»Erst aus der bewussten Stille kann Musik entstehen«
Ein Gespräch mit Markus Stockhausen über das Verhältnis von Musik und Stille, über das göttliche Angesicht in einem jeden Menschen und eine große Feier des Lebens.
Die Frage stellte Clemens Hermann Wagner
Lieber Herr Stockhausen, Sie gelten als einer der virtuosesten Trompeter der Gegenwart. Haben Sie
heute Morgen schon musiziert?
Ja, soeben haben meine Frau, die Klarinettistin Tara Bouman, und ich rund eine Stunde intensiv
geübt. In den kommenden Tagen geben wir wieder ein Konzert mit unserem Duo »Moving
Sounds« und dafür stehen nun letzte Proben an. In einer ausgebauten Scheune haben
wir uns einen sehr schönen Probenraum eingerichtet, der fast wie ein Kirchenraum klingt.
Zunächst bereiten wir uns aber individuell vor. Ich musiziere täglich auf meiner Trompete
und dem Flügelhorn und verstehe dieses Üben fast wie eine Art Sport. Ich will und muss
fit bleiben, meine Form und Ausdauer halten, und das gelingt nur mit einer Regelmäßigkeit
und Routine. Für ein anstehendes Konzert proben Tara und ich dann ab einem gewissen
Punkt gemeinsam und stimmen uns aufeinander ein.
Ihr Vater, der Komponist Karlheinz Stockhausen, war einer der einflussreichsten und innovativsten
Komponisten des 20. Jahrhunderts. Wie hat Sie dieser familiäre Hintergrund geprägt?
Ich bin meinem Vater für all das, was er mir ermöglicht und geschenkt hat, tief dankbar.
In vielen Konzerten, auf weltweiten Tourneen und bei zahlreichen Uraufführungen habe ich
mit ihm musiziert und so sehr früh Erfahrungen in der Welt der professionellen Musik sammeln
dürfen. Zugleich hat mein Vater mein Bewusstsein für die Dimension des Kosmischen
geöffnet. Er war ja ein Musiker, der jegliche Grenzen, die es bis dahin in der Musik gab, gesprengt
und mit seiner progressiven Musik neue Maßstäbe gesetzt hat. Er war auch ein tief
spiritueller und darin kosmischer Mensch und Musiker – zu denken sei nur an sein Werk
»Sirius« oder das Opus Magnum »Licht. Die sieben Tage der Woche.«
Vielfach wird Ihre Musik als intuitiv und improvisierend beschrieben. Ihre Konzerte sind eine sehr eigene
Mischung von Klängen und Momenten von Stille. Wie würden Sie dieses originelle Verhältnis
zwischen Klang und Stille beschreiben?
Sie sprechen jetzt besonders die Konzerte mit intuitiver Musik an. Erst aus einer inneren
Stille kann intuitive Musik entstehen. Anfang der 2000er Jahre habe ich in der Kirche St.
Maternus in Köln begonnen, erste Solokonzerte intuitiv zu spielen. Das war ein interessanter
Schulungsprozess für mich. Die Kirche ist durch ihre Architektur als Klangraum mit
sieben Sekunden Nachhall sehr besonders, und es ist dort möglich, mit einem Solo-Instrument
akkordisch geschichtete Klänge zu spielen. Eine Tonfolge steht also als Akkord für
einen Moment im Raum, und man hört ihm nach. Man erlebt, wie die Stille von den vorherigen
Klängen durchdrungen ist. Aus dieser Stille kann dann der nächste Ton, die nächste
Improvisation entstehen. Dieser akustische Prozess musikalischer Schöpfung – und es gibt
ja viele Arten, Musik entstehen zu lassen, die hier beschriebene ist nur eine – fasziniert
mich unaufhörlich.
Hinzu kommt, dass ich mich seit meiner Jugend der Praxis der Meditation zutiefst verbunden
fühle. Wie in der Musik ist auch in der Meditation die Stille das Fundament von allem.
Aus der Stille heraus konkretisieren sich für mich die Prozesse und Potenziale des Geistigen
und Lebendigen und schlussendlich auch die des Handelns.
Das ist in einer mystischen Tradition ja nicht zuletzt von einem eigenen und hohen theologischen
Wert und berührt damit auch die eine große Frage, die nach Gott.
Ich bin der Überzeugung, dass wir alle Geschöpfe Gottes sind und dass jeder Mensch
auf einzigartige Weise das Angesicht Gottes widerspiegelt, wie die Töne in einer großen
kosmischen Symphonie. Jeder Mensch ist ein Wunder und bleibt ein Geheimnis. Nie sind
wir »fertig«, vollendet, sondern unaufhörlich in einem Lern- und Wachstumsprozess. Ich
glaube, dass es zur Aufgabe von uns Menschen gehört, das eigene göttliche Potenzial in
uns zu entdecken. Ja, es ist ein Geschenk, sich entwickeln zu dürfen. In der Verbindung des menschlichen und göttlichen Potenzials liegt schließlich das, was ich als Christusprinzip
eines jeden Menschen bezeichnen würde – in unserer Kultur wird es so genannt – , das sich
in jedem von uns gebiert und zu einer Vollendung strebt. Aber nur, wenn wir wollen. Wir
sind ja freie Wesen. Meine Hoffnung ist, dass sich immer mehr Menschen ihres göttlichen
Ursprungs bewusst werden und damit auch eine neue Form von menschlicher Einheit in der
heute so zerrissenen und gewaltvollen Welt möglich wird.
Damit bleibt das Nachdenken über Gott ja immer auch auf eine konkrete und soziale Praxis ausgerichtet.
Können Sie mit diesem Gedanken etwas anfangen?
Unbedingt! Ich habe mich vor kurzem mit Albert Schweitzer beschäftigt, diesem unglaublich
beeindruckenden Menschen, der sich dazu berufen fühlte, in der Nachfolge Christi zu
stehen, und darüber hinaus auch noch ein begnadeter Musiker war. Die Menschheit ist mit
ihren verschiedenen Sprachen, Kulturen, Religionen und Vorstellungen so unglaublich vielfältig.
Doch letztlich sind alle Menschen mit ihren ganz ähnlichen Bedürfnissen und in dem
Wunsch nach Frieden, einem Leben jenseits von Gewalt und Unterdrückung, geeint. Wir alle
wollen frei sein. Freiheit gelingt aber nur zusammen mit Bewusstheit. Ich will nicht aufhören,
daran zu glauben, dass es möglich ist, eines Tages eine große Weltfamilie zu werden,
in der alle natürlichen und auch notwendigen Spannungen und Unterschiede nicht mehr in
Kriegen, sondern auf anderen Ebenen, wie z.B. sportlichen, künstlerischen, intellektuellen
oder philosophischen, ausgetragen werden. Nationalität, Herkunft oder Religion dürfen
kein Grund mehr für Diskrimierung sein.
Zuletzt haben Sie das Jazz-Doppelalbum »Celebration« veröffentlicht, eine vielfältige Arbeit, für die
Sie Musikerinnen und Musiker aus unterschiedlichen Kontexten, Kulturen und Ländern zusammengebracht
haben. Eine große, klangvolle Feier des Lebens – ist das Ihr Beitrag zu einer friedvolleren
Welt?
In der Tat war das der grundlegende Gedanke. Ich habe einen sehr bunten Blumenstrauß
von Künstlerinnen und Künstlern eingeladen, gemeinsam zu musizieren, und so haben sich
wunderbare musikalische Begegnungen ergeben, die sich wie ein gemeinsames Feiern von
friedlichen Momenten des Miteinanders verstehen. Für alle Solistinnen und Solisten auf
dem Album habe ich Kompositionen erarbeitet, und zudem lud ich sie ein, frei zu improvisieren.
So entstanden intensive und manchmal abenteuerliche Klangräume, die vielfältige
Titel tragen: Revolution, Salam, Hallelujah, Ahnung oder Abstract Lines.
Musik kann wirklich Grenzen überschreiten, das erlebe ich immer wieder. Angesichts der
vielen Herausforderungen und Konflikte, die wir heute erleben, kann Musik mehr denn je
einen kreativen Beitrag zu mehr Versöhnung in der Welt leisten. Ich bin fest davon überzeugt,
dass unser schöpferisches Potenzial unendlich ist und dass jeder Gedanke, jedes
Gefühl, jedes freundliche Wort und jede liebevolle Tat, aber auch jeder bewusst geformte
Klang eine positive Wirkung hat, die ins ganze Universum strahlt und das Leben hier auf
der Erde mitgestaltet.
Zur Person
Markus Stockhausen
ist als Trompetensolist, Komponist und Grenzgänger
zwischen Jazz, zeitgenössischer Musik und Klassik einer der vielseitigsten
Musiker unserer Zeit. Viele Jahre arbeitete er intensiv mit seinem Vater, dem
Komponisten Karlheinz Stockhausen, zusammen, der zahlreiche Werke
für ihn schrieb. Das bleibende Interesse von Markus Stockhausen gilt einer
Transformation durch Klang.
CLEMENS HERMANN WAGNER studierte Katholische Theologie
und Germanistik. Nach seinem Referendariat für das Lehramt
an Gymnasien promoviert er an der Theologischen Fakultät
der Universität Freiburg und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter
am dortigen Lehrstuhl für Dogmatik.

