Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung
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Im Dialog mit dem Neuen Testament

Ein Papst als Buchautor

Im März ist der zweite Band des Papstes über Jesus von Nazareth
erschienen. Sein Jesusbuch ist kein amtliches Dokument, sondern
ein sehr persönliches Buch. Joseph Ratzinger geht darin einem
Herzensanliegen nach, das ihn schon vor der Papstwahl bewegt
hat: ein Buch über Jesus zu schreiben.

Der Autor firmiert an erster
Stelle mit dem Namen, den er als
Professor trug – in dem Beruf, der
anders als Papst zu werden, seiner
Wahl entsprach. Sein Buch ist ein
gelehrter „Dialog mit dem Neuen
Testament“ (II, 125). Er ist strukturiert
wie eine gute Vorlesung, lässt
Plato einfließen und Rudolf Bultmann.
Wie ein Dirigent den Orchesterstimmen
im Konzert den passenden
Einsatz gibt, hört der Autor auf
die verschiedenen Stimmen der europäischen
Geistesgeschichte und
lässt sie an geeigneter Stelle in seinem
Dialog zu Wort kommen. Seine
Leichtigkeit und seine unaufdringlich
schöne Sprache erinnern an ein
Mozartstück. Dezent fließen Kultur
und Bildung ein. Beide Jesusbücher
sind ein gelehrsames Lesevergnügen:
der Professor Joseph
Ratzinger erklärt Jesus von Nazareth.
Im ersten Band ergründet er
das Geheimnis der Person Jesu im
öffentlichen Leben: „Jesus hat Gott
gebracht“ (I, 73). Im zweiten Band
tastet er sich zum Geheimnis seines
Leidens und seiner Auferstehung
vor: „Alle haben gesündigt,
alle brauchen die Erbarmung des
Herrn, die Liebe des Gekreuzigten.“
(II, 172, vgl. Röm 3,23f)

Das Buch ist ein Herzensanliegen
von Joseph Ratzinger. Warum
hat er es auch als Papst weiterverfolgt?
Warum hat er sich viele kostbare
Stunden hingesetzt und zwei
Bücher über Jesus geschrieben, anstatt
sich beispielsweise von seiner
Arbeit zu erholen? Zum ersten Buch
gab es Vorarbeiten, aber das zweite
ist ganz in seiner Amtszeit entstanden.
Welche Bedeutung erhält das
Buch durch seine doppelte Autorenangabe:
Joseph Ratzinger – Benedikt
XVI.? Dazu später. Was hat
ihn zu seinen beiden Bänden über
Jesus von Nazareth bewegt?

Hermeneutik des Glaubens

Der Schlüssel für seine beiden Bände
findet sich im Vorwort zum ersten
Band. Er möchte die Evangelien
mit einer Hermeneutik des Glaubens
lesen. Die historisch-kritische
Erforschung der Evangelien habe
in den vergangenen Jahrzehnten
viele kleine Mosaiksteine eines Jesusbildes
genau und detailfreudig
untersucht. Dabei sei ihr aber das
große Ganze des Bildes Jesu aus
dem Blick geraten. Joseph Ratzinger
möchte mit seinen Büchern zur
intima cognitio Jesu führen. Sie
haben die gleiche Absicht, die Ignatius
von Loyola in den Geistlichen
Übungen verfolgt. Der Leser und
die Leserin sollen Jesus von innen
her kennen lernen, „um ihn mehr
zu lieben und ihm folgen zu können“.
Diese innere Kenntnis muss
jeder selbst erfahren. Das kann der
Autor niemandem abnehmen. Jede Christin, jeder Christ muss sich
selbst mit der Bibel auf die Suche
nach Jesus machen. Aber der Autor
möchte bei dieser Suche helfen.
Aus seiner inneren Kenntnis Jesu
zeigt er Wegweiser für eine solche
Suche. Deshalb ist Joseph Ratzingers
Buch ein Zeugnis seines Glaubens
an Jesus. Wenn er persönlich
schreibt, wird er dabei nicht unprofessionell,
sondern tut das, was
eigentlich Amt eines Professors ist:
Er legt professionell Zeugnis ab.

» Seine Leichtigkeit und seine unaufdringliche
Sprache erinnern an ein
Mozartstück.«

Ansgar Wucherpfennig

Im Vorwort zum ersten Band
analysiert der Professor für Dogmatik
das Problem des historischen
Zugriffs auf Jesus, das die Suche
nach seiner Person erschwert. Die
historisch-kritische Exegese geht weithin davon aus, dass die Christologie
der Evangelien nicht den
historischen Jesus wiedergebe,
sondern bereits das Osterkerygma
in das Leben Jesu zurückprojiziere.
Sie hat Jesus in den Evangelien
auseinandergenommen wie eine
russische Matroschka. Die Kritik
hat Schale um Schale von den kerygmatischen
Erzählungen abgelöst,
um auf ihren historischen Gehalt vorzustoßen. Bei den verschiedenen
Ablösungsvorgängen
ging allerdings so viel an Lebendigem
verloren, dass am Ende nicht
mal mehr eine Puppe aus Vollholz
zum Vorschein kam, sondern nur
noch ein trockenes Skelett, das kein
Fleisch mehr hat. Aus der christlichen
Überlieferung wurde ein Bild
von Jesus herausgelöst, das den
Glauben an ihn nicht mehr erklären
kann.

» Das Johannesevangelium ist dem
‚wirklichen Jesus‘ nicht weniger
nahe als die Synoptiker.«

Ansgar Wucherpfennig

Am Anfang des zweibändigen Jesusbuches
steht eine Frage an die
historische Kritik der Evangelien:
„Ist es nicht historisch viel logischer,
dass das Große am Anfang
steht und dass die Gestalt Jesu in
der Tat alle verfügbaren Kategorien
sprengte und sich nur vom Geheimnis
Gottes her verstehen ließ?“ (I,
21). Joseph Ratzingers Antwort darauf
ist inzwischen viel zitiert. Sie
ist das Besondere seines Buches: Er
sucht den wirklichen Jesus in den
Evangelien. Der Jesus der Evangelien
ist „‚der historische Jesus’ im
eigentlichen Sinn“ (I, 20).

Im ersten Band ist er dabei den
Geheimnissen des Lebens Jesu gefolgt.
Während sich eine dogmatische
Schultheologie auf Menschwerdung,
Leiden, Kreuz und
Auferstehung Jesu konzentrierte,
auf die christologischen Daten, die
auch das Credo bekennt, setzt Joseph
Ratzinger an der alten Vorstellung
von den mysteria vitae Christi
an. Die Ereignisse des öffentlichen
Lebens Jesu offenbaren jedes für
sich das ganze Geheimnis seiner
Person. Dazu müssen sie allerdings
in der Tiefe ihrer Bedeutung und im
Ganzen der Schrift gelesen werden.

Das Johannesevangelium

Das Jesusbuch hat dem Papst von
Seiten der Exegese einige Kritik eingetragen. Wer sich in die Küche
begibt, darf sich nicht wundern,
dass es darin dampft. Unter der
Kritik war nicht nur Naseweises.
Es gab respektvolle Anfragen auch
zu Details. Selber fällt es mir nach
allen historischen Überlegungen
zur johanneischen Frage noch nicht
leicht, einfach den Zebedäus-Sohn
Johannes als Vierten Evangelisten
anzunehmen, wie der Papst das
tut (I, 260–281). Das Evangelium
stammt nach seiner eigenen Auskunft
von dem Jünger, den Jesus
liebte. Nur in der Überschrift heißt
er Johannes. Die Überschrift ist
sehr alt, aber nachträglich hinzugesetzt.
In Joh 21,7 folgen Petrus
sechs Jünger zum Fischen: Thomas,
Nathanael, die Söhne des Zebedäus
und zwei andere Jünger. Einer
von ihnen ist der Jünger, den Jesus
liebte. Er macht Petrus darauf
aufmerksam „Es ist der Herr“. Von
ihm stammt das Evangelium. Aber
ist es so sicher der Zebedäus-Sohn
Johannes? Warum ist es dann nicht
deutlicher gesagt? Eine wissenschaftliche
Exegese muss zumindest
das Zeugnis des Evangeliums
und die altkirchlichen Nachrichten
ernstnehmen und kann nicht einfach
daran vorbei einen Autor konstruieren.

Wichtiger noch als diese Frage
scheint mir die Feststellung, dass
dem Evangelisten das „factum est“
entscheidend ist (II, 123f). Das gilt
nicht nur für die Inkarnation, sondern
auch für die Geheimnisse des
Lebens Jesu. Für all das hat es Augenzeugen
gegeben. Im Johannesevangelium
lesen wir von einem,
der dabei war, beim Abendmahl
sogar an der Seite Jesu. Das finde
ich so aufregend, dass mir beim
Umblättern seiner Seiten die Finger
zittern, wenn ich daran denke.

Johannes als Leitevangelium

In beiden Bänden ist Johannes das
Leitevangelium, das Joseph Ratzinger
auf seiner Suche nach Jesus
begleitet. Die Grundentscheidung
des Papstes bestätigt Beobachtungen,
die mir seit einigen Jahren
im Johannesevangelium auffallen.
Gemeinhin gelten die Synoptiker
als näher an Jesus als Johannes.
Johannes sei spät und seine Darstellung
Jesu durch einen langen
Traditionsprozess geformt. Johannes
scheint mir aber vielfach dem
ursprünglichen Hergang näher als
die Synoptiker. Charles H. Dodd
hat das schon in einer Untersuchung
der 60er Jahre für die historischen
Informationen bei Johannes
vermutet. Joseph Ratzinger
hat im zweiten Band von Johannes
die Chronologie des Sterbens Jesu
übernommen. Der vierte Evangelist
habe „recht damit, dass die Kreuzigung
nicht am Fest stattgefunden
hat, sondern am Vortag des Festes.
Das bedeutet, dass Jesus gestorben
ist zu der Stunde, zu der im Tempel
die Pascha-Lämmer geschlachtet
wurden. Dass die Christen darin
später mehr als einen Zufall
erblickten, dass sie Jesus als das
wahre Lamm erkannten, dass sie
den Ritus der Lämmer gerade so
zu seinem wirklichen Sinn geführt
fanden – das ist dann nur normal.“
(II, 132)

Diese Nähe zu Jesus scheint sich
mir im ganzen Vierten Evangelium
zu bestätigen, nicht nur für seine
„historischen“ Angaben: Bei Markus
beruft Jesus zwei Brüderpaare
als seine ersten Jünger. Petrus und
Andreas stechen gerade mit dem
Boot in den See; Jakobus und Johannes
sitzen mit dem Vater und
Lohnarbeitern im Boot und flicken
ihre Netze. Alle vier folgen Jesus
auf den Fuß und lassen alles stehen
und liegen. Ist das nicht viel
eher ein stilisiertes Diptychon als
bei Johannes, wo die ersten Jünger
zunächst einen Nachmittag mit Jesus
verbringen und ihn dann nach
Galiläa begleiten? Wenn Jesus bei
Johannes mehrmals zu den Wallfahrtsfesten
nach Jerusalem hinaufzieht,
war das für Juden üblich.
Ist das nicht näher an Jesus als die
Synoptiker, nach denen das ganze
öffentliche Wirken Jesu in das eine Todespascha in Jerusalem mündet?
Auch die genauen Angaben bei Johannes
machen die Wundertaten
Jesu plastischer als bei den Synoptikern:
600 Liter Wein bei einer
Hochzeit; ein 38 Jahre lang Gelähmter
geht davon; nach drei Tagen
kommt der riechende Lazarus
in Leinenbinden aus seinem Grab;
im leeren Grab finden Petrus und
Johannes die Leinenbinden und
das Tuch über dem Gesicht; 153
große Fische zieht Petrus aus dem
See an Land. Die Reihe der Beobachtungen
ließe sich noch erweitern:
Das Johannesevangelium ist
dem „wirklichen Jesus“ nicht weniger
nahe als die Synoptiker.

Der wunderbare Tausch

Jesus hat den Menschen Gott gebracht,
und er ist – so der zweite
Band – der neue Tempel. In ihm
wird ein wunderbarer Tausch möglich.
Er ist das Herzstück des zweiten
Jesusbandes: „In seiner Hingabe
am Kreuz legt Jesus gleichsam
alle Schuld der Welt in die Liebe
Gottes hinein und löst sie auf. Hintreten
zum Kreuz, in Gemeinschaft
treten mit Christus bedeutet das
Eintreten in den Raum der Verwandlung
und der Entsühnung“ (II,
55). Im Alten Testament war es die
Deckplatte des Altares, das Hilastêrion,
das durch die Sünde Israels
verschmutzt war. Das Opferblut
reinigte die Deckplatte und machte
möglich, dass sie wieder neu zum
Ort der Kommunikation zwischen
Gott und seinem Volk wurde. Jesus
tritt mit seinem Opfer am Kreuz an
die Stelle des Hilastêrion. Er bringt
das Opfer dar, das die Kommunikation
zwischen Mensch und Gott
reinigt: „Wo die Welt mit all ihrem
Unrecht und ihren Grausamkeiten,
die sie verunreinigen, in Berührung
tritt mit dem unendlich Reinen –
da ist er, der Reine, zugleich der
Stärkere. In dieser Berührung wird
wirklich der Schmutz der Welt aufgesogen,
aufgehoben, umgewandelt
im Schmerz der unendlichen Liebe“
(II, 255f).

Der wunderbare Tausch ist das
zentrale Thema, das Joseph Ratzinger
bei Tod und Auferstehung Jesu
bewegt. Der Tausch folgt den Gesetzen
der Stellvertretung, die der
„tiefste Inhalt von Jesu Sendung“
(II, 195) ist: Der gerechte Jesus tritt
an die Stelle des sündigen Opfers.
Besonders eindrücklich wird das
an der Verleugnung des Petrus im
Matthäusevangelium. In Caesarea
hatte Petrus sich vor allen Jüngern
zu Jesus bekannt: „Du bist
der Messias, der Sohn des lebendigen
Gottes“. Vor dem Hohenrat
fragt der Hohepriester Jesus nach
seiner Person. Seine Frage lässt
das freimütige Bekenntnis des Petrus
anklingen. Der Hohepriester
beschwört Jesus beim lebendigen
Gott: „Bist du der Messias, der Sohn
Gottes selbst?“ Der Papst erklärt:
„Im selben Augenblick, in dem der
Hohepriester das Bekenntnis Petri
als Frage an Jesus richtet, behauptet
derselbe Petrus, nur durch eine Tür von Jesus getrennt, ihn nicht zu
kennen. Während Jesus ‚das schöne
Bekenntnis‘ ablegt, verleugnet
der Vor-Beter dieses Bekenntnisses
das, was er damals vom ‚Vater
aus den Himmeln‘ empfangen hatte;
nun spricht nur noch ‚Fleisch
und Blut‘ aus ihm“ (II, 203). Durch
seine Zustimmung zur Frage des
Hohenpriesters trägt Jesus selbst
das Bekenntnis, wo Petrus nicht
mehr in der Lage ist, es abzulegen.
Christus ergänzt durch sein Opfer,
was uns durch unsere Sünde fehlt.
Nach ihm „schaut alle Geschichte
aus: nach dem, der wirklich für uns
eintreten kann, der wirklich uns in
sich aufzunehmen vermag und uns
so ins Heil bringt“ (II, 196).

Warum ein Buch über Jesus?

Kommen wir noch mal auf die Frage
vom Anfang zurück. Warum hat
Joseph Ratzinger an seinem Jesusbuch
auch als Papst weiter geschrieben?
Sicherlich, durch seine
Stellung als Papst bekommen
manche Passagen ein ganz anderes
politisches Gewicht, etwa dort, wo
es um Judentum und Christentum
geht oder um die universale Bedeutung
des Kreuzestodes. Aber ist das
ein erschöpfender Grund?

Was bedeutet dieses Jesusbuch
von Papst Benedikt? Benedikt XVI.
schreibt als Nachfolger des Petrus,
der sich im Evangelium zu Jesus bekennt.
Er bekennt sich mit seinem
Buch zu Jesus vor uns. Sein Buch
ist aber auch ein Eingeständnis,
dass er wie Petrus andere an seiner
Seite braucht, die dieses Bekenntnis
mittragen. Auch der Nachfolger
des Petrus braucht einen Paulus,
der ihm um der Freiheit Christi
willen ins Angesicht widersteht.
Er braucht den Jünger, den Jesus
liebt, der unter dem Kreuz bleibt,
wenn Petrus über sein Versagen
weint. Er braucht Maria Magdalena,
die die morgendliche Osterbotschaft
bringt. Er braucht einen
Hauptmann Kornelius, der vom
Geist erfüllt wird, wenn Petrus mit
ihm spricht. Er braucht Christen, die sich auf die Suche nach ihrem
Bekenntnis zu Jesus machen. Kirche
lebt von der persönlichen Erfahrung
mit Jesus. Deshalb bittet
der Papst mit seinem Buch darum, dass wir unsere Suche nach Jesus
wieder in ihre Mitte stellen.