Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung
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Personale Entwicklung zwischen Liebe und Gerechtigkeit

Die Soziallehre Papst Benedikts XVI.

Benedikt XVI. ist ohne Zweifel ein großer Theologe auf dem Stuhl
Petri. Wo aber ist er im Rahmen der Katholischen Soziallehre zu
verorten? Welche Grundsätze liegen seiner Sozialphilosophie zugrunde?
Gesellschaft, Ökonomie und Globalisierung sind am Personalitätsprinzip
zu messen, so seine Antworten.

Weltauftrag der Kirche

Papst Benedikt XVI. ist das Oberhaupt
einer Weltkirche, die über
1,3 Milliarden Menschen umfasst.
Diese sind als Kirchenglieder ihrerseits
eingebunden in partikulären
Gesellschaften und bilden gemeinsam
mit allen eine sich ausweitende
globale Gemeinschaft. Hieraus
erwächst Verantwortung in vielfältigen
Bezügen. Die wechselseitige
Interdependenz wurde auf dem II.
Vatikanum auf den Punkt gebracht:
„Freude und Hoffnung, Trauer und
Angst der Menschen von heute, besonders
der Armen und Bedrängten
aller Art, sind auch Freude und Hoffnung,
Trauer und Angst der Jünger
Christi“ (GS 1). Zugleich bleibt die
johanneische Unterscheidung des
genuin christlichen Auftrages bestehen,
nicht „von der Welt, aber in
der Welt“ wirksam und heilsam zu
werden (vgl. Joh 17,14-18).

Caritas in veritate (CiV)

Benedikt XVI. erörtert diese Fragen
sehr eindrücklich in seiner dritten
Enzyklika Caritas in veritate (2009),
anhand derer seine Sozialverkündigung
erschlossen werden soll. Der
Schlüsselbegriff „Liebe“ nimmt
Bezug auf das erste Lehrschreiben
des Papstes (Deus caritas est,
2005), in welchem er, ausgehend
von der Einheit der Liebe in Schöpfung
und Heilsgeschichte, bereits
sein Verständnis von Liebe und
Gerechtigkeit anklingen lässt (Nr.
26–29). Auch in CiV bindet Benedikt
die Sozialverkündigung an die
Offenbarungswahrheit, etwa wenn
er den Kampf gegen menschliches
Elend in den Kontext des christlichen
Heilsgeschehens stellt. Dieser
Ansatz, der durch Papst Johannes
Paul II. zuerst aufgegriffen wurde,
soll unterstreichen, dass die Soziallehre
genau dann in der Gefahr
schwebt, eine Ideologie zu werden,
wenn sie sich von der genuin
christlichen Erfahrung entfernt.
Das Lehrschreiben wendet sich in
der Tradition der Soziallehre nicht
nur an die Gläubigen der Kirche,
sondern „an alle Menschen guten
Willens“, um so den notwendigen
Dialog auf einer gesamtgesellschaftlichen
Basis zu ermöglichen
und die genuin katholische Stimme
auf einer breiten Plattform hörund
verstehbar zu machen. CiV erschien
im Juni 2009 mitten in der
globalen Finanz- und Wirtschaftskrise.
Das Erscheinen wurde mehrfach
verschoben, um aktuellen Entwicklungen
Rechnung tragen zu
können. Von daher wurde CiV als
hochaktuell wahrgenommen. Vor
dem Hintergrund der Globalisierungsproblematik
durfte man auf
die Gedanken Benedikts XVI. gespannt
sein.

» Für den Papst sind die Ursachen
der weltweiten Krise nicht rein ökonomischer
Natur. «

Marco Bonacker
Globalisierung ist moralisch zunächst

Trotz der damals akuten Krise, deren
Auswirkungen noch heute spürbar
sind, verfällt Benedikt XVI.
nicht in eine moralisierende Position,
die in der fortschreitenden
Verflechtung der Welt lediglich negative
Folgen erkennt. Er stellt mit
Hinweis auf eine Aussage von Johannes
Paul II. fest, dass die Globalisierung
moralisch neutral, also
für sich betrachtet nicht gut oder
schlecht sei. Vielmehr betont der
Papst die menschliche Verantwortung, die Entwicklung der Menschheitsfamilie
selbst zu gestalten,
sie zum Guten zu führen und sich
nicht von scheinbaren Notwendigkeiten
leiten zu lassen: „Wir dürfen
nicht Opfer sein, sondern müssen
Gestalter werden, indem wir mit
Vernunft vorgehen und uns von der
Liebe und von der Wahrheit leiten
lassen“(CiV 42). Die Globalisierung
ist in erster Linie eine Aufgabe, die
sich dem Menschen als sozialem
Wesen stellt. Indem die zunehmende
Verflechtung der Menschheitsfamilie
anerkannt wird, ist die Forderung
nach einer positiven und allen
gerecht werdenden Gestaltung der
Gesellschaft nur folgerichtig. Hierin
kann man mit Recht einen „neuen
Traditionsstrang“ erkennen, welcher
die Entwicklung der Person
als die ganze Welt betreffende Herausforderung
begreift: „Der Papst
erachtet damit die weltweite Entwicklungs-
und Globalisierungsfrage
als ebenso entscheidend wie
die Arbeiterfrage 1891.“ Benedikt
führt Gedanken der Entwicklungsenzyklika
Populorum progressio
(1967) weiter, welche die soziale
Frage als Phänomen der globalen
Entwicklung erstmals benannte.

Personalität statt Systemzwang

Tatsächlich spiegelt sich in dieser
Deutung der aktuellen Problemstellung
der Grundgedanke der Enzyklika
brennglasartig wider, deren Titel
sich dem Epheserbrief entlehnt:
Der Mensch ist in Freiheit und Verantwortung
dazu berufen, sich von
der Liebe und der Wahrheit leiten
zu lassen, um die wahre und humane
Entwicklung jedes einzelnen
Menschen als Person zu gewährleisten.
Hier wird deutlich, dass die
Ausführungen der Enzyklika zwar
immer einen aktuellen Bezug haben,
jedoch über die Kategorien der
Gegenwart hinaus auf das prinzipielle
menschliche Handeln und Sein
in der Welt ausgerichtet sind. Der
Papst will mithin einen bleibenden
ethischen Anspruch formulieren.
Von seinem Standpunkt aus sind
die Ursachen der weltweiten Krise
nicht rein ökonomischer Natur, so
als hinge das Glück der Erde in erster
Linie von guten Börsenwerten
ab. Der Pontifex fragt weniger nach
den äußeren Ursachen und Folgen
der Systemkrisen als vielmehr nach
dem letzten und entscheidenden
Sinn von Systemen, wie sie uns exemplarisch
in der global verflochtenen
Finanzwirtschaft begegnen.
Seine Antwort ist deutlich und
macht klar, dass jedwedes weltliche
System keinen Selbstzweck
darstellt. Politische oder wirtschaftliche
Systeme dienen letztlich
dem Zweck, den Menschen zu
seinem eigentlichen Sein, zu seiner
ganzen Erfüllung hin zu befähigen,
nämlich zur Erfahrung der unendlichen
Liebe Gottes, die anfanghaft
in der endlichen Welt gemacht werden
kann und den Menschen auf
die ewige beseligende Schau vorbereitet.

Person als Grenze und Maßstab

Papst Benedikt XVI. bleibt auch in
seiner Sozialverkündigung augustinisch
geprägt. Perspektive und
Zielpunkt seiner grundlegenden
Betrachtung ist der Mensch als Person,
dem es ermöglicht werden soll,
sich auch in der globalen Gesellschaft
zu entfalten. Diese ganzheitliche
Entwicklung des Menschen
macht ihn selbst zur Grenze und
zum Maßstab des Marktes und des
technischen Fortschritts: „Allen […]
möchte ich in Erinnerung rufen,
‚dass das erste zu schützende und
zu nutzende Kapital der Mensch
ist, die Person in ihrer Ganzheit –
ist doch der Mensch Urheber, Mittelpunkt
und Ziel aller Wirtschaft‘“
(CiV 25; vgl. GS 63). Von dieser Position
aus entwickelt Benedikt seinen
Gedanken von der Liebe als
Grundlage der Gesellschaft und
verweist auf die Notwendigkeit der
Verbindung von Liebe und Wahrheit
(CiV 2). Zugleich betont er den
grundsätzlichen Zusammenhang
von Liebe und Gerechtigkeit. Im
Wesentlichen darf man von einem
guten und funktionierenden politischen
oder wirtschaftlichen System
Gerechtigkeit erwarten. Dieser
moralische Grundwasserspiegel
kann durch gerechte Gesetze geregelt
und festgeschrieben werden:
Jeder muss das bekommen,
was ihm zusteht. Dabei wird ein
Mindestanspruch formuliert, der
sich nicht nur am Nötigen, sondern
auch am ökonomisch Möglichen
orientiert. Doch bedarf der
Mensch nicht viel mehr als einer
kalten, staatlich verordneten Gerechtigkeit?
Das Eigentliche kann
kein Staat der Welt dem Menschen
geben: Die Erfahrung personaler
Liebe. Diese kann nicht verordnet,
eingeklagt oder einfach hergestellt
werden. Vielmehr ist der Mensch
in diesem Sinne ein Empfangender.
Diese Perspektive schließt bei der
ganzheitlichen Entwicklung des
Menschen die Gerechtigkeit und
das Gemeinwohl keineswegs aus.
Denn die Liebe vollendet die Gerechtigkeit,
ebenso wie sie sie voraussetzt.
Und wahre Gerechtigkeit
und umfassende Liebe zielen ihrerseits
auf das Gemeinwohl.

» Die Enzyklika appelliert nicht zuerst
an Systeme, sondern an Systemträger. «

Marco Bonacker
Liebe und Personalität als Grundlage

Dadurch, dass der Papst auf die
Bedeutung und Möglichkeit einer
„institutionellen Nächstenliebe“
verweist, die auf Liebe und Gerechtigkeit
schaffende Strukturen
hinzielt, erhält der Liebesbegriff
eine sozialethische Dimension. In
der Verankerung des Liebesbegriffs
als eines Grundbegriffs der Sozialethik
spiegelt sich die christliche
Bevorzugung des Speziellen, hier:
des konkreten Menschen, vor einer
abstrakten, allgemeinen Idee.
Schließlich ist Gott in Jesus Christus
Mensch geworden und keine abstrakte Idee. Daher appelliert
die Enzyklika auch nicht zuerst an
Systeme, sondern an Systemträger,
also an die Person von Managern,
Unternehmern und politisch Verantwortlichen.
Dabei geht es stets
um die Bewusstwerdung der eigenen
Verantwortung für sich und
andere, um dadurch die ganzheitliche
Entwicklung des Menschen
zum Ziel zu führen (CiV 36).

Markt verantwortlich gestalten

Diese Entwicklung findet auf verschiedenen
Ebenen statt. Durch die
Wirtschafts- und Finanzkrise ist
der Markt besonders in den Fokus
geraten. Ist dieser Markt im Sinne
Benedikts XVI. überhaupt fähig
zu gesunden? Tatsächlich sieht der
Papst im Markt etwas grundsätzlich
Positives. Er ermöglicht die Begegnung
von Menschen, die sich in gegenseitigem
Vertrauen und auf der
Basis der Gerechtigkeit gegenübertreten
und Güter und Dienstleistungen
austauschen (CiV 35). Einer
der Kerngedanken in dieser Schilderung
des Marktes ist ein „softes“
Thema: das Vertrauen zwischen den
Marktteilnehmern. Die Finanzkrise
hat besonders im Hinblick auf das
Gewähren von Krediten von Bank zu
Bank in aller Deutlichkeit gezeigt,
wie fundamental das Thema „Vertrauen“
diskutiert werden muss.
Der Markt ist der moralischen Frage
nach dem guten Handeln nicht entzogen:
„Der Bereich der Wirtschaft
ist weder moralisch neutral noch
von seinem Wesen her unmenschlich
und antisozial. Er gehört zum
Tun des Menschen und muss, gerade
weil er menschlich ist, nach moralischen
Gesichtspunkten strukturiert
werden“ (CiV 36). Benedikt XVI. anerkennt
also den positiven Wert des
Marktes, ohne ihn jedoch als absolute
Größe zu verstehen. Der Markt
ist so gut, wie ihn der Mensch, der
unter einem steten ethischen Anspruch
steht, gestaltet.

Wert der Zivilgesellschaft

Relativ neu in der kirchlichen Sozialverkündigung
ist die durch Benedikt
von seinem Vorgänger übernommene
Wertschätzung einer
funktionierenden Zivilgesellschaft,
die Solidarität und Gemeinwohl
nicht nur aus ökonomischen Erwägungen
anstrebt, sondern aus sich
heraus schafft. In ihr sieht Benedikt
die Möglichkeit einer „Zivilisierung
der Wirtschaft“, die den Menschen
als Person im Blick hat und so zu
seiner positiven Entwicklung beiträgt
(CiV 38).

Verantwortung für einen nachhaltigen Umgang mit der Natur

Auch der Beziehung des Menschen
zu seiner Umwelt widmet sich die
Enzyklika (CiV 48). Benedikt betont,
dass uns die Natur nur treuhänderisch
anvertraut ist. Dies impliziert
Verantwortung, die sich nicht nur
auf das Heute, sondern ebenso auf
die Lebenswirklichkeit kommender
Generationen bezieht. Diese Generationengerechtigkeit
gründet im
Wissen um die Natur als Schöpfung
Gottes, die dem Menschen voraus
geht. Im Kontext fordert der
Papst intensivierte Anstrengungen,
um alternative Energiekonzepte zu
entwickeln, die der Schöpfungsverantwortung
gerecht werden.

Insgesamt ergibt sich für die Soziallehre
Benedikts XVI. ein umfangreiches
Themenspektrum, das in
seinen Konkretisierungen den Primat
der Politik respektiert. Demzufolge
versteht sie sich als kritischer
Begleiter einer globalen Entwicklung,
deren eigentliches Ziel stets
im Blick bleibt: Die ganzheitliche
Entwicklung des Menschen unter
dem Aspekt von Liebe und Gerechtigkeit.
Sie unterstützt seine individuelle
Lebensgestaltung, ebenso
wie sie systemethisch Weichen
für Gegenwart und Zukunft stellt.
Diese Entwicklung einer jeden Person
ist tief in der Gottesbeziehung
verwurzelt: „Ohne Gott weiß der
Mensch nicht, wohin er gehen soll, und vermag nicht einmal zu begreifen,
wer er ist“ (CiV 78). Nicht umsonst
schließt die Enzyklika auch
mit der Bitte um das Gebet und
eine enge Gemeinschaft mit Christus,
denn getrennt von ihm kann
der Mensch nichts vollbringen (Joh
15,5).