Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

01_2026

Traum und Vision

Editorial

Die erste Enzyklika von Papst Leo XIV. trägt den bemerkenswerten Titel »Magnifica Humanitas« – »Die großartige Menschheit«. Sie ist dem Zeitalter der Künstlichen Intelligenz gewidmet und erinnert daran, dass technische Entwicklung dem Menschen dienen muss und niemals umgekehrt. Die Frage, was den Menschen unverwechselbar macht, durchzieht das gesamte Schreiben. Der Mensch ist mehr als ein Algorithmus, mehr als die Summe seiner Funktionen. Er ist ein Wesen der Freiheit, der Verantwortung und der Beziehung.

Künstliche Intelligenz kann analysieren, vergleichen, kombinieren und simulieren. Aber sie träumt nicht. »KI‑Träume« bleiben mathematische Prozesse. Ihnen fehlt jene inne‑ re Erfahrung, die den menschlichen Traum auszeichnet: das Erschrecken, das Staunen, die Sehnsucht, die Verwandlung. Vielleicht gehört der Traum zu den letzten Räumen menschlicher Unverfügbarkeit. So kann niemand steuern, heute Nacht eine Wahrheit zu träumen. Auch und gerade in den religiösen Traditionen spielt der Traum eine herausragende Rolle: Abraham, Jakob, Josef, die Propheten, die Weisen aus dem Morgenland – sie alle empfangen Wegweisungen durch Bilder, die sich ihrem Zugriff entziehen. Träume sprechen in Hinweisen und Symbolen. Sie müssen gedeutet werden. Sie können in die Irre führen und verlangen nach Unterscheidung. Aber gerade darin liegt ihre Bedeutung. Sie eröffnen einen Erkenntnisweg, der nicht auf Beherrschung, sondern auf Hören beruht. Visionen entstehen aus einer Ahnung dessen, was noch nicht ist, und sehen Möglichkeiten, wo andere nur Fakten sehen. Vielleicht liegt hier eine der wichtigsten Herausforderungen unserer Gegenwart. Je leistungsfähiger unsere Systeme werden, desto größer wird die Versuchung, nur noch dem Berechenbaren zu vertrau‑ en. Doch eine Welt, die ausschließlich auf Daten setzt, verliert leicht den Sinn für das Noch‑nicht‑Sichtbare. Sie wird effizienter, aber nicht notwendigerweise weiser.

Die Beiträge dieser Ausgabe laden dazu ein, den Traum nicht als Flucht vor der Wirk‑ lichkeit zu verstehen, sondern als eine besondere Weise ihrer Erschließung. Träume und Visionen öffnen den Blick für Tiefenschichten der Wirklichkeit, die sich dem blo‑ ßen Nachdenken entziehen. Der Mensch lebt nicht allein von dem, was er weiß. Er lebt auch von dem, was ihm gezeigt wird – von Bildern, die ihn suchen, von Visionen, die ihn tragen, von Träumen, die ihn verwandeln. Gerade darin zeigt sich die »großartige Menschheit«, von der die Enzyklika spricht: nicht nur in ihrer Fähigkeit zu denken, sondern auch in ihrer Gabe zu träumen und an Visionen zu glauben

Perspektiven

Kostenlose Leseprobe des Artikels verfügbar.
Gotthard Fuchs
Jenseits von Haben und Kriegen
Holger Zaborowski
Wandlungen und Verwandlungen
Beate Kowalski
»Träume haben schon viele in die Irre geführt …«
Linus Hauser
Zwischen Vision und Ironie
Interview mit Jedi Noordegraaf
Franziskus im Spiegel unserer Zeit
Kostenlose Leseprobe des Artikels verfügbar.
Ahmad Milad Karimi
Die Nacht der Vision

Kultur

Martin W. Ramb
Wenn Himmel und Erde ineinander überblenden
Interview mit Patrick Roth
Wendung – Wandlung – Wirklichkeit
Interview mit Wojciech Chalupka
Die Auferstehung hörbar machen
Kostenlose Leseprobe des Artikels verfügbar.
Eckard Nordhofen
Die Magdalenensekunde – das Geheimnis der zweiten Wendung
Thomas Menges
Zwischen Immanenz und Transzendenz
Interview mit Thomas Hildenbrand
Nahe den Fragen des Menschseins – nahe der religiösen Bildwelt
Marie-Luise Reis
Wenn ein Traum die Wahrheit sagt

Praxis

Hubertus Holschbach
Überblick zum Thema in ru-digital
Kostenlose Leseprobe des Artikels verfügbar.
Ivonne Schweitzer
Wenn Kinder ihre Welt neu denken
Cornelia Steinfeld
Reduktion wirkt!
Ivonne Schweitzer
Haltung zeigen – Frieden stiften

Forum

Michael Hochschild
Zeit des Erwachens
Jutta Kähler
Das Ohr ist das Auge der Seele
Martin W. Ramb
Durchgänge, Schwellen, Gegenüber
Kostenlose Leseprobe des Artikels verfügbar.
Uwe Michler
Bruder Franz

Titelbild

Das Cover zeigt eine mystische Begegnung des heiligen Franziskus auf dem Berg La Verna. Im Zentrum steht die Vision eines sechsflügeligen Seraphen in der Gestalt des Gekreuzigten, der Franziskus mit barmherzigem Blick begegnet. Der Illustrator Jedi Noordegraaf verleiht der Szene eine traumhafte, spirituelle Atmosphäre. Licht und Form lassen die Begegnung als etwas Geheimnisvolles und Transzendentes erscheinen. Das Bild greift die Vorstellung auf, dass Franziskus hier Christus selbst begegnet – eine so tiefgreifende Erfahrung, dass sie sich in den Wundmalen Christi an seinem Körper widerspiegelt. So verbindet das Cover die Themen Vision, Gottesbegegnung und innere Verwandlung auf eindrucksvolle Weise.

(c) Jedi Noordegraaf