Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung
Arnsteiner Bibel (Fotos: Fotostudio Baumann)

Kloster Arnstein und seine Bibel

Wer die Arnsteiner Bibel sehen möchte, muss heute nach London reisen. Die prächtig gestaltete Handschrift zählt zu den größten Schätzen der British Library.

Das Kloster

Das Kloster Arnstein in Obernhof an der Lahn gehört zu den monastischen Kleinoden des Bistums Limburg. Seine Geschichte reicht bis ins elfte Jahrhundert zurück. 1052 wurde eine Burg Arnstein als Sitz der Grafen von Arnstein erstmals urkundlich erwähnt und ist damit die älteste nachgewiesene Burg an der Lahn überhaupt. Spuren dieser Burg existieren heute nicht mehr. Als Erbauer der Burg gilt der erste Arnsteiner Graf, Arnold I., der 1034 das erste Mal urkundlich erwähnt wird. Unter seinen Nachfolgern Ludwig I. und Ludwig II. werden die Arnsteiner Gaugrafen eine große politische Macht. Ihr Herrschaftsbereich erstreckte sich über den Einrich und den links der Lahn gelegenen Teil des Lahngaues bis hin zum Rhein und von Lahnstein bis Kaub sowie das Land zwischen Koblenz und Oberwesel. Für dieses Gebiet waren die Arnsteiner Gaugrafen vom Kaiser eingesetzte Schutzherren.

Mit Ludwig III. änderte sich alles. Er wandelte die Burg 1139 in ein Prämonstratenserkloster um, in das er und seine Frau Guda einzogen. Bewogen dazu hat ihn wahrscheinlich die Gründung des Klosters Gottesgnaden in Sachsen durch seinen Cousin Graf Otto von Crudorf 1131. Aus diesem Kloster kamen dann auch die ersten Kleriker des neuen Klosters Arnstein, dessen Gründungsabt der Domscholastikus Gottfried, ein Schüler des Ordensgründers Norbert von Xanten, war.

Nach dem Übertritt der nassauischen Fürsten zum Protestantismus in der Reformationszeit unterstellte sich Kloster Arnstein unter Abt Petrus Marmagen (+1604) dem Schutz des Erzstiftes Trier. 1803 wurde das Kloster im Zuge der Säkularisation aufgehoben. 1919 übernahm die „Ordensgemeinschaft von den Heiligsten Herzen Jesu und Mariens“ Kloster Arnstein als ihre erste Niederlassung in Deutschland. Deshalb sind sie als „Arnsteiner Patres“ bekannt geworden. 1924 führten sie die bis heute bestehende Wallfahrt nach Arnstein ein.

Das Skriptorium

Der Gründungskonvent brachte neben notwendigem Hausrat gemäß den Statuten des Ordens sieben Bücher aus Kloster Gottesgnaden mit: Psalter, Hymnar, Kollektor, Antiphonar, Graduale, Regel und Missale. Dieser Grundstock der Klosterbibliothek wurde vergrößert durch Schenkungen und Kauf, insbesondere aber durch die Einrichtung eines Skriptoriums. Hier schrieben die Mönche liturgische und andere Bücher ab und illustrierten sie auch. Aus den ersten dreißig Jahren des Arnsteiner Skriptoriums ist das Gebetbuch der Stifterin Guda erhalten. Während der Blütezeit des Arnsteiner Skriptoriums in den siebziger Jahren des 12. Jahrhunderts entstanden die künstlerisch schönsten und wertvollsten Codices: ein dreibändiges Passionale, das Kreuzeslob von Hrabanus Maurus und insbesondere die beiden Bände der Arnsteiner Bibel. Mitte des 13. Jahrhunderts wurde das Skriptorium aufgegeben.

Die Arnsteiner Bibel

Das Original der Arnsteiner Bibel, geschrieben von 1170 bis 1172 von dem Mönch Lunandus, liegt nicht mehr im Kloster an der Lahn, sondern in der British Library in London. Dorthin gelangte es im 18. Jahrhundert. 1717 kaufte ein Agent eines Londoner Buchhändlers die Arnsteiner Bibel zusammen mit zahlreichen anderen wertvollen Handschriften von Bibliotheken an Mosel und Rhein. Die Büchersammler Lord Robert Harley (16611724) und sein Sohn Edward Harley (1689-1741) kauften sie von ihrem Buchhändler Humfrey Wanley. 1753 übernahm die britische Regierung diese wertvolle Handschriftensammlung für zehntausend Pfund. Sie wurde so zum Grundstock der heutigen British Library. In deren Showroom wird die Arnsteiner Bibel als einer ihrer größten Schätze von Zeit zu Zeit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Zwei Faksimiles

Der Theaterwissenschaftler, Kunsthistoriker und Experte für mittelalterliche Handschriften, Diethelm Gresch, hatte vor über zehn Jahren in der Berliner Kunsthalle eine Aufsehen erregende Ausstellung von Faksimiles zahlreicher berühmter Codices veranstaltet. Nach seinem Umzug an Rhein und Lahn vor einiger Zeit engagiert er sich jetzt als Vorsitzender des Vereines „Peregrini e. V.“ für das Kulturprogramm von Kloster Arnstein. In diesem Rahmen hat er 2009 dort eine ähnliche Faksimileausstellung wie zuvor in Berlin kuratiert. Als besondere Ausstellungsstücke, die Interessenten auch jetzt noch erwerben können, ließ der Verein zwei der schönsten Blätter der Arnsteiner Bibel faksimilieren, den Anfang des Lukasevangeliums und die erste Seite des Johannesevangeliums (siehe Abbildungen).

An diesen Faksimiles ist sehr schön die besondere künstlerische Gestaltung der Arnsteiner Bibel zu erkennen. In Motivik und Stil ist sie an der Kunst der Rhein-Maas-Region, speziell an der großen Bibel des Klosters Floreffe bei Namur, orientiert. Durch Vermittlung durch dessen Filialkloster Rommerskirchen wurde sie zur konkreten Vorlage für den Schreiber und die Buchmaler der Arnsteiner Bibel, was beispielsweise an der Übernahme einiger Ornamente und dem Figurenschmuck zu erkennen ist. Die aus der Zeit der Romanik stammende Arnsteiner Bibel gehört zweifellos zu den größten buchkünstlerischen Leistungen dieser Zeit.