder ein tiefer Philosoph
ist und in den Werkstätten wie auf der Straße
predigt. Wenn du bei einem Mann ein Silberstück
wechseln willst, so setzt er dir auseinander, worin
sich der Vater vom Sohn unterscheidet; fragst du nach
dem Preis eines Brotlaibes, … dann bekommst du zu
hören, daß der Sohn weniger sei als der Vater; und
wenn du dich erkundigst, ob dein Bad bereit sei, erhältst
du zur Antwort, der Sohn sei aus dem Nichts
erschaffen.“

Irritierend und damit auch anziehend wirkte auf
den Schüler vergangener Tage nicht das in der Episode
verhandelte Problem an sich, sondern die Tatsache,
dass ein „solches“ Problem überhaupt irgendwann
einmal die Leidenschaften des Alltags einer Gesellschaft
– selbst einer antiken – durchdringen konnte.

Lehrwerke für die Sekundarstufe I

Da die spekulativen Fragen der Trinitätstheologie
im Sinne der Kompetenzorientierung
nicht ohne Weiteres mit „Entwicklungsaufgaben“
und „Anforderungssituationen“
verknüpft werden können, führen jene eher
ein Nischendasein in den Werken der Orientierungs-
und Mittelstufe. Immerhin enthält
das von Werner Trutwin konzipierte
Lehrwerk „Wege des Glaubens 7/8“ unter
der Kapitelüberschrift „Der Mensch gewordene
Sohn Gottes“ eine Doppelseite, die sich
in die Abschnitte „eine[r] biblische[n] Hinführung“,
eines Auszugs aus dem „Große[n]
Glaubensbekenntnis“, eines Autorentextes
zur „zweite[n] Person des dreieinigen Gottes“,
eines mehr als halbseitigen und die Begriffe
„Doketismus“, „Nestorianismus“ und
„Monophysitismus“ nennenden Zitats aus
dem Youcat zur 77. Frage „Was bedeutet es,
dass Jesus Christus wahrer Gott und wahrer
Mensch zugleich ist?“ und eines Lehrbuchautorentexts
zu „Konsequenzen für den
Alltag“ gliedert. Es dürfte meines Erachtens
im Hinblick auf viele Lerngruppen eine zu
große pädagogische Herausforderung darin
bestehen, die Fülle von Einzelerklärungen,
Materialien und Aufgabenstellungen so zu
arrangieren, dass Schülerinnen und Schüler
von der Komplexität und Unanschaulichkeit
nicht abgeschreckt werden. Positiv sei allerdings
erwähnt, dass in den „Konsequenzen
für den Alltag“ die praktische Dimension
der Liebe Gottes zu den Menschen sowie der
Menschenwürdegedanke eine Verortung finden
und dass ein zum Thema passendes Gemälde
von Albrecht Dürer die Möglichkeit einer
ästhetischen Auseinandersetzung bietet.

Ein systematischerer und damit wohl
erfolgversprechenderer Gang wird in dem
von Hubertus Halbfas stammenden Unterrichtswerk
„Religionsbuch“ unternommen.
Die große und allgemein anerkannte Stärke
seiner Religionsdidaktik liegt in dem spiralcurricularen
Aufbau des auf sechs (bzw.,
wenn die Grundschulzeit miteingerechnet
wird, auf zehn) Jahre angelegten Lernwegs,
dessen Fundament ein sprach- und insbesondere
metaphernsensibler Umgang mit
biblischen und theologischen Texten sowie eine religionswissenschaftliche Einbettung neutestamentlicher
Aussagen bilden. In Entsprechung dazu
werden im „Religionsbuch für das 7./8. Schuljahr“,
das auf eine ausführliche Auseinandersetzung mit
Metaphern zurückgreifen kann, Aussagen des Apostels
Paulus, aber auch der Evangelisten Markus, Lukas
und Johannes sowie der frühkirchlichen Konzilien
zum Sohn Gottes in den Kontext altägyptischer
und alttestamentlicher Verwendungen der Sohn-Gottes-
Formel gerückt. Konsequenterweise kann daher in
dem in Religionslehrerkreisen völlig zu Unrecht als
für heutige Schülerinnen und Schüler zu anspruchsvoll
bezeichneten „Religionsbuch“-Lehrgang von Hubertus
Halbfas auf die oben genannten Begriffe Doketismus
und Monophysitismus verzichtet werden. Viel
wichtiger sind Einordnungen, die Zitate aus dem nizänischen
Glaubensbekenntnis etwa mit den Worten
„Gewiss wollten die Bischöfe mit dieser Formel nicht
über die Aussagen der Schrift hinausgehen, sondern
diese für die Menschen ihrer Zeit deutlich machen“
kommentieren, und durchaus kompetenzorientierte
Aufgaben, die die Schülerinnen und Schüler zur Beurteilung
anregen, inwiefern die an derselben Stelle abgedruckten
Auslegungen heutiger Theologen dem Bekenntnis
„Jesus ist der Sohn Gottes“ gerecht werden.

Lehrwerke für die Sekundarstufe II

Schülerinnen und Schüler der gymnasialen Oberstufe
dürften sich aufgrund der höheren Abstraktionsfähigkeit
im Vergleich zu den jüngeren Jahrgängen empfänglicher
für die hochspekulativen Gedankengänge der
Trinitätstheologie zeigen. Aber auch hier gilt, dass die
Theorie eine Verankerung in einer wie auch immer geprägten
spirituellen Haltung oder Praxis benötigt, wenn
sie Lebensbedeutsamkeit gewinnen will. Inwieweit der
trinitarisch interpretierte und erlebte Gott der Christen
Lebensrelevanz entwickelt, ist auf eine sehr beeindruckende
Weise in einem autobiographischen Abschnitt
des erst kürzlich erschienenen Buches „Das Geheimnis
des Galiläers“ von Gerhard Lohfink erfahrbar:

„Selbstverständlich hatte die Entscheidung zum
Priestertum etwas – nein, nicht nur etwas – mit Jesus
zu tun. Es war eine ganz persönliche, tiefgreifende
Entscheidung, die mich an ihn gebunden hat. Aber darüber
möchte ich jetzt nicht reden. Etwas anderes ist mir im Zusammenhang mit unserem Gespräch wichtiger:
Ich habe mit großer Freude und sehr intensiv
sechs Jahre lang Theologie studiert (…). Dabei spielt
die Entwicklung der Christologie in den Jahrzehnten
nach dem Tod Jesu eine besonders wichtige Rolle. Ich
halte es für eines der großen Wunder der Frühen Kirche
– die Entfaltung des Christusglaubens ging ja weiter
bis zu den großen Konzilien von Nikaia, Konstantinopel,
Ephesus und Chalkedon –, mit welcher Treue und Differenziertheit die Jesus-Erfahrungen der ersten
Zeugen bewahrt, ausgelegt und durchdacht wurden.
Bewahrt, so dass nichts Entscheidendes verloren
ging – durchdacht, so dass diese ältesten Jesus-Erfahrungen
immer wieder gegen Schieflagen und Irrlehren
präzisiert wurden. (…) Die Kirche hat, Gott sei
Dank, immer am Alten Testament festgehalten. Damit
hat sie selbstverständlich auch an dem Bekenntnis
Israels zu dem einen, einzigen Gott festgehalten. Sie
konnte Jesus nicht als 'zweiten Gott' sehen. Der Islam
wirft das den Christen zwar vor. Schon der Koran tut
es. Aber dieser Vorwurf geht am kirchlichen Glauben
völlig vorbei. (…) Die unendlich fein abgestimmten
Formulierungen der altkirchlichen Konzilien, die darum
kämpfen, Jesus Christus weder zum bloßen Geschöpf
noch zu einem zweiten Gott zu machen, (…),
sind der gelungene Versuch, die Jesus-Erfahrungen
der ersten Jünger auszulegen – und zwar auszulegen
in alttestamentlichen Kategorien.“

»Die Theorie benötigt eine
Verankerung in der Praxis,
wenn sie an Lebensbedeutsamkeit
gewinnen will«

Jochen Ring

Wie schön wäre es, wenn der Religionslehrer durch
seine Unterrichtsreihe zur Trinitätstheologie wenigstens
einen Bruchteil von dem Feuer, das die zitierten
Zeilen atmen, an seine Schülerinnen und Schüler weitergeben
könnte! Schauen wir uns nun aber an, wie
die Trinitätstheologie in den einschlägigen Lehrwerken
behandelt wird.

Das Lehrwerk „Am Anfang war das Wort“ widmet
der „Trinität im Christentum“ vier Seiten, die eine
anekdotische Episode aus dem Leben des Augustinus
sowie fünf Fotos enthalten, die genauso wie der
Eingangstext Möglichkeiten zur Eröffnung eines ersten
Austauschs innerhalb bzw. mit der Lerngruppe
anbahnen. Eine gehaltvolle theologische Auseinandersetzung
kann mit dem darauf folgenden Auszug
aus Leonardo Boffs „Von der Einsamkeit des Einen
zur Gemeinschaft der Drei“ und dem 21 Zeilen langen
„nachapostolische(n) bekenntnis (sic!)“ von Kurt
Marti angestoßen werden. Die Herausforderung für
den Lehrenden wird darin liegen, die Spannung aufzulösen,
die zwischen den auf den ersten beiden Seiten
gesetzten niedrigschwelligen Impulsen und der
anspruchsvollen Beschäftigung mit einer facettenreichen
längeren Abhandlung besteht. Die Gefahr dürfte
groß sein, dass die mit deren Hilfe erzielten Lernergebnisse
im Abstrakten verbleiben.

Formal in großer Parallelität zu „Am Anfang war
das Wort“ finden sich auch in „sensus“ vier Seiten, die
im Wesentlichen einen modernen theologischen Text,
und zwar „Erfahrungen mit Gott als Ausgangspunkt
theologischer Rede“ von Klaus von Stosch, einen kleinen
Teil „aus dem Glaubensbekenntnis von Nizäa und
Konstantinopel“ sowie im Vergleich zu dem eben skizzierten
Werk angemesseneres Bildmaterial enthalten.
Für den hier beschrittenen Weg spricht die überaus
gelungene Verknüpfung der Fotos mit klug aufeinander
aufbauenden, kreativen Aufgabenstellungen,
die sich unter anderem mit den Missverständnissen
des Tritheismus, des Modalismus, des Adoptianismus
und des Subordinatianismus verknüpfen lassen.

Die sechs Seiten, die Werner Trutwin für das Oberstufenbuch
„Gott“ gestaltet hat, tragen eher den
Charakter eines katechetisch orientierten Kompendiums
als den eines zum Diskurs anregenden Lehrwerks.
Selbst die drei künstlerischen Darstellungen,
die sinnvoll „auf die Dreifaltigkeit“ bezogen werden
können, erfahren eine mögliche Schülerdeutungen
restringierende Interpretation. Mit pädagogischem
Geschick sollte die Lehrkraft immerhin die theologischen
Texte von Manfred Gerwing, Raimon Panikkar
und Leonardo Boff als Anstöße zur vertieften Auseinandersetzung
mit dem Thema nutzen können.

Den gelungensten Zugang zu trinitätstheologischen
Fragestellungen weist meines Erachtens das Buch
„Vernünftig glauben“ auf. Diese Einschätzung verdankt
sich nicht nur der Ausführlichkeit – acht Seiten
sind vorgesehen – sondern insbesondere der systematischen,
schrittweisen, fast lehrgangsmäßigen Problemeröffnung
und Entfaltung des Themas, die genügend
Raum lässt für eine individuelle und multiperspektivische
Bearbeitung. Die Lehrbuchautorentexte bewirken
anders als im zuletzt analysierten Lehrwerk
keine Engführung; sie orientieren sich wesentlich an
den zentralen Gedanken von Peter Knauer, der darüber
hinaus in einem knapp einseitigen Text („Kann
man die Dreifaltigkeit Gottes verstehen?“) selbst zu
Wort kommt. Mit den Abschnitten „Trinitätskritik aus
jüdischer Sicht“ und „Trinitätskritik aus islamischer
Sicht“ wird die reale Anforderungssituation eines
interreligiösen Dialogs konstruiert. Sehr erfreuliche
Erfahrungen habe ich in den diversen Jahrgängen von
Elftklässlern seit dem Erscheinen des Buches sowohl
mit den für kreative Interpretationen höchst geeigneten
Kunstwerken von Nicoletto Semitecolo und Roland
Peter Litzenburger als auch mit dem von Kurt
Marti stammenden Gedicht „psalm“, das sich auch
gut für eine Klausur verwenden lässt, gemacht.