Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung
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Bildung als Herzenssache

John Henry Newman als Kirchenlehrer und Mitpatron des katholischen Bildungswesens

John Henry Newman war mehr als ein scharfer
Denker und Kirchenmann – er war ein leidenschaftlicher
Anwalt der Bildung. Sein Ringen
um Wahrheit, sein Einsatz für ein freies Denken und
seine Vision einer Universität als Ort geistiger Weite
und persönlicher Reifung machen ihn bis heute zu einer
inspirierenden Figur. Als Papst Leo XIV. Newman
am 13. Oktober 2025 zum Kirchenlehrer ernannte, hat
er ihn mit Thomas von Aquin auch zum Patron des Katholischen
Bildungswesen ernannt. Damit hat er das
Herzensanliegen Newmans zu seiner Zeit wieder in
Erinnerung gebracht.

John Henry Newman (1801-1890) war seit 1822
Fellow am Oriel College in Oxford. Er wollte als Hochschullehrer
nicht bloßes Wissen vermitteln, sondern
in einem umfassenden Sinne Bildung ermöglichen:
Wissen und Haltung, Kenntnis und Tugend, als jene
Fähigkeit einer Person, Wissen und Leben segensreich
für sich und andere zu verbinden. Diese Absicht stieß
in seinem College nicht nur auf Zustimmung. Ein Leben
lang wird er das Ideal von Oxford leben, auch als
Katholik und Oratorianer.

Als er am 9. Oktober 1845 in die römisch-katholische
Kirche konvertierte, trat dieser geniale Gelehrte
in eine Kirche ein, die seit 1563 von den Bildungsinstitutionen
des Landes ausgeschlossen war. Newman
fasste die englische Sicht seiner neuen Kirche in dem
Bild zusammen: »irische Dienstmädchen-Religion«.
Sehr bald erkannte er dieses tiefliegende Defizit und
sprach es offen an. Als eine Antwort hat er eine Grundschule
am Oratorium gegründet. Seine klare Sicht des
Bildungsmangels in der katholischen Kirche hat ihm
wenig Lob eingebracht. Viele seiner Versuche, diese
Schwäche zu beheben, scheiterten – auch am innerkirchlichen
Widerstand. Frustriert notiert er in sein
Tagebuch am 21.1.1863: »Nicht Konversionen sind mir
das Erste, sondern die Erbauung (die Stärkung) der
Katholiken. So sehr habe ich mir das letztere zum Ziel
gesetzt, dass die Welt bis heute bei der Behauptung
verharrt, ich empfähle den Protestanten nicht, katholisch
zu werden. Wenn ich als meine wahre Meinung
geltend machte: ich schreckte davor zurück, aus gebildeten
Menschen übereilte Konvertiten zu machen,
aus Furcht, sie könnten ›die Kosten nicht berechnet‹
haben und könnten nach ihrem Eintritt in die Kirche
Schwierigkeiten bekommen, so gebe ich damit nur das
gleiche zu verstehen, dass die Kirche ebenso für Konvertiten
bereitet werden müsse, wie Konvertiten für
die Kirche. Wie kann man dies in Rom verstehen? …
Von Anfang an ist Bildung in diesem weiten Sinne des
Wortes stets meine Grundrichtung gewesen, …«.

Sein Bildungsanliegen lässt sich in dem Satz zusammenfassen:
Begleitung von Menschen zu einer
freien und sittlich guten Persönlichkeit in der Suche
nach der Wahrheit. Der erste Ort, an dem er dieses
Ideal als Katholik leben konnte, war sein Oratorium
in Birmingham. Pius IX. hatte ihn ja beauftragt, das
Oratorium des Heiligen Philip Neri nach England zu verpflanzen. Kurz und prägnant hält er seine
Leitidee fest: »Nun werde ich es mit einem
Wort sagen, was in der Tat die nächste Annäherung
zu einer Oratorianer Kongregation
ist, die ich kenne: es ist ein College an
einer anglikanischen Universität. Nehmt so
ein College, zerstört das Haus des Leiters,
löst Frau und Kinder auf, und stellt es für
den Lehrkörper wieder her, ändert die Religion
von protestantisch zu katholisch und
gebt dem Leiter und den Dozenten missionarische
und pastorale Arbeit, und ihr habt
eine Kongregation des hl. Philipp vor euren
Augen« (OP, 191). Wissen und Sendung der
Kirche gehören also zusammen. Dies wird
besonders in seiner »Idee der Universität«
ausgeführt.

Die Idee der Universität

Im November 1851 erhielt Newman von
Papst Pius IX. den Auftrag, in Dublin eine
katholische Universität zu gründen. Von Anfang
an stand dieses Wagnis unter keinem
guten Stern. Im März 1857 trat er als Rektor
zurück. Bis heute aber sind seine Reden, die
er in diesem Zusammenhang gehalten hatte,
von Bedeutung. Denn der Glaube hat nicht
nur eine innere Beziehung zur Vernunft, sondern
die Begründung des Glaubens und damit
der Sendung der Kirche ist nur im Raum
allen Wissens und dem Dienst an der Vervollkommnung
des Menschen versteh- und
vermittelbar. Deshalb ist die Universität
kein Supermarkt mit allen möglichen Angeboten,
sondern der Ort, an dem alle Lehrenden
und Lernenden im Raum des Wissens,
dessen Bedeutung und Grenzen ausmessen.
Er benutzt des Öfteren den aristotelischen
Ausdruck für Metaphysik: »Stelle dir eine
Wissenschaft der Wissenschaften vor, und
du hast den wahren Begriff vom Ziel einer
Universität erfaßt«. Nach Newman gehören
also Wissen und Kommunikation beziehungsweise
Austausch der Personen zusammen.

Wissenschaften sind nach Newman kultivierte
Formen des Denkens mit ihren spezifischen
Formen der Abstraktion – und dadurch
einer bestimmten Perspektive auf die
Gesamtwirklichkeit. Weil der menschliche
Geist aber kein Gebiet und keine Perspektive möglicher Wirklichkeit auf Dauer ausblenden kann,
ist es für die Integrität des Wissens notwendig, dass
alle Wissenschaften in der Universität versammelt
werden. Das ist am besten an der Theologie zu verdeutlichen.
Weil der menschliche Geist eine universale
Tendenz hat und »Gott« nicht nur eine Perspektive
des Denkens ist, sondern eine uns in Anspruch nehmende
Wirklichkeit, muss die Theologie an der Universität
ihre Aufgabe erfüllen. Sie hat ihre Aufgabe,
das mögliche Wissen von Gott gegen die Usurpation
anderer Wissenschaften zu verteidigen. Denn wenn
es die Theologie an der Universität nicht gibt, dann
werden die Chemiker oder Physiker Theologie treiben.

Um ihre Aufgabe zu erfüllen, muss die Wissenschaft
frei sein. Und die Studierenden und Lehrenden müssen
ohne Vorbehalt das Wagnis eingehen, die Weite
aller Wirklichkeit und die Möglichkeit menschlichen
Denkens in der Suche nach der Wahrheit auszumessen.
Das wird immer mit Irrtum verbunden sein. Aber
ohne dieses Risiko kann auch der Wert der Universität
nicht gewonnen werden. Weil endliches Denken
immer perspektivisch, geschichtlich ist und deshalb
auch vorläufig bleibt, ist eine angemessene Sicht der
Wirklichkeit nur möglich, wenn aspektives Wissen
vernetzt wird. Das setzt aber eine sittliche Grundlage
voraus, nämlich: Ehrlichkeit, Korrekturbereitschaft
und freimütige Kritik. Der Konflikt von Theologie und
den anderen Wissenschaften sieht er in einer gefährlichen
Grenzüberschreitung, nicht nur der anderen
Wissenschaften. In seiner ersten Oxforder Universitätspredigt
betont er eine tiefe Gemeinsamkeit von
guter Wissenschaft und den sittlichen Bestimmungen
des Evangeliums.

Den Gentleman sieht Newman als Bildungsideal
dieses freien Wissens. Seine Charakterisierung ist
klassisch geworden, in Stärke und Grenze: »Die »freie"
Bildung macht nicht den Christen und nicht den Katholiken,
sondern den Gentleman. Es ist gut, ein Gentleman
zu sein; es ist gut, einen gebildeten Geist, einen
verfeinerten Geschmack, einen lauteren, ausgewogenen
und gelassenen Sinn, eine vornehme und edle
Haltung in der gesamten Lebensführung zu besitzen;
all diese Eigenschaften gehen naturgemäß mit einem
reichen Wissen Hand in Hand; sie sind die Ziele einer
Universität. Ich verteidige und vertrete sie, ich werde
sie erläutern und sie unbedingt verlangen. Aber trotzdem,
ich wiederhole es, bieten sie keine Gewähr für
Heiligkeit oder auch nur für Gewissenhaftigkeit. Sie
können dem Weltmann so gut wie dem Schurken und
Herzlosen eigen sein – liebenswürdig und anscheinendDen Gentleman sieht Newman als Bildungsideal
dieses freien Wissens. Seine Charakterisierung ist
klassisch geworden, in Stärke und Grenze: »Die »freie"
Bildung macht nicht den Christen und nicht den Katholiken,
sondern den Gentleman. Es ist gut, ein Gentleman
zu sein; es ist gut, einen gebildeten Geist, einen
verfeinerten Geschmack, einen lauteren, ausgewogenen
und gelassenen Sinn, eine vornehme und edle
Haltung in der gesamten Lebensführung zu besitzen;
all diese Eigenschaften gehen naturgemäß mit einem
reichen Wissen Hand in Hand; sie sind die Ziele einer
Universität. Ich verteidige und vertrete sie, ich werde
sie erläutern und sie unbedingt verlangen. Aber trotzdem,
ich wiederhole es, bieten sie keine Gewähr für
Heiligkeit oder auch nur für Gewissenhaftigkeit. Sie
können dem Weltmann so gut wie dem Schurken und
Herzlosen eigen sein – liebenswürdig und anscheinend, ach, so reizend, wenn er sich in ihrem Schmucke
zeigt. … Spalte erst einmal den Granit mit dem Rasiermesser
und vertäue dein Schiff mit einem Faden
von Seide, dann darfst du auch hoffen, mit so feinen
und scharfen Instrumenten wie der menschlichen Bildung
und der menschlichen Vernunft gegen jene Riesen,
die Leidenschaften und den Stolz des Menschen,
den Kampf bestehen zu können.« Deshalb bedarf es
der Kirche als Instanz in der Universität, die auf das
wahre Ziel menschlicher Bildung verweist: Heiligkeit.

Spiritualität und Bildung

Bildung ist eine bleibende Aufgabe und Anstrengung.
Sie bedarf der Disposition und der Begleitung. Weil
die Suche nach der Wahrheit jeden Menschen mit Gott
verbindet, ist es für Newman kein Widerspruch, um
Licht und Einsicht zu beten. Auch wenn die Welt, wie
Newman es ausdrückt, in der Geschichte immer auf
ihre göttliche Auslegung wartet, gereicht unser Erkennen
als Stückwerk in Rätseln und Gleichnissen (1
Kor 13) uns zur Ehre, wenn wir dieses in Liebe vollenden.
Newman ließ am Gedenkort der Oratorianer
die Gedenktafel für sich anbringen mit der Aufschrift:
»Ex umbris et imaginibus in veritatem / Aus Schatten
und Bildern zur Wahrheit«.

Mir scheint, dass Newman deshalb ein guter Patron
des Katholischen Bildungswesen ist, weil er selbst in
der Suche nach Wahrheit und in der Begleitung von
Menschen ein Vorbild ist. Dabei verweist er nicht auf
sich selbst, sondern in seinem Lebenszeugnis auf jene
Wahrheit, die uns von Gott her eröffnet worden ist
und in der Person Jesu Christi Fleisch angenommen
hat. Weil bloßes Wissen nichts ist, kann uns nur jenes
Wissen anziehen und ermutigen, das uns in lebendiger
Gestalt begegnet.