Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

02_2010

Gierige Zeiten

heillos verstrickt

Editorial

Was verbindet den Kirchenvater Basilius aus dem
4. Jahrhundert mit dem kürzlich verstorbenen Künstler
Sigmar Polke, dem „Chamäleon unter den deutschen
Malern“, dessen Bild „Neid und Habgier“ aus dem Jahr
1984 wir als Coverbild für die aktuelle Ausgabe des
EULENFISCH gewählt haben? Ähren, Symbole für Ernte
und Reichtum, sind hier aus dem Boden gelöst, entwurzelt
– schweben haltlos über dem Grund. Statt der
zu erwartenden Getreidekörner heben sich D-Mark-
Münzen als schwarze Konturen von dem schlammig
gehaltenen Farbgrund ab, laufen in scharfen dornenartigen
Strichen, den Grannen der Körner, aus. „Du
siehst nur Gold, denkst nur an Gold. Lieber siehst du
das Gold als die Sonne. Das Getreide wird dir zu Gold,
der Wein verdichtet sich dir zu Gold, das Gold erzeugt
sich selbst, indem es sich durch Zinsen mehrt. Und
doch wirst du nie satt, und deine Gier findet nie ein
Ziel“ – das vom heiligen Basilius stammende Zitat liest
sich wie ein Kommentar zu Polkes Bild und ist gleichzeitig
eine hochaktuelle Zeitdiagnose: Geld kann man
nicht essen, es stillt nicht unseren Hunger und dennoch
bestimmt es all unser Streben und die Sicht auf
die Welt – Fernsehbilder von ölverschmierten Stränden
und Vögeln aus dem Golf von Mexiko kommen uns in
den Sinn. Die menschliche Gier findet immer neue Betätigungsfelder.

Die Gier wird seit alters her als die „Mutter aller Laster“
bezeichnet: Stolz, Geiz, Neid, Zorn, Wolllust, Völlerei
und Trägheit – die heillosen Verstrickungen des
Menschen wirken als Gifte der Menschlichkeit. Sie zerstören
das Glück der Familie, zersetzen das Gemeinwesen
und treiben den Einzelnen in einen blinden Egoismus:
„Ein geiziges Auge trocknet die Seele aus“ (Sir
14,9) – die Erkenntnis, dass der Mensch von Natur aus
gierig ist, teilt die Theologie mit aller menschlichen
Weisheit. Sie unterscheidet sich aber darin, dass sie
erklärt, dass dies einmal nicht so war und dass dies
nicht so bleiben muss: Trotz heilloser Verstrickungen
gibt es einen rettenden Ausweg. Die christliche Logik
des Schenkens durchkreuzt die Logik des Habenwollens
und eröffnet einen Ausweg in gierigen Zeiten. Die
Heiligen haben von Paulus über Elisabeth und Franz
von Assisi bis zu Mutter Teresa und Damian de Veuster
diese Option glaubhaft gelebt und uns das wahre Bild
des Menschen und seines Glücks gezeigt: Im Auszug
aus sich selbst kommt der Mensch zu sich selbst – die
christliche Liebe ist hierfür die rettende Formel.

Die Zeitumstände haben uns das Heftthema geradezu
aufgedrängt: Wirtschaftskrise, bröckelndes
Vertrauen nicht nur in den Euro, sozial umstrittene
Sparpakte, aber auch die Selbstinszenierungen in Casting-
Shows, die Gier nach immer Neuem – wir leben
zweifellos in gierigen Zeiten. Mit einer neuen Facette
des uralten Lasters der Menschheitsgeschichte befasst
sich auch der Vortrag des Chefredakteurs des Magazins
„Focus“, Wolfram Weimer, am diesjährigen Tag der
Religionspädagogik. Seine Überlegungen zur „Gier der
Medienrepublik“ werden wir in der nächsten Ausgabe
dokumentieren.

Thema

Thomas Ruster
Heillos verstrickt, aber prinzipiell heilbar
Ursula Nothelle-Wildfeuer
Geben, um zu haben
Andreas Renz
„Geiz und Gier treiben uns in den Abgrund“

Kunst

INTERVIEW MIT JÖRG LÄNGER
„Riesige Köpfe mit aufgerissenen Mündern“
HELMUT ZIMMERMANN
Kloster Arnstein und seine Bibel
SABINE BERTHOLD
König für einen Tag
MARKUS SCHULZE
Neu gelesen
SUSANNE NORDHOFEN
Kann eine Reliquie falsch sein?

Medien

FRANZ GÜNTHER WEYRICH
Avaritia – filmische Schlaglichter
STEFAN HEROK
Sieben Todsünden und warum ich mit Brecht eingebrochen bin
THOMAS SCHWEIKERT
Das gute Leben
THOMAS MENGES
Bildungsstandards in der Praxis
MATTHIAS WERNER
Lehrbuch der Religionsdidaktik

Praxis

Karl Heinz König
Ein Leben gegen die Gier
Harald Kern
„Du sollst nicht begehren deiner Nächsten Mann“
UTE LONNY-PLATZBECKER / PAUL PLATZBECKER
„Geiz ist geil“ – oder doch nicht?
ANDREAS THELEN
Neugier wecken – Mitmenschlichkeit erleben
THOMAS MENGES
Gier. Zur Ikonographie einer Todsünde

Forum

INTERVIEW MIT NORBERT WALTER
„Gott hat uns gut und böse gemacht“
JENS FELD UND ECKHARD NORDHOFEN
Besser gemeinsam?
INTERVIEW MIT ECKHARD NORDHOFEN
„Die Mysterien Gottes erlebbar machen“

Aktuelles

KATHARINA SAUER
Religiös kompetent werden
Neuer Dezernent für Bildung und Kultur