Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Jean Zumstein: Das Vaterunser heute lesen

 

Ist nicht längst alles zum Vaterunser gesagt? Kann man von einem kleinen, auf den ersten Blick unscheinbaren Buch neue Einsichten erwarten? Ja!

Jean Zumstein, der emeritierte Neutestamentler und Experte des Matthäusevangeliums aus Zürich, schafft es. Er fesselt mit seiner wissenschaftlich fundierten und zugleich geistlich in die Tiefe gehenden Auslegung des zentralen Gebets des Christentums, den Verstand und das Herz für das Beten der Worte Jesu neu zu öffnen. Auf schlichte und verständliche Weise, klar strukturiert und leitend, nimmt er seine Leserschaft auf die Entdeckungsreise.

Seine Einleitung, die er mit „Eine neu zu entdeckende Botschaft“ überschreibt, ist kein leeres Versprechen. Zumstein skizziert den Aufbau und die Intention seines Buches. Sogleich führt er zu den wesentlichen Grundlagen des Vaterunsers. Die beiden verschiedenen Fassungen von Mt und Lk sowie die außerbiblische Quelle (Didache) erklärt er und rekonstruiert die ursprüngliche Fassung: Es handelt sich um die kürzere (lk) Version, jedoch mit stärkeren jüdischen Formulierungen. Es ist ein zutiefst jesuanisches Gebet, das zugleich im Judentum des 1. Jahrhunderts verwurzelt ist und sich von ihm unterscheidet (insbesondere vom Kaddisch und 18-Bittgebet). Damit wird es zu einer identitätsstiftenden Größe der frühen Christen. Programmatisch ist es. Es ist kurz, nüchtern, erinnert nicht an die Heilsgeschichte Israels, offen, erwartet eine Zeit der Freude und Befreiung, bittet um materielle und geistliche Güter, umfasst Gegenwart und Zukunft. Der Aufbau des Gebets ist sinnvoll und transparent. Zumstein erkennt eine „tiefe Übereinstimmung zwischen dem, an den sich das Gebet wendet, und dem, der es spricht.“ – dies ist nur einer der Sätze, die sich tief einprägen und zum Nachdenken anregen.

Nach der Einleitung folgt die Auslegung des Vaterunsers abschnittweise. Dabei steht zu Beginn die Gottesprädikation „Unser Vater im Himmel“. Nicht der Gottesname JHWH, sondern die Bezeichnung Gottes als Vater eröffnet das Gebet. Seine Nähe, die liebende, helfende und zärtliche Zuwendung Gottes, wird zum Ausdruck gebracht. Die gewählte Ausdrucksweise und Sprache (Aramäisch) unterstreichen, dass das Vaterunser kein liturgisches Gebet mit elitärer und anspruchsvoller Sprache ist; vielmehr wählt Jesus die Sprache der einfachen Leute mit ihren Alltagserfahrungen. Das Gottesbild des Vaterunsers umfasst die Vorstellung, dass er weder Teil der Welt ist, noch ein göttliches Prinzip. Neben der Nähe wird also auch die Transzendenz Gottes betont.

Die Heiligung des Namens Gottes muss in Erinnerung gerufen werden, weil der Name Gottes leicht vergessen oder ausgenutzt wird. Subjekt des Heiligens kann nur Gott selbst sein. Es ist die Bitte um Gottes Gott-Sein, damit die Zukunft bereits jetzt beginnt. Es geht um realistisches Beten, nicht um eine Traumzukunft, sondern um das Eindringen der Wirklichkeit Gottes in die alltägliche Welt.

Auch die Bitte um das Reich Gottes handelt von der Gegenwart Gottes in der Welt der Menschen. Sie konkretisiert die erste Bitte. Offen bleibt, wer verantwortlich für das Kommen des Reiches Gottes ist. Sicher ist, dass es ein zentrales Anliegen Jesu ist. Diese Bitte ist der „Angelpunkt, von der aus die Wirklichkeit und insbesondere das gegenwärtige Erleben erst in den Blick genommen werden“. Das Reich ist dabei nicht nationalistisch gedacht; es wird mitten in der Welt gegenwärtig und beginnt, die Gegenwart zu durchdringen. Wer so betet, so schließt Zumstein, der verzichtet auf Träume und Machtgelüste.

Im letzten Kapitel geht Zumstein auf die Wirkungsgeschichte ein. Seine protestantische Blickrichtung ist bereichernd, wenn er den Heidelberger Katechismus zitiert, die Gnade als beherrschendes Thema und das Licht des Kreuzes mit dem Vaterunser verbindet. Das Gebet Jesu versteht er zudem als Zusammenfassung des Glaubens, mit dem Jesus uns lehrt, zu bitten und uns dabei mit großem Vertrauen auf das Wesentliche zu beschränken. Die Nähe Gottes und sein Zugehen auf die Menschen sind das zentrale Gottesbild der Auslegung. Die Bitten des Vaterunsers lehren, sich auf das Wesentliche im Leben zu beschränken und im Vertrauen zu leben. Gnade und Kreuz, die beiden großen Themen der protestantischen Theologie, beschließen die Schlussreflextion.

Wer das Vaterunser neu verstehen, entdecken und beten möchte, der/die kommt an der Lektüre von Zumsteins Auslegung nicht vorbei. Viele Sätze mit Tiefgang sind so prägnant formuliert, dass sie ihre Wirkung nicht verfehlen, sondern sich ins Gedächtnis einprägen.

Aus dem Französischen von Horst Hahn
Bibel heute lesen
Zürich: Theologischer Verlag Zürich. 2023
105 Seiten m. Abb.
19,80 €
ISBN 978-3-290-18535-0

Zurück