Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Susanne von Braunmühl / Britta Kuß unter Mitarbeit von Rabeya Müller, Oliver Petersen, Armin Rochdi, Melek Yildiz: Wer bin ich? Wer bist du?

Unterrichtsmaterialien für die Grundschule mit CD-ROM

In der Landschaft religionspädagogischer Lehrwerke und Unterrichtsmaterialien für die Grundschule fallen diese beiden ambitionierten Publikationen durch ihren interreligiösen Ansatz und ihre didaktisch-methodische Vorgehensweise auf: Die Verfasserinnen und Verfasser bezeichnen ihren Ansatz als „Interreligiös-dialogisches Lernen“. Es geht ihnen darum, die religiösen Fragen, die in den Bänden thematisch werden, die nach Identität – „Wer bin ich? Wer bist du?“ sowie nach „Sterben und Tod – Was wird einmal sein?“, konsequent aus der Perspektive möglichst vieler Religionen miteinander ins Gespräch zu bringen. In den vorliegenden Lehrwerken kommen Judentum, Christentum, Islam, Alevitentum, Buddhismus und Hinduismus zu Wort. 

Die Herausgeberinnen und Herausgeber weisen im Nachwort darauf hin, dass mit dem Konzept des „Interreligiös-Dialogischen Lernens“ ein Perspektivwechsel beschrieben wird, wie er im Hamburger Modell des „Religionsunterrichts für alle“ seit Jahren konkret wird. Dialogisch ist er insofern, als dass Kinder verschiedener Religionen, Religionsgemeinschaften und Konfessionen wie solche ohne Religion aus ihrer weltanschaulich-religiösen Perspektive miteinander über Religion und Religionen sprechen. Die Unterrichtsmaterialien orientieren sich deshalb konzeptionell an den didaktischen Grundsätzen der „Schülerorientierung“, „Traditionsorientierung“, „Dialogorientierung“, „Authentizität“ und „Wissenschaftsorientierung“. Die Beschreibung und Darstellung der Traditionen der unterschiedlichen Religionen erfolgt nicht aus einer neutralen, religionswissenschaftlichen Sicht, sondern nimmt die Sichtweise der angesprochenen Altersgruppe mit deren Lebens- und Erfahrungswelt ein. 

Ein Überblick über die Inhalte der beiden Bände zeigt, dass es sich um sorgfältig ausgearbeitete Unterrichtseinheiten handelt. Jedem Band ist für Lehrende eine ausführliche thematische Einführung im Hinblick auf den Unterrichtsgegenstand und die Didaktik vorangestellt. Es folgen jeweils Kapitel mit Unterrichtsmaterialien, ein Nachwort des Herausgebers sowie ein Anhang mit einem Hinweis auf die CD mit Kopiervorlagen und Materialien, die jedem Band beigefügt ist. 

In dem Themenband „Wer bin ich? Wer bist du?“ werden zu Beginn in gebotener Kürze relevante gegenwärtige Theorien der Identitätsentwicklung vorgestellt. Über das Erklärungsmodell von Erikson hinaus wird auf mehrere Repräsentanten aus Psychologie, Philosophie, Theologie wie auch Sozial- und Neurowissenschaften verwiesen. Grundlage für die folgende Unterrichtsreihe ist die Theorie einer „Patchwork-Identität“ (H. Keupp), zu deren nicht festgelegter Entwicklung das Unterrichtskonzept einen positiv-produktiven Beitrag leisten will. Daran orientiert, folgen knappe, aber prägnante, kompetente religionspädagogische Hinweise zur Durchführung der Unterrichtseinheit.

Als methodische Grundidee, die die gesamte Reihe durchzieht, haben die Verfasserinnen und Verfasser das Bild eines Schiffs auf einer Seefahrt gewählt. Sämtliche Materialien, methodischen Schritte und Arbeitsmittel werden motivierend vielseitig und abwechslungsreich in diese Bildwelt eingebettet. Zu Beginn wird als Identifikationsfigur der Papagei Yanni in Gestalt einer Handpuppe eingeführt, der die Lernenden zu den Inseln der Fragen nach „Ich und Du – Du und Ich“, „Angst“, „Mut“, „Trauer“, „Glück“, „Vertrauen“, „Gott“ und „religiösen Festen und Feiern“ in den verschiedenen Religionen führt. Die Arbeitsaufträge setzen Grundfähigkeiten im Lesen und Schreiben voraus, viele erfordern jedoch Zuordnen, Basteln, Kleben und Zuhören und berücksichtigen damit die noch im Aufbau befindlichen Lese- und Rechtschreibkompetenz der angesprochenen Altersgruppe.

Der Band zum Thema „Sterben und Tod – Was wird einmal sein?“ wird sachorientiert durch eine pädagogische Einführung zu Todeskonzepten bei Kindern und thematisch-informativ zu Jenseitsvorstellungen in den Religionen eröffnet, denen sich didaktisch-methodische Hinweise zur kindertheologischen Gesprächsführung und Unterrichtsplanung anschließen. Der umfassende methodische Teil setzt mit vielseitigen und ansprechenden Methoden und Materialen zur Gesprächsführung ein, die offen und behutsam um das Thema Endlichkeit und Tod kreisen. Zur Erweiterung dieses Aspekts werden im nächsten Schritt Denkanstöße, kurze Dialoge, Gesprächsimpulse und Materialien für die Kleingruppenarbeit – auch zu Bilderbüchern – zum Nachdenken über Sterben, Tod und dem, was danach kommt, gegeben. 

Zur Erarbeitung des Themas Tod und Jenseitsvorstellungen in den verschiedenen Religionen stellt die Arbeitshilfe in einem umfangreichen Kapitel Material zur Bearbeitung in Kleingruppen bereit. In „Forscher-Stationen“ finden sich Briefe von fiktiven gleichaltrigen Kindern, die aus ihrer Religion über Erfahrungen im Umgang mit Tod, Bestattungsritualen und Jenseitskonzepten berichten, Worte aus den heiligen Schriften, Bilder, Gebete, Rituale und Symbole. Ergänzt werden sollen sie durch die Lehrenden um eine Kiste mit vorgegebenen Gegenständen zur Veranschaulichung des Berichteten. Den Abschluss der Reihe bildet die Präsentation der Arbeitsergebnisse aus allen Kleingruppen sowie eine Fülle von methodischen Ideen wie etwa einem interreligiösen Trauerkoffer, um den Lernenden die Möglichkeit zu geben, das Thema gut und versöhnlich in das eigene Leben zu integrieren.

Die Arbeitsmaterialien sind für den Unterricht zum interreligiösen Dialog und zum mehrperspektivischen religiösen Lernen sowohl im Hinblick auf die didaktischen Arbeitsmaterialien wie die didaktisch-methodischen Aufgabenstellungen vielseitig und abwechslungsreich, motivierend, zielführend und im Schwierigkeitsgrad angemessen herausfordernd. Zudem sind die Hefte graphisch aufwändig und ansprechend gestaltet. Insofern bieten sie auch für den konfessionellen Religionsunterricht eine ausgezeichnete Ergänzung zu den bestehenden Lehrwerken und können jedem Religionslehrenden empfohlen werden. 

Die Themenbände als einziges Unterrichtswerk einzusetzen, ist meines Erachtens problematisch, denn die gleichgeschaltete Mehrperspektivität überlässt die Schülerinnen und Schüler doch zu sehr sich selbst. Die Verfasserinnen und Verfasser weisen eingangs darauf hin, dass die Ausbildung religiöser Identität in der Verantwortung der Familie erfolgt und erfolgen muss. Das ist sicherlich im Prinzip richtig, doch gerät dabei aus dem Blick, dass dies inzwischen zunehmend weniger gelingt bzw. gar nicht mehr erfolgt, so dass die Lernenden im Religionsunterricht einer Orientierungshilfe für eine eigene religiöse Verortung bedürfen. Dafür müssen Religionslehrkräfte aus konfessioneller Perspektive Angebote machen und diese offen, transparent und engagiert begründen, so dass junge Menschen sich dazu reflektierend und prononciert positionieren können, um einen eigenen Standpunkt zu erproben und zu erwerben.

ID Interreligiös-dialogisches Lernen 1
Berlin: Cornelsen Schulbuchverlage (Kösel). 2014
144 Seiten m. farb. Abb.
19,99 €
ISBN 978-3-06-065318-8

 

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