Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Martin W. Ramb / Holger Zaborowski (Hg.): Helden und Legenden

In der zweiten Szene von Brechts „Mutter Courage“ kommt es zu einem kurzen, aber denkwürdigen Dialog zwischen der gleichnamigen Protagonistin und dem Koch. Denn gegenüber der geläufigen Auffassung, Heldentum sei etwas Großes, stellt sie fest: „Überhaupt, wenn es wo so große Tugenden gibt, das beweist, dass da etwas faul ist.“ Und sie begründet diese Auffassung damit, dass nur dort, wo „etwas faul“ sei, menschliche Tugenden als Kompensationsleistung gefordert seien. Denn „in einem guten Land brauchts keine Tugenden“. Auf eine ähnliche Weise dekonstruiert Dr. Rieux, der absurde Held in Camus‘ Erzählung „Die Pest“, sein eigenes Heldentum. Er sieht nämlich, dass seine eigene moralische Größe zu Lasten der Pestopfer erstrahlt, so dass er sich eher den Opfern verbunden weiß als den Helden.

Vor...

Mathias Schickel / Daniel Zöllner: Evolution – Geist – Gott

Es gibt vor Ort immer wieder löbliche Diskussionszirkel, die sich regelmässig treffen, um philosophische oder theologische Fragen zu besprechen. Der Eine liest dies, der Andere jenes und so versucht man gemeinsam, sich auf eine vernünftige Po­sition zu einigen. Solche informellen Zirkel sind für ihre Mit­glieder erfreulich und erhellend.

Anders ist es, wenn aus solchen informellen Gesprächen ein Buch werden soll, das sich anschickt, mit der Fachliteratur zu konkurrieren. Dies ist nun offenbar geschehen aufgrund der Ge­spräche, die Mathias Schickel und Daniel Zöllner miteinander geführt haben. Interessante Themen, die sie durchdiskutierten, wurden zu kurzen Artikeln verarbeitet und dann in Buchform ge­bracht, wobei sich Vieles wiederholt oder an einer ganz fal­schen Stelle untergebracht...

Horst Seidl: Einführung in die Philosophie des Mittelalters

Ein Neoscholastiker, der sich selbst als (thomistisch-aristotelischen) „Realisten” bezeichnet, führt anhand ausgewählter Autoren in die Philosophie des Mittelalters ein. Zu Recht verweist er eingangs darauf, „dass sich aus den Überlegungen verschiedener Denker zu bestimmten Themen zusammenhängende Lehrstücke ergeben, die uns berechtigen, umfassend von einer Philosophie des Mittelalters zu sprechen”. Diese Einsicht in die Eigenständigkeit der Epoche von 500 bis 1500 hat sich allerdings auch außerhalb der scholastischen Traditionen im engeren Sinne schon seit den 1990er Jahren durchgesetzt (z.B. bei De Rijk, Flasch, Heinzmann, Imhof, Libera, Schulthess, die im gesamten Buch alle nicht erwähnt werden).

Gelungen scheint dem Rezensenten vor allem die abgewogene Auswahl der behandelten Autoren....

Holm Tetens: Gott denken

Gott denken? Ein Versuch über rationale Theologie? Und das von einem Professor für theoretische Philosophie, der nach eigener Aussage den Kern des Christentums, die Inkarnation, „nicht wirklich versteht“, vom Scheitern der Gottesbeweise überzeugt ist, dem Wunderglauben eine Absage erteilt und sich lange zum Lager der Naturalisten zählte? Um es gleich vorwegzunehmen: Selten bekommt man eine solche dichte wie erhellende und dennoch verständliche Argumentation auf gut 90 Seiten geboten!

Holm Tentens betreibt rationale Theologie, die sich allein auf die Vernunft beruft und bewusst das Offenbarungswissen außen vor lässt. Sein „Versuch“ ist bescheidener als die klassischen Gottesbeweise: Der Gottesglauben soll als eine vernünftige Möglichkeit – genauer: als „vernünftige Hoffnung“ – rational...

Edward O. Wilson: Der Sinn des menschlichen Lebens

Edward O. Wilson, amerikanischer Biologe und Träger sowohl zahlreicher wissenschaftlicher Auszeichnungen als auch des Pulitzer-Preises, geht in seinem neuesten Buch der Frage nach dem Sinn des menschlichen Lebens aus evolutionsbiologischer Sicht nach; außerdem versucht er Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft zu vereinen.

Sein Buch ist essayistisch angelegt, in manchen Kapiteln thematisch etwas sprunghaft, stellenweise durchaus humorvoll und durchweg mit spannenden Fakten aus der Tierwelt untermauert. Es lässt sich gut lesen, was aber auch daran liegt, dass Wilson dem philosophischen Kern der Frage aus dem Weg geht. Er benennt zwei Bedeutungen von Sinn. Erstere ist zweckgerichtet und fragt nach dem Wozu; sie findet sich in der philosophischen Weltsicht der Religionen. Die zweite,...

Hans Goller: Wohnt Gott im Gehirn?

Warum die Neurowissenschaften die Religion nicht erklären

Hans Goller verspricht einen „Einblick in die Untersuchungsergebnisse der Neurotheologie und der Nahtodforschung“. Das wird vor allem angestrebt durch ausführliche Referate einschlägiger Bücher und Artikel. Referiert wird in Konjunktiv, indirekter Rede und Indikativ, ohne dass ersteres Distanzierung und letzteres Zustimmung bedeutete. Das macht es dem Leser schwer, Gollers eigene Position zu identifizieren.

Kapitel I widmet sich Mathew Alper, der erklärt, warum er vom Gläubigen zum Naturalisten wurde. Vor allem seien es die inneren Widersprüchlichkeiten der Weltreligionen und die nachweisliche chemische Beeinflussbarkeit des Gehirns, die für Alper beweisen, dass religiöse Erfahrungen eine Notlüge der Natur, ein palliativer...

Harald Seubert: Zwischen Religion und Vernunft.

Vermessung eines Terrains

Wenn Religionen, in den Begriff gebracht, vollständig rationalisierbar wären, so ginge deren Lebendigkeit verloren. Vieles bleibt dem nötigen und heranführenden Vernunftverständnis im Eigentlichen letztlich doch verborgen und unzugänglich. Daher können Religionen mit ihrer unüberschaubaren Vielfalt nie vollständig, im Ganzen in den Blick gebracht werden, auch wenn dieses Ziel als Blickrichtung und Motivation elementar bleibt. Würde dieses Ziel erreicht, so ginge die Faszination und die Anziehungskraft des letztlich Verborgenen verloren, denn so nötig das Definieren für die Präzisierung ist, so stammt das Wort doch vom lateinischen „definire“ ab, in dem das Grundwort „finis“, dt. „Ende“, verborgen ist! 

Dieser letzten Uneinholbarkeit und der doch nötigen...

Christian Schäfer: Was ist das Böse?

Philosophische Texte von der Antike bis zur Gegenwart

Der Whistleblower hat gut pfeifen, er weiß ganz genau, was böse ist, und schämt sich seiner Offenheit nicht. Der Krieger gegen das evil empire weiß ganz genau, wer böse ist – und greift an. Und wir haben allen Grund, verstehen zu wollen, was denn wirklich böse ist. Da kommt das neue Reclam-Büchlein wie gerufen. 

Der Untertitel „Philosophische Texte von der Antike bis zur Gegenwart“ trifft zu. Ansonsten werden die Fragen so verstanden, wie die Autoren es gern hätten – willkommen im Land der Philosophen. Jedenfalls werden die pragmatischeren Fragen des Klappentextes nicht ernsthaft, bestenfalls en passant, aufgegriffen, etwa diese Dauerangst der Erzieher von Jugendlichen: „Verunstaltet das Zusammensein mit bösen Menschen…?“ 

Peinlichke...