Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Patrick Roth: Die Christus-Trilogie

Kommentierte Ausgabe

Als in den 1990er Jahren drei erzählende Bücher über Christus erschienen, geschrieben von einem deutschen Autor in Los Angeles, da wusste die Literaturkritik nichts Rechtes damit anzufangen. Von „Bibelkrimis" war die Rede und von „Überwältigungsprosa“, gar von „inbrünstigen Heilsgeschichtenerzählungen“. Seit der „religiös musikalischen“ Wende um 2001 ist das anders. Patrick Roths Christus-Trilogie, bestehend aus den Bänden „Riverside" (1991), „Johnny Shines oder Die Wiedererweckung der Toten" (1993) und „Corpus Christi" (1996), ist ein Masterplan für den „Botschaftsverkehr zwischen Oben und Unten" (Sibylle Lewitscharoff), der sich intensiver als zuvor in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur abspielt. Nun ist die Trilogie erstmals in einem Band gebündelt, versehen mit einem ebenso hellsichtigen wie hilfreichen Kommentar der Heidelberger Germanistin Michaela Kopp-Marx, die als wohl beste Kennerin der Werke von Patrick Roth gelten darf.

Die kommentierte Sonderausgabe hat eine Vorgeschichte. Im Herbst 2004 hielt Patrick Roth Poetik-Vorlesungen an der Heidelberger Universität. In Ergänzung zu den Frankfurter Vorlesungen zwei Jahre zuvor, die sich mit dem Finden eines Stoffes befassten, sprach er damals über die Entwicklung und Formung des Stoffes. Im Frühjahr darauf, 2005, sprach Michaela Kopp-Marx, gemeinsam mit dem Münsteraner Theologen Reinhold Zwick, mit dem Autor über die „Christus-Trilogie“, über ihre Quellen und Kontexte, ihre Symbolik und Dramaturgie. Die Ergebnisse des Gesprächs wurden 2013 ausführlich in einem 370 Seiten umfassenden „Commentary Track“veröffentlicht. Nun sind sie im Anhang der Sonderausgabe, überarbeitet und konzentriert auf etwa 160 engbedruckten Seiten, enthalten.

Es sind Daten, die mindestens einen doppelten Vorteil bei der Beschäftigung mit diesem Zentralgestirn der religiös geprägten Gegenwartsliteratur bieten. Zum einen bauen sie mit den Entschlüsselungen von biblischen Namen, Orten und Erzählungen, inklusive der Apokryphen und der Gnosis, eine Verständnisbrücke, die in einer Zeit, da es mehr ADAC-Mitglieder als Bibelleser gibt, nicht so unwichtig ist. Der Stellenkommentar ist wohltuend knapp gehalten, verständlich und stets auf eine Vertiefung der Textkenntnis ausgerichtet. Zum anderen ermöglicht dies einen Einblick in die poetologischen Grundsätze von Patrick Roths Schreiben und in die sprachlichen, ästhetischen und religionsgeschichtlichen Eigentümlichkeiten seiner Christus-Rezeption. So wird am Beispiel des leicht überflogenen Wortes „Zeitenbrunnen" (aus „Riverside“) deutlich, wie reichhaltig der Dichter aus seinen Quellen schöpft: aus der Bibel (Joh 4,14f.), aus der Literatur (Thomas Manns Joseph-Romane), aus dem Film (Andrej Tarkowskijs Weltkriegsfilm „Iwans Kindheit“, 1962) und aus der Tiefenpsychologie (C.G. Jungs Frage nach unserer Verbindung mit spirituellen Quellen).

Mit diesem vorbildlichen Kommentar lohnt die „Christus-Trilogie“ (1991-1996) eine neue Lektüre. Sie erzählt von den Geheimnissen des Glaubens, Heilung, Totenerweckung und Auferstehung, von dem „Drama der Wandlung“ von Gott und Mensch, von Jenseits und Diesseits, von Heilsgeschichte und Weltzeit, von „Emmaus-Blindheit und Magdalenen-Momenten" (Joachim Hake) als notwendigen Passagen auf dem Weg zu einer Erfahrung des Numinosen, in dem sich auch der Sinn des Schreibens erschließt.

Genehmigte Übernahme aus: Stimmen der Zeit 12/2017, 858f.

 Hrsg. und kommentiert von Michaela Kopp-Marx
Göttingen: Wallstein Verlag. 2017
472 Seiten
29,90 €

ISBN: 978-3-8353-3065-8

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