Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Andreas Bieringer: Gottesdienst in der Literatur

Das spannungsreiche Dialogfeld von Theologie und Literatur wurde in den letzten Jahrzehnten wissenschaftlich intensiv ausgeleuchtet. Eine Dimension blieb dabei jedoch bislang fast durchgängig außen vor: die Frage, wie sich die liturgische Praxis der (katholischen) Kirche literarisch in der Gegenwartsliteratur niederschlägt.

Die vorliegende Habilitationsschrift des in St. Georgen lehrenden Liturgiewissenschaftlers Andreas Bieringer schließt diese Lücke in beeindruckender Form. Nicht nur, dass sie zentrale Werke im Blick auf „Gottesdienst in der Literatur“ (so der Titel der Untersuchung) sichtet und deutet, sie konzipiert darauf aufbauend zudem den „Entwurf einer kultursensiblen Liturgiewissenschaft“ (so der Untertitel). In diesem Spektrum soll sie „einen Beitrag zur theologischen bzw. literaturwissenschaftlichen Lesbarkeit von Literatur leisten“. (16)

Worin liegt das Spezifische dieser bestens recherchierten und wissenschaftlich vernetzten Untersuchung? In der „Erschließung zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur als Ort liturgiewissenschaftlicher Erkenntnis“ (37). Aufbauend auf den hermeneutischen theologisch-literarischen Studien der letzten Zeit wird Literatur hier also nicht nur als Zitierkasten funktionalisiert oder als Bestätigungsfundus eingesetzt, sondern zum echten locus theologicus: Das ‚Quellenspektrum‘ der Liturgiewissenschaft wird „auf die Literatur ausgeweitet“ (37). Der Zugang bestimmt sich mehrdimensional, geht Bieringer doch „anthropologisch, hermeneutisch und rezeptionsästhetisch“ (38) vor.

Autorinnen und Autoren und ihre Werke werden auf Augenhöhe zu Gesprächspartnern, indem ihr Werk ausführlich und intensiv im Blick auf die der Arbeit zugrundeliegende Fragestellung analysiert wird. Sechs Einzelanalysen perspektivieren den Zugang: werkgeschichtlich naheliegende Blicke auf Peter Handke, Christoph Ransmayr, Arnold Stadler und Hanns-Josef Ortheil werden durch Analysen von Petra Morsbachs Priesterroman „Gottesdiener“ und ausgewählte Werke des evangelischen Dichterpfarrers Christian Lehnert erweitert. Jede Auswahl begrenzt (vgl. 43). Aber hier hätte man sich schon deutlichere Kriterien gewünscht: So eigenständig Morsbachs Einzelroman ist, so schon formal erweiternd der Blick auf Lehnert: Genauere Analysen der umfangreichen und zum Thema überaus ergiebigen Werke etwa von Ralf Rothmann, Ulla Hahn, Thomas Hürlimann oder Christoph Peters hätten mehr ergeben als bloße Auffüllung. All das zu leisten, wäre freilich zu viel. Aber eine innere und stringente Begründung der getroffenen Auswahl, vor allem der getroffenen Nicht-Auswahl, könnte vor dem Vorwurf der beliebigen Auswahl schützen. Das begrenzt den Ertrag: Jede Quintessenz kann sich nur auf die zugrunde gelegten Werke stützen.

Wichtiger: Die vorliegenden Analysen sind dicht und stimmig erarbeitet, vermeiden alle möglichen Formen von theologischer Übergriffigkeit und sind spannende Einzelstudien, die dennoch stets eng auf den gemeinsamen Fokus der Untersuchung bezogen bleiben. Die meisten der präsentierten Verfasser und Werke wurden bereits intensiv theologisch-literarisch beleuchtet. Bieringer greift diese Deutespuren auf, erweitert und bündelt sie unter der thematischen Perspektive seiner Fragestellung. Am kreativsten scheint mir die Integration von Christoph Ransmayrs Werk zu sein, dessen Bedeutung bislang tatsächlich kaum literarisch-theologisch rezipiert wurde. Der Österreicher Bieringer mahnt im Blick auf den Österreicher Ransmayr: „In der „Theologie findet“ Ransmayrs „Werk trotz der Omnipräsenz religiös-spiritueller Motive so gut wie keinen Widerhall“ (129). Auch wenn er hier die Dissertation von Brigitte Schwens-Harrant „Erlebte Welt – erschriebene Welt“ über „Theologie im Gespräch mit österreichischer erzählender Literatur der Gegenwart (1997) übersieht: Die Integration von Ransmayr in den aktuellen Diskurs ist ein wichtiger Beitrag dieser Studie.

Grundlegend: Bieringer begnügt sich nicht mit diesen kenntnisreichen und sensiblen theologischen Literatursichtungen. Auch bleibt er nicht bei der schon vorab in Aussicht gestellten Bündelung stehen, dass der literarische „Zugriff auf den katholischen Gottesdienst“ in den Porträts „unterschiedlich“ und „eigenständig“ (42) erfolgt. Er entwirft vielmehr ein vielschichtiges Panorama über die „Vermittlung zwischen Literatur und Liturgie“ (231-305), in dem die literarischen Positionen fruchtbar und kreativ mit theologischen Stimmen verbunden werden. Die Stichworte „Raum“, „Stille – Klang – Gesang“, „Erfahrung“ und „Körper“ markieren die Matrix dieser Ausführungen. Am Ende steht ein Ausblick auf „Wandlung und Polarität als Grundprinzipien von Liturgie Leben und Literatur“ (307-326).

Eine kleine Verwunderung bleibt. Wenn es um den im Titel ja explizit benannten „Gottesdienst“ geht, wo bleibt der (wenigstens Seiten-)Blick auf Predigt? Das Feld „Predigt und Literatur“ ist intensiv erforscht. Es fällt hier komplett heraus. Wird damit die alte Wertung bestätigt, der ‚Wortgottesdienst‘ mit Lesungen und Predigt sei ja doch nur ein „Vorspiel“ des „Eigentlichen“? Das wird Bieringer völlig fremd sein, aber die Arbeit könnte so missverstanden werden.

Richtig verstanden bietet sie einen der kreativsten, eigenständigsten und richtungsweisendsten Beitrag der letzten Jahre: zum theologisch-literarischen Diskurs einerseits, zum inneren Feld der Liturgiewissenschaft andererseits.

Entwurf einer kultursensiblen Liturgiewissenschaft
Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag. 2023
382 Seiten
68,00 €
ISBN 978-3-7720-8788-2

Das spannungsreiche Dialogfeld von Theologie und Literatur wurde in den letzten Jahrzehnten wissenschaftlich intensiv ausgeleuchtet. Eine Dimension blieb dabei jedoch bislang fast durchgängig außen vor: die Frage, wie sich die liturgische Praxis der (katholischen) Kirche literarisch in der Gegenwartsliteratur niederschlägt.

Die vorliegende Habilitationsschrift des in St. Georgen lehrenden Liturgiewissenschaftlers Andreas Bieringer schließt diese Lücke in beeindruckender Form. Nicht nur, dass sie zentrale Werke im Blick auf „Gottesdienst in der Literatur“ (so der Titel der Untersuchung) sichtet und deutet, sie konzipiert darauf aufbauend zudem den „Entwurf einer kultursensiblen Liturgiewissenschaft“ (so der Untertitel). In diesem Spektrum soll sie „einen Beitrag zur theologischen bzw. literaturwissenschaftlichen Lesbarkeit von Literatur leisten“. (16)

Worin liegt das Spezifische dieser bestens recherchierten und wissenschaftlich vernetzten Untersuchung? In der „Erschließung zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur als Ort liturgiewissenschaftlicher Erkenntnis“ (37). Aufbauend auf den hermeneutischen theologisch-literarischen Studien der letzten Zeit wird Literatur hier also nicht nur als Zitierkasten funktionalisiert oder als Bestätigungsfundus eingesetzt, sondern zum echten locus theologicus: Das ‚Quellenspektrum‘ der Liturgiewissenschaft wird „auf die Literatur ausgeweitet“ (37). Der Zugang bestimmt sich mehrdimensional, geht Bieringer doch „anthropologisch, hermeneutisch und rezeptionsästhetisch“ (38) vor.

Autorinnen und Autoren und ihre Werke werden auf Augenhöhe zu Gesprächspartnern, indem ihr Werk ausführlich und intensiv im Blick auf die der Arbeit zugrundeliegende Fragestellung analysiert wird. Sechs Einzelanalysen perspektivieren den Zugang: werkgeschichtlich naheliegende Blicke auf Peter Handke, Christoph Ransmayr, Arnold Stadler und Hanns-Josef Ortheil werden durch Analysen von Petra Morsbachs Priesterroman „Gottesdiener“ und ausgewählte Werke des evangelischen Dichterpfarrers Christian Lehnert erweitert. Jede Auswahl begrenzt (vgl. 43). Aber hier hätte man sich schon deutlichere Kriterien gewünscht: So eigenständig Morsbachs Einzelroman ist, so schon formal erweiternd der Blick auf Lehnert: Genauere Analysen der umfangreichen und zum Thema überaus ergiebigen Werke etwa von Ralf Rothmann, Ulla Hahn, Thomas Hürlimann oder Christoph Peters hätten mehr ergeben als bloße Auffüllung. All das zu leisten, wäre freilich zu viel. Aber eine innere und stringente Begründung der getroffenen Auswahl, vor allem der getroffenen Nicht-Auswahl, könnte vor dem Vorwurf der beliebigen Auswahl schützen. Das begrenzt den Ertrag: Jede Quintessenz kann sich nur auf die zugrunde gelegten Werke stützen.

Wichtiger: Die vorliegenden Analysen sind dicht und stimmig erarbeitet, vermeiden alle möglichen Formen von theologischer Übergriffigkeit und sind spannende Einzelstudien, die dennoch stets eng auf den gemeinsamen Fokus der Untersuchung bezogen bleiben. Die meisten der präsentierten Verfasser und Werke wurden bereits intensiv theologisch-literarisch beleuchtet. Bieringer greift diese Deutespuren auf, erweitert und bündelt sie unter der thematischen Perspektive seiner Fragestellung. Am kreativsten scheint mir die Integration von Christoph Ransmayrs Werk zu sein, dessen Bedeutung bislang tatsächlich kaum literarisch-theologisch rezipiert wurde. Der Österreicher Bieringer mahnt im Blick auf den Österreicher Ransmayr: „In der „Theologie findet“ Ransmayrs „Werk trotz der Omnipräsenz religiös-spiritueller Motive so gut wie keinen Widerhall“ (129). Auch wenn er hier die Dissertation von Brigitte Schwens-Harrant „Erlebte Welt – erschriebene Welt“ über „Theologie im Gespräch mit österreichischer erzählender Literatur der Gegenwart (1997) übersieht: Die Integration von Ransmayr in den aktuellen Diskurs ist ein wichtiger Beitrag dieser Studie.

Grundlegend: Bieringer begnügt sich nicht mit diesen kenntnisreichen und sensiblen theologischen Literatursichtungen. Auch bleibt er nicht bei der schon vorab in Aussicht gestellten Bündelung stehen, dass der literarische „Zugriff auf den katholischen Gottesdienst“ in den Porträts „unterschiedlich“ und „eigenständig“ (42) erfolgt. Er entwirft vielmehr ein vielschichtiges Panorama über die „Vermittlung zwischen Literatur und Liturgie“ (231-305), in dem die literarischen Positionen fruchtbar und kreativ mit theologischen Stimmen verbunden werden. Die Stichworte „Raum“, „Stille – Klang – Gesang“, „Erfahrung“ und „Körper“ markieren die Matrix dieser Ausführungen. Am Ende steht ein Ausblick auf „Wandlung und Polarität als Grundprinzipien von Liturgie Leben und Literatur“ (307-326).

Eine kleine Verwunderung bleibt. Wenn es um den im Titel ja explizit benannten „Gottesdienst“ geht, wo bleibt der (wenigstens Seiten-)Blick auf Predigt? Das Feld „Predigt und Literatur“ ist intensiv erforscht. Es fällt hier komplett heraus. Wird damit die alte Wertung bestätigt, der ‚Wortgottesdienst‘ mit Lesungen und Predigt sei ja doch nur ein „Vorspiel“ des „Eigentlichen“? Das wird Bieringer völlig fremd sein, aber die Arbeit könnte so missverstanden werden.

Richtig verstanden bietet sie einen der kreativsten, eigenständigsten und richtungsweisendsten Beitrag der letzten Jahre: zum theologisch-literarischen Diskurs einerseits, zum inneren Feld der Liturgiewissenschaft andererseits.

Entwurf einer kultursensiblen Liturgiewissenschaft
Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag. 2023
382 Seiten
68,00 €
ISBN 978-3-7720-8788-2

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