Garantin für die Sinnlichkeit der Bildenden Kunst
Karin Kneffel erhält den Kunst- und Kulturpreis der deutschen Katholiken 2025
Seit 35 Jahren verleihen die Deutsche Bischofskonferenz
und das Zentralkomitee der deutschen
Katholiken gemeinsam den Kunst- und
Kulturpreis der deutschen Katholiken (KuKK). Damit
leisten sie einen Beitrag zur Förderung der Begegnung
von Kirche und moderner Kultur. Sie verfolgen
damit die Absicht, das kulturelle Bewusstsein in der
Kirche zu schärfen und die religiöse Dimension in der
pluralistischen Kultur der Gegenwart zu stärken. Alle
zwei bis vier Jahre geht der Preis an Persönlichkeiten
aus den Bereichen Literatur, Architektur, Musik, Film,
Bildende Kunst und Theater. So wurden unter anderem
der Autor Andrzej Szczypiorski (1990), der Komponist
Petr Eben (1998), der Architekt Peter Zumthor
(2011) und die Tänzerin Lia Rodrigues (2021) ausgezeichnet.
Nach dem Maler Gerhard Richter, der den
KuKK im Jahr 2004 erhielt, sollte der Preis in diesem
Jahr erneut an eine bildende Künstlerin oder an einen
bildenden Künstler gehen.
Die Wahl der Jury, der die Stuttgarter Kuratorin
Ilonka Czerny, die ehemalige Kulturstaatsministerin
Monika Grütters, die Professorin Stefanie Lieb von
der Uni Köln, der Leiter der Kunst-Station Sankt Peter
Köln, Guido Schlimbach, die ehemalige Pinakothekdirektorin
Carla Schulz-Hoffmann aus München sowie
die Berliner Kuratorin Julia Voss angehörten, fiel auf
die Malerin Karin Kneffel. In ihrer Begründung lobte
die Jury die »technische Perfektion« der Künstlerin,
mit der sich diese gleichwohl nicht begnüge. Vielmehr
faszinierten ihre monumentalen, überwiegend
fotorealistischen Gemälde durch »unterschiedlich
gebrochene Betrachterperspektiven«, in denen »Symbolismus
und Realismus, Ikonografie und Oberfläche,
Kunst und Leben ebenso überraschend wie reizvoll
aufeinandertreffen«.
Kneffels hochsinnliche Gemälde und Druckgrafiken
schaffen Verbindungen zur klassischen Tradition,
vom antiken Zeuxis bis zum Barock; gleichzeitig erzeugen
sie durch ihre Größe und ihren Illusionismus
eine Gegenwart ähnlich der Pop-Art. Karin Kneffels
Kunstschaffen hat über die Jahrzehnte höchste Vollkommenheit
erreicht, wiewohl sich die Künstlerin
nicht mit technischer Perfektion begnügt. Das Kunstpublikum
kennt Kneffel als die Malerin überdimensionierter
praller Obststilleben.
Kneffels scheinbarer Realismus ist »Malerei pur« –
und letztlich auch »Frage pur« hinter den Bildoberflächen.
Die Spuren, die Karin Kneffel in ihren Gemälden
und Grafiken legt, ikonografische Zitate, Anspielungen
auf Filmklassiker, Referenzen an die Kunstgeschichte
– diese Spuren führen zu zweiten, dritten und vielen
weiteren Bedeutungsebenen und sie lassen nie eine
eindeutige Interpretation zu.
Karin Kneffel hat auch Tierporträts gemalt. Diese
mögen auf den ersten Blick kunterbunt und fast beiläufig
wirken, aber schon beim zweiten Blick kann
man sich ihrer Eindrücklichkeit nicht entziehen. Verleiht
Karin Kneffel doch den Tieren einen merkwürdig
direkten Blick. Einen störenden Blick. Einen Blick, der
die Menschen zu fragen scheint, wie es denn bestellt
ist um die Welt als unser gemeinsames Haus.
In ihrem jüngsten Zyklus »Face of a Woman, Head
of a Child« hat Karin Kneffel die berühmteste Mutter
der Kunstgeschichte gemalt, zusammen mit dem berühmtesten
Kind. Kneffel greift darin die christliche
Ikonografie von Maria mit dem Jesuskind auf und
schert gleichzeitig aus. Als Vorlage dienten ihr historische Darstellungen, deren zerbrechliche Oberflächen sie mit Pinsel und
Farbe einfängt ebenso wie die kunstvollen Tiefen des alten Schnitzwerks.
Mutter und Kind erscheinen auf getrennten Leinwänden in berührenden
Close-ups, schlicht und ohne Beiwerk. Kein Schleier, kein Heiligenschein.
Kneffel verleiht ihnen eine eigene Würde; Maria und Jesus erscheinen
inkognito sehr präsent, sehr nahbar.
Karin Kneffel ist Garantin dafür, dass Bildende Kunst sinnlich bleibt.
Kneffels Bilder »in situ« zu erleben, heißt, vor raumgreifenden Malgründen
mit pastos leuchtenden Farben zu stehen und beglückt zu sein, wie
leiblich und echt Malerei jenseits von KI und Social Media ist. Kneffels
Pinselstriche verkörpern Körper, ihre Farben verkörpern Licht, ihre Kompositionen
verkörpern Raum, ihre Inhalte verkörpern Ahnungen größter
Intensität.
Die Preisverleihung fand Ende Oktober vor 350 Gästen aus Kultur, Kirche,
Politik und Medien im Kölner Kunstmuseum Kolumba statt. Der Vorsitzende
der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, und
die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Dr.
Irme Stetter-Karp, überreichten den Preis gemeinsam. »Die tiefe Schönheit
Ihrer Kunst kann bei uns Betrachtenden das Bedürfnis wecken, das
eigene Leben, unseren Glauben und unsere Beziehungen neu zu sehen
– trotz mancher Zerrissenheit –, ja auch gut und heil werden zu lassen«,
würdigte die ZdK-Präsidentin Karin Kneffel.
Die Laudatio auf die Preisträgerin hielt der Direktor des Kolumba,
Stefan Kraus. Karin Kneffels Malerei lasse »Erfahrungsebenen sehen,
die außerhalb dieses Mediums kaum zugänglich sind«. Die Vergabe des
KuKK an eine zeitgenössische Malerin wertet Kraus »als Anerkennung
dafür, dass das Geheimnis unserer Existenz, die Ganzheit der Schöpfung
und der daraus resultierende Verkündigungsanspruch der Religion nicht
allein eine Sache der Kirche ist. Denn im Unterschied zu früheren Jahrhunderten
kann die Malerei ohne die Kirche existieren, während die Kirche
auch weiterhin auf die Anschaulichkeit der Bilder angewiesen ist.«
Karin Kneffel zeigte sich bei der Preisübergabe gerührt und dankbar.
»Diese Auszeichnung bedeutet mir sehr viel, weil sie eine große Anerkennung
meiner künstlerischen Arbeit ist und mein Werk in den Zusammenhang
einer Tradition stellt, in der Kunst immer mehr war als nur Abbild.
Ich empfinde den Preis als Ermutigung, diesen Weg weiterzugehen, mit
Staunen, Zweifel und Vertrauen zugleich. Dass die katholische Kirche mit
dieser Ehrung die zeitgenössische Kunst in ihren Dialog einbezieht, zeigt
große Offenheit und Vertrauen in die Kraft der Bilder.«
Zur Person
Guido Schlimbach
ist künstlerischer Leiter der Kunst-Station Sankt Peter
Köln.

