Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung
Florian Werner - Meine bessere Hälfte (Verlag Ullstein Paperback)

Meine bessere Hälfte

Florian Werner lässt Musikerinnen und Musiker über ihre Instrumente erzählen

Stradivari, Guarneri, Steinway, Silbermann,
Fender, Gibson – Musikerinnen und Musiker,
Kenner und Liebhaber nennen die Namen legendärer
Instrumentenbauer mit Ehrfurcht. Wenn ein
Geiger neu ins Rampenlicht tritt, finden Rezensenten
Wissenswertes über Geheimlack und Bogenform. Das
Besondere, Einmalige wird zum Aufhänger für Legenden.
Das ist Marketing. Ein einmaliges Instrument
zaubert keinen genialen Interpreten. Musik ist Arbeit,
ein jahrelanger harter Weg über tägliches Üben, Lernen,
Hören, Verstehen, Korrigieren. Sie ist persönliche
Entwicklung, Leistungssport und erfreulicherweise
auch für viele Menschen ein Beruf, in dem sie das Erfahrene
nicht für sich behalten, sondern in Konzerten,
über Tonträger, Kompositionen, Lehre und den
persönlichen Kontakt weitergeben dürfen. In diesem
Kontext spielen Instrumente als Arbeitsgeräte tatsächlich
eine wichtige Rolle. Das Zusammenwirken
von Musizierenden und Instrument geht über den
reinen Gebrauch hinaus. Der Erwerb eines geeigneten
Instruments, das Kennenlernen und Optimieren,
Pflege, Erhaltung und Verbesserung führt zu einer oft
langen, wenn nicht lebenslangen Geschichte, die als
Beziehung erzählt werden kann.

Florian Werner hat im vergangenen Jahr einen
Band veröffentlicht, in dem er dreiundzwanzig Musikerinnen
und Musiker über diese Beziehungen zu
Wort kommen lässt. Ein gutes Dutzend von ihnen ist
mit akustischen Instrumenten liiert, darunter Anne-
Sophie Mutter und ihre Lord Dunn-Raven Stradivari
und Tabea Zimmermann mit ihrer Patrick Robin-Viola.
Manche Instrumente bekommen Namen wie Ursula
und Fanny, zwei Tuben von Andreas Martin Hofmeir.
Das Spielen von Konzertflügeln verleitet Michael
Wollny zu zärtlicher Poesie, Meinrad Jungbluts Sitar
ruht in einem Koffer, der an einen Sarg erinnert.

Diese Geschichten sind aber nur die eine Seite des
Themas. Ausdruck entsteht auch aus dem eigenen
Körper und der eigenen Stimme, wie Annette Humpe
und Bernadette La Hengst berichten. Für wiederum
andere ist ihr Gehirn, ihr Tonstudio, ihre Plattensammlung
oder die Collage vieler Lebensbereiche
Hintergrund ihres Schaffens. Extrem und skurril wird
es erst, wenn Soundkünstler Matthew Herbert die
Vorgeschichte seines Albums »The Horse« von 2023
erzählt, in der aus einem in der Tieranatomie ausrangierten
Pferdeskelett die Inspiration für Klänge und
Instrumente erwächst. Dabei ist er verstörend nah am
Puls der Zeit, in der virtuelle und archaische Welten
ineinander übergehen, Grenzen verschwimmen und
nach einem Wurmloch in die Zukunft suchen.

Die Verschiedenheit der Autorinnen und Autoren,
der Erzählfarben und der kontrastierenden Klänge
machen das Buch zu einer ausgewogenen Komposition
und zum intensiven Kopfkino. Ich empfehle als Ergänzung
eine persönliche Playlist mit Musik der Genannten.
Ich war überrascht, wie sich das Buch beim
Hören der Musik noch ein zweites Mal erzählt – egal
ob chronologisch oder quer durch die Kapitel springend.
Ich folge der Empfehlung von Sebastian Krämer
auf Seite 196 und vergleiche die Geschichten mit der
Vielfalt von Klaviaturen: »Heb den Deckel zu einer beliebigen
und horch, was sie berichtet.«