Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

01_2021

Spiel und Performance

Editorial

Gesellschaftsspiele waren während der Corona-Zeit so gefragt wie nie. In Wiesbaden
entwickelte sogar eine Familie während des Lockdows ein eigenes Corona-Brettspiel,
das mit Humor die Begleiterscheinungen der Pandemie aufgreift und sich damit unbewusst
in eine Traditionsreihe stellt, die mit dem Schrecklichen einen spielerischen
Umgang pflegt, wie die Totentänze der Pest es uns überaus deutlich vor Augen führen.
Spiele prägen wie selbstverständlich unser Leben, vor allem in der Kindheit, wo wir
uns spielerisch in Tätigkeiten üben und Erwachsene nachahmen – wir sprechen in diesem
Zusammenhang auch von mimetischen Lernen, das in der Erziehung eine zentrale
Rolle spielt.

Menschen spielen einfach gern – zum Zeitvertreib, zur Unterhaltung oder zum reinen
Vergnügen. Das Grimmsche Wörterbuch kennt unzählig viele Wortverbindungen mit
»Spiel« – vom Spielverderber über das Glücksspiel bis hin zu Macht- und Kriegsspielen.
Neben der harmlosen, selbstvergessenen Dimension von Spiel klingt hier bereits eine
ernste, ja dunkle Seite des Spiels an, die in dem Sprichwort, »der Katzen Spiel, ist der
Mäuse Tod« (Martin Luther), anklingt. Es gibt auch Spiele, die keine reine Spielerei mehr
sind. Hier steht etwas auf dem Spiel und zwar alles, wenn es um Leben und Tod geht.
Unser Titelbild spielt diese ambivalente Sichtweise in unser Nachdenken über das
Spiel ein. Es zeigt nach Mt. 27,35 die Soldaten auf Golgotha, die
mit Jesus vorher noch ihren Spott und ihr sadistisches Spiel
getrieben haben, um ihn dann ans Kreuz zu schlagen. Schon
werfen sie über sein Gewand das Los – als sei nichts geschehen.
Sie machen so weiter, als ob in dieser Stunde nichts anderes
auf dem Spiel steht. Banaler und zugleich wahrer kann man die
Theodramatik der Passion nicht mehr auf den Punkt bringen. In
diesem Endspiel tritt die widergöttliche Schattenseite der Freiheit
des Menschen in eine dramatische Zerreißprobe mit der unendlichen
Freiheit Gottes, der seinen Heilswillen auch in diesem
Tiefpunkt der Geschichte Gottes mit den Menschen durchträgt
– um des Lebens willen

Ich wünsche Ihnen bei der Lektüre reichliche Entdeckungen und
freue mich, dass der Eulenfisch mit dieser Ausgabe erstmals mit
dem Bistum Dresden-Meißen über Bande spielt: Durch ein kreatives
Zusammenspiel erscheint unser Magazin auch als eigene
sächsische Regionalausgabe. Die Zeiten sind günstig, um Neues
auszuprobieren …

Perspektiven

Holger Zaborowski
Offen sein. Ganz sein. Frei sein.
Kostenlose Leseprobe des Artikels verfügbar.
Joachim Valentin
Mehr als bloße Spielerei
Sandra Huebentahl, Mark Vogelgesang
Wider die Spielverderbermentalität
Abdel-Hafiez Massud
"Sende ihn morgen mit uns, dass er Spaß und Spiel finde"

Kultur

Peter Radtke im Interview
"Ich will nicht vor meiner Behinderung fliehen"
Johan Huizinga, übersetzt von Hartmut Sommer
Home ludens - der spielende Mensch
Paul-Henri Campbell
Sprachspiele
Linus Hauser
Von der Faszination von Machtspielen
Irene Lorisika
Einsamkeit. Isolation. Solidarität.
Kostenlose Leseprobe des Artikels verfügbar.
Peter Wayand
Mit Hörspielen neue Räume eröffnen
Thomas Menges
Ausgewürfelt!
Ingrid Hornef im Interview
"Ich arbeite mit dem Würfel"
Franz Günther Weyrich
Jesus als Aktivist: "Das Neue Evangelium"

Praxis

Andreas Thelen-Eiselen
S.M.I.L.E. Ein interaktives Wimmelbuch
Kostenlose Leseprobe des Artikels verfügbar.
Stefan Piasecki
Virtuelle Schöpfung? Oder wie Gaming unsere Wirklichkeit erweitert
Kostenlose Leseprobe des Artikels verfügbar.
Viera Pirker
Vom heiligen Ernst - das Spiel in der religiösen Bildung
Kostenlose Leseprobe des Artikels verfügbar.
Thimo Zirpel
Gaming nicht nur für digitale Einwanderer
Andreas Thelen-Eiselen
jessas!
Amin Josua im Interview
Ein biblisches Videogame-Adventure
Antonia Bräutigam
#relibreakout - Rätsel lösen, Codes knacken, entkommen und ausbrechen
Antonia Bräutigam
Zeitreise im mobilen Escape Room
Kostenlose Leseprobe des Artikels verfügbar.
Edwin Borg
"Theocache"

Forum

Andreas Volleritsch im Interview
Das Neue Testament als Magazin
Eulenfisch goes East

Titelbild

Unser Titelbild soll den Betrachtenden irritieren, zugleich aber auch neugierig machen und dazu
animieren, am Titelmotiv teilzuhaben, indem über ein Handy eine erweiterte Realitätsebene (AR)
»eingespielt« wird. Erst dann wird deutlich, dass es hier um mehr geht als nur um ein banales Würfelspiel:
Für die aktuelle Ausgabe des Eulenfisch hat Simon Prades eine animierte Illustration geschaffen,
die sich auf die Bibelstelle bezieht, in der die Soldaten, die Jesus gekreuzigt hatten, seine Kleider
verteilten und über sie das Los warfen (Mt 27,35). Diese interaktive Animation zeigt die Abgründigkeit
der biblischen Szene und bringt damit die Ambivalenz des Spiels großartig zum Ausdruck.

Simon Prades studierte Grafikdesign in Trier und lebt und arbeitet in Saarbrücken. Der international
tätige Illustrator und Grafikdesigner zeichnet seine Motive meist in analoger Technik mit Bleistift
oder Tusche auf Papier und koloriert diese dann digital am Computer. Zu seinen Auftraggebern
zählen u.a. Der Spiegel, Die Zeit, GEO, Cicero, The New York Times und Rolling Stone.

(c) Simon Prades