Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung
Dorothy Day with Homeless Christ © Kelly Latimore Icons

Christlich durch die Decke gehen

Es geschieht beinahe wie von selbst, wenn wir einander helfen und Gutes tun. Dazu muss man kein Christ sein. Was aber macht den christlichen Unterschied in der Liebe für den Nächsten aus?

Seitdem ich wieder in der Großstadt lebe, gehört
es zu meiner täglichen (und nächtlichen!) Geräuschkulisse:
das Martinshorn. Neulich las
ich, dass es ein »Landhorn« und ein »Stadthorn« gibt.
Aber für mich klingt es immer gleich. Und erst beim
Hinsehen erkenne ich, ob es die Polizei, die Feuerwehr
oder ein Rettungswagen, ob es das Rote Kreuz, der Arbeitersamariterbund
oder der Malteser Hilfsdienst ist.

Ich gehöre zu den Maltesern. Unser Blaulicht ist
nicht blauer als bei anderen Krankenwagen. Auch
das Tatütata des Martinshorns wird in keiner anderen
Tonlage gespielt. Die Mitarbeitenden haben die
gleiche fachliche Qualifikation und sind genau so
freundlich und hilfsbereit, wie wir das bei anderen
Hilfsorganisationen erwarten würden. Aber wir sind
als kirchliche Organisation im Einsatz. Macht das einen
Unterschied? Anders gefragt: Sollten Menschen
von Diensten und Einrichtungen der Kirche etwas erwarten
können, womit bei anderen Trägern nicht zu
rechnen ist? Und wenn ja, was wäre das? Diese Frage
beschäftigt mich schon lange. Wir Malteser fragen
uns häufig, worin denn der christliche Unterschied
in der Nächstenliebe eigentlich besteht. In diesen
Gesprächen wird manchmal gesagt: »Wir Malteser
machen die Liebe Gottes erfahrbar.« Das stimmt. Aber
das stimmt auch bei allen anderen sozialen Einrichtungen.
Denn jeder, der Gutes tut, macht die Güte
Gottes erfahrbar. Unabhängig von seiner Motivation,
seinem Bekenntnis oder seinen Vorbildern. Wenn Gott
nämlich »das Gute« oder besser »der Gute« schlechthin
ist, dann kann kein Mensch einem anderen Menschen
gut sein ohne Gott. Wo immer ein Mensch einem
anderen gut ist, da ist Gott diesem Menschen gut.
Denn in der Liebe eines jeden Menschen wird die Liebe
Gottes erfahrbar.

Das »Erfahrbar-Machen« der Liebe Gottes sagt also
noch nichts über den christlichen Unterschied aus.
Aber worin besteht der Unterschied dann? Von einem
Sanitätseinsatz wird auch im Markusevangelium im
Neuen Testament der Bibel erzählt (Mk 2,1-12). Ohne
Blaulicht und Tatütata. Vier Männer beeilen sich,
auf einer Trage ihren gelähmten Freund in den Ort
Kafarnaum zu bringen. Sie hatten von Jesus gehört, der dort ist und von dem sie nun Hilfe erwarten. Es
herrscht großes Gedränge. Eine Rettungsgasse ist
nicht in Sicht. Doch die Not macht die Vier erfinderisch.
»Weil sie ihn wegen der vielen Leute nicht bis
zu Jesus bringen konnten, deckten sie dort, wo Jesus
war, das Dach ab, schlugen die Decke durch und ließen
den Gelähmten auf seiner Liege durch die Öffnung hinab.
Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten:
Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!«
(Mk 2,4-5). Die vier Freunde tun das ihnen Mögliche.
Vielleicht haben sie vorher schon für den Kranken gesorgt.
Sicher ist, dass andere ihnen von Jesus erzählt
haben. Von seinem Auftreten, seinen Reden und den
Heilungen. Sicher ist auch, dass sie denen, die ihnen
davon erzählten, geglaubt haben, dass der Mann, der
in Kafarnaum predigte, ihrem Freund würde helfen
können – über ihre eigenen Möglichkeiten hinaus. Ich
stelle mir vor, wie die vier Freunde mit geradezu krimineller
Energie auf das Dach steigen, die Schindeln
abdecken und die Decke durchstoßen. Sie wollen dem,
was sie gehört und woran sie geglaubt haben, auf den
Grund gehen. Darum geht es auch heute noch: dass
Christen durch die Decke gehen. Doch zur Abwechslung
mal nicht nach oben durch die Zimmerdecke vor
Ärger über Missstände in der Kirche. Sondern diesmal
nach unten, durch die Decke, unter der die Begegnung
mit dem Gott verborgen ist, der ein Mensch wurde. Es
geht darum, dem Glauben an Jesus Christus auf den
Grund zu gehen. Bis dorthin, wo die Begegnung zwischen
Gott und dem versehrten, geschundenen oder
schuldig gewordenen Menschen sich konkret ereignet.

Dem Glauben auf den Grund gehen

»Jeder, der Gutes tut, macht die
Güte Gottes erfahrbar«

FRA’ GEORG LENGERKE

Was geschieht nun da unten im Erdgeschoss dieses
Hauses? Jesus sieht den Glauben der vier Freunde.
Und er sieht die Not des Menschen, den sie brachten.
Die geht noch tiefer als die Lähmung des Leibes. Jesus
sagt zu ihm: »Deine Sünden sind dir vergeben.«
Das heißt: Er sieht auch seine Schuld und was ihn
sonst noch lähmt. Die Lähmung dieses Mannes ist
keine Folge der Schuld. Aber auch jede Schuld lähmt.
Jesus tut, was nur Gott tun kann. Er nimmt dem Gelähmten
die lähmende Schuld. Und er gibt
ihm die Beweglichkeit des Leibes zurück.
»Der Gelähmte stand sofort auf, nahm seine
Liege und ging vor aller Augen weg. Da gerieten
alle in Staunen; sie priesen Gott und
sagten: So etwas haben wir noch nie gesehen
« (Mk 2,12).

Jesus ist mehr als ein Vorbild

Dieser biblische Sanitätseinsatz sagt uns
etwas über den christlichen Unterschied.
Denn im Evangelium geht es zuerst darum,
dass Menschen einander zu Jesus bringen,
damit der tut, was sie aus sich selbst nicht
können. Wo es aber in den Hilfsorganisationen
der Kirche heute um Jesus geht, geht
es häufig eher bloß darum, dass Menschen
so handeln sollen, wie Jesus gehandelt hat.

Aber geht das eigentlich? Mich hat das
immer ein wenig frustriert, wenn man mir
als Kind oder Jugendlichem Jesus als Vorbild
präsentierte. Es überfordert mich. Ich
kann Menschen nicht ihre Schuld nehmen.
Ich kann Blinde nicht sehend und Lahme
nicht gehend machen. Ich kann nicht Hunderte
mit einem Einfamilienpicknick satt
machen und nicht Wasser in Wein verwandeln.
Ich kann keinen Menschen aus dem
Grab ins Leben rufen. Und ich sollte besser
gar nicht erst versuchen, so zu reden, dass
es den Menschen vorkommt, als stünde Gott
als Mensch vor ihnen. Nun könnte man all
das als Mythos und Metapher abtun. Doch
was dann von Jesus als Vorbild noch übrigbleibt,
ist nur noch ein freundlicher, weiser
und etwas provokanter junger Mann, der vor
viel zu langer Zeit gelebt hat, um heute noch
als Vorbild zu überzeugen. Heutige eignen
sich da besser. Das Evangelium handelt am
Anfang nicht davon, dass wir etwas wie Jesus
tun sollen. Es erzählt zuerst, dass Jesus
etwas für uns Menschen tut: Er spricht und
berührt, er lehrt und heilt, er ermahnt und
vergibt. Er nimmt Anteil am Leben der Menschen
und gibt Anteil an seinem Leben mit Gott dem Vater. Dieser Mensch nimmt uns,
was wir einander nicht nehmen, und gibt
uns, was wir einander nicht geben können.
Und er hat versprochen, das über seinen Tod
hinaus für alle Zeiten zu tun. Für die, die an
ihn glauben, ist Jesus nicht nur ein Vorbild.
Für sie ist er der »Christus«, der ganz mit
Gott verbundene »Gesalbte«. Sie nennen ihn
»Herr« und »Heiland«, »Freund« und »Versöhner
«, »Retter« und »Richter«. Einer also,
der den Menschen nicht nur etwas vormacht,
damit sie es nachmachen. Sondern einer, der
mit uns Menschen etwas anzufangen weiß.
Und zwar bis heute. Diese veränderte Sicht
auf Jesus Christus hat Folgen für unseren
Blick auf unseren Nächsten. Denn für ihn ist
Gott in Jesus Mensch geworden. Seiner hat
Gott sich in Jesus schon angenommen.

Die Königswürde des Menschen

Ich habe oft erlebt, wie Malteser sehr konkret
an der Begegnung zwischen Christus
und dem Menschen in Not teilnehmen durften.
Zum Beispiel in vielen Wallfahrtsorten
der Welt, wie in Lourdes. Auch das Libanonprojekt
der Gemeinschaft junger Malteser
gehört zu diesen Orten. Fast das ganze Jahr
über fahren junge Menschen für mehrere
Wochen oder Monate in den Libanon, um
dort in den Bergen mit geistig und körperlich
schwerstbehinderten Menschen aus libanesischen
Heimen eine Zeit der Freundschaft
und des Daseins füreinander zu verbringen.
Zu denen gehört die Theologiestudentin Lena
Beuth, die nachfolgend auch selbst zur Wort
kommt. Sie hat über ihre Zeit im Libanon ein
Lied geschrieben. Es trägt den Titel: »The
Truth« – Die Wahrheit. Fast ist es ein Liebeslied. Es spricht zu einem Freund, für den die Sängerin
sorgen darf; zu einem, dessen scheinbar unansehnliches
Gesicht ein Licht ausstrahlt, das Eis schmelzen
lässt, wie sie es beschreibt. Das Lied handelt von einem
Freund, dessen Königswürde Lena Beuth vor der Welt
sichtbar machen will und der sie daran erinnert, dass
diese Königswürde uns Menschen gemeinsam ist.

Mein Freund bist Du
Unsere Seelen singen dasselbe Lied
Wie könnte ich Dein Königtum
Nicht zum Vorschein kommen lassen
Damit die Welt die Wahrheit sieht
Wie Du gedacht bist

Wie kommt nun eine junge Frau dazu, von der Königswürde
eines geistig und körperlich schwer behinderten
Menschen zu singen? In der Bibel ist der ideale
König einer, der ganz frei ist, weil er nur Gott über
sich hat, und der ganz mit Gott für die Seinen sorgt.
In Jesus erkannten die ersten Christen einen solchen
König. Und der war in die Welt gekommen, um den
Menschen Anteil an seinem Königtum und so ihre eigene
Königswürde wiederzugeben. Auch dieser König,
Jesus, geht durch die Decke. Er bricht durch die
Decke nach unten in die Niederungen des Mensch-
Seins ein: in das verborgene Leid und die verleugnete
Schuld der Welt und all ihre Folgen. Dieser König
macht sich die Abgründe menschlichen Leids zu
eigen. Er lässt sich als Geschändeter und zu Tode
Gefolterter am Kreuz unter die Verfluchten der Geschichte
rechnen. Und dort offenbart dieser König
durch seine durchgehaltene Liebe jenen Gott, von
dem alle Würde kommt. In seiner Menschwerdung,
sagt das Zweite Vatikanische Konzil, hat sich Jesus
Christus, der Sohn Gottes, »gewissermaßen mit allen
Menschen vereinigt« (GS 22,2). Auch und gerade mit
den Verstoßenen und Elenden, den Armen und Kranken
und selbst mit den schwer schuldig Gewordenen
der Welt, mit denen wir eigentlich lieber nichts zu
tun haben wollen. Damit ist mein Nächster nicht
mehr nur »ein Mensch in meiner Nähe«. Er ist die
Schwester oder der Bruder, für den Jesus gestorben
ist, damit ich seine Königswürde erkenne und zum
Vorschein bringe.

»Es geht darum, dem
Glauben an Jesus Christus
auf den Grund zu gehen«

FRA’ GEORG LENGERKE
Du hast einen Samariter

Wenn mein Nächster der von Gott gewürdigte
und mit Christus verbundene Mensch
ist, dann hat das auch Folgen für mein
Selbstverständnis als Christ, der für andere
Menschen da sein will. Wenn Jesus nicht nur
Vormacher ist, dann sind wir Christen auch
nicht nur Nachmacher. Zu einer gängigen
Nachmacher-Geschichte ist das berühmte
Gleichnis vom barmherzigen Samariter geworden.
Als Jesus einmal über die Gottesliebe
und die Nächstenliebe spricht, fragt
ihn ein Schriftgelehrter: »Wer ist denn mein
Nächster?« Darauf erzählt Jesus das Gleichnis
vom barmherzigen Samariter (Lk 10,30-
37). Der nimmt sich eines Menschen an, der
von Räubern überfallen und verletzt wurde,
verbindet seine Wunden und bringt ihn in Sicherheit.
Am Ende der Erzählung fragt Jesus
den Schriftgelehrten zurück: »Wer hat sich
als der Nächste dessen erwiesen, der unter
die Räuber gefallen ist?« Und der Gefragte
antwortet zutreffend: »Der, der barmherzig
an ihm gehandelt hat.« Kaum einer bemerkt
die Veränderung in der Frage: Der Schriftgelehrte
fragt zuerst noch, wer sein eigener
Nächster sei. Doch die Antwort ist: Der
Nächste des unter die Räuber Gefallenen ist
der Samariter, also der, der barmherzig an
ihm gehandelt hat. Jesus sagt nicht zuerst:
Sei du wie der Samariter! Sondern: Du hast
einen Samariter! Erst dann wird ihm gesagt:
»Dann geh und handle du genauso!« Wir
Menschen, so sagt uns das Gleichnis, ähneln
zuerst nicht dem Samariter, sondern dem
unter die Räuber Gefallenen.

In alten Buchmalereien beugt sich Christus
als der Samariter über den Verletzten.
Und der heilige Andreas von Kreta schreibt
Anfang des 8. Jahrhunderts: »So wie jener,
der auf dem Weg nach Jericho unter die
Räuber fiel, bin ich unter die Schläge meiner
Gedanken gefallen. Durch sie wurde ich
misshandelt. Voller Wunden bin ich. Du aber,
Christus, mein Erlöser, komm und rette mich.
(…) Bleibe Du stehen und hab Erbarmen mit
mir.« (Andreas von Kreta, Großer Bußkanon,
Troparien 14 und 15 zu Lk 10,29–37).

Weil Christus an unserer Not nicht vorübergeht,
sondern für uns zum barmherzigen Samariter geworden ist, können wir barmherzige Samariter
für andere sein. Der christliche Unterschied
in der Liebe besteht nicht etwa darin, dass die Christen
die besseren Retter oder Helfer, Pfleger oder Eltern
oder Liebhaber wären. Der Unterschied soll vielmehr
darin bestehen, dass sie erkennen, glauben und
annehmen, dass sie von Gott geliebt sind. Was sie
dann schenken, ist Liebe von Geliebten, Hilfe von Geholfenen,
Rettung von Geretteten. So verstanden sind
christliche Retter dann immer Rettungsassistenten
des Weltenretters und christliche Hilfe kommt von
Helfershelfern des Weltenhelfers. Genau genommen
ist sie niemals »Erste Hilfe«, weil Gott sich des Menschen
schon vor uns angenommen hat. Und sie ist
niemals »Letzte Hilfe«, weil Gott in Christus noch die
Wege mit uns Menschen geht, die wir miteinander
nicht gehen können.

»Der christliche Unterschied zeigt
sich dort, wo Menschen glauben
können, dass Gott schon vor Blaulicht
und Tatütata bei ihnen war«

FRA’ GEORG LENGERKE

Diese über unsere hinausgehende Liebe und Hilfe
Gottes lässt sich nicht allein durch Taten bezeugen.
Von ihr muss auch geredet werden. Mir ist immer
schleierhaft, wie man dem hl. Franziskus bloß das
Wort unterschieben konnte, man solle den Glauben
durch Taten und »nur notfalls durch Worte« verkünden.
Beim Heiligen aus Assisi findet sich dieses Zitat
jedenfalls nicht. Und es stimmt ja nicht. Natürlich
sind leere, folgenlose fromme Worte Gift für die Seelen
der Menschen und die Sendung der Kirche. Aber
keine Worte von Gott sind das Ende des Glaubens.
Wer nichts sagt, dem kann man nichts glauben. Und
ein Gott, von dem nicht gesprochen wird, der spricht
selbst nicht mehr. Wo Menschen nur noch »Liebe machen
« und nicht mehr von der Liebe sprechen und singen,
so dass man ihr glauben und sich ihr anvertrauen
kann, dort verkommt sie zur erotischen Turnübung
oder zum moralischen Dienst nach Vorschrift. Kein
Liebeslied wird »nur notfalls« gesungen. Es will gesungen
werden, weil es um mehr als alles, weil es um
das Leben geht, das der Tod nicht töten kann.

Der christliche Unterschied zeigt sich dort, wo
Menschen die Liebe Gottes erahnen. Die wird in der
Nächstenliebe eines jeden Menschen erfahrbar. Denn Gott will die Menschen in der Tat nicht ohne uns lieben,
wohl aber über uns hinaus. Und dieses Plus der
Liebe Gottes will erzählt und weitergesagt, besungen
und gefeiert werden – wie Geliebte das halt tun. Der
christliche Unterschied zeigt sich dort, wo Menschen
glauben können, dass Gott schon vor Blaulicht und
Tatütata bei ihnen war und noch dann mit ihnen geht,
wenn alle menschliche Hilfe versagt und zurückbleiben
muss.

Ich habe eine Tante. Sie erzählte mir einmal, bei jeder
Beerdigung müsse sie an die Geschichte der Heilung
des Gelähmten denken. Immer wenn die Herren
vom Beerdigungsinstitut den Sarg an dicken Seilen in
die Grube lassen, käme sie sich vor, als stünde sie mit
den vier Freunden oben auf dem Dach. Seitdem denke
ich bei jeder Beerdigung an das Loch in der Decke und
daran, dass der christliche Unterschied darin besteht,
dass wir einander helfen sollen, zu Jesus zu kommen.