Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung
Cover Martin Walser: Mein Jenseits

Kann eine Reliquie falsch sein?

Martin Walsers Novelle „Mein Jenseits“

In „Spaccanapoli“, der Altstadt von Neapel, sind atavistische Formen der Volksfrömmigkeit noch an allen Ecken und Enden zu greifen: Vor den Kirchen bieten Lohnbeterinnen ihre guten Dienste an. Das merkantile Krippenwesen ernährt die Bewohner ganzer Straßenzüge. An vielen Häusern findet man kleine geschmückte Hinterglasaltäre, die der Madonna, den armen Seelen im Fegefeuer oder den Heiligen gewidmet sind. Elektrische Feuerflammen, Plastikblumen und Fotografien verstorbener Familienangehöriger, die man dem Schutz und der Fürsprache eines Heiligen anempfiehlt, bilden Ensembles, die sich zu szenischen Andachtsbildern zusammenfügen.

An der Hauswand einer Espressobar entdeckten wir einen „Altar“ für Diego Maradona mit einem Foto des Fußballers, seinen Haaren, einer winzigen Vase mit neapolitanischen Tränen sowie einem Gebet an den hl. Gennaro. Ikonische Elemente, Gedächtnis, Reliquien, Opfer und Fürbitte treffen zusammen und variieren spielerisch die Authentizitätsforderungen, die man an einen regelgerechten Altar stellen muss. Dem Altärchen ist nämlich noch seine ganz eigene, ironische Note hinzugefügt worden: Ein Schild droht: „Wer nicht sofort in dem Cafe einen Espresso trinkt, dem fällt der Fotoapparat herunter!“, womit augenzwinkernd eine magische Macht ins Spiel gebracht wird, hinter der sich unschwer erkennbar der Espressobarbesitzer verbirgt.

» Alles nur ein frommer Fake? «

Susanne Nordhofen

Der hl. Gennaro, der Schutzpatron Neapels, versammelt alle Generationen und sozialen Schichten der Stadt zweimal im Jahr als Zeugen des Blutwunders um sich, wobei die Verflüssigung des Blutes die Fantasie immer wieder zu Spekulationen animiert. Wie macht „man“ das? Priesterbetrug und chemisch-physikalische Manipulationen werden unterstellt. Die aktuell immer wieder aufflammende Diskussion um die Echtheit des Turiner Grabtuches und des Schweißtuchs der Veronika werfen regelmäßig die Frage nach der Echtheit der Relikte auf. Können wir noch mit Andacht dorthin wallfahrten, wenn wir wissen, dass alles nur ein frommer Fake ist?

Die Frage „Kann eine Reliquie falsch sein?“, treibt auch die Hauptfigur der neuen Walsernovelle „Mein Jenseits“ um. Sie ist eine Variante der Kernfrage nach dem Verhältnis zwischen Glauben und Wissen: Wir glauben mehr als wir wissen (S. 58). Wir sind ein Echo von etwas, das wir nicht kennen (S. 68). Glaube heißt Berge besteigen, die es nicht gibt (S. 58).Glauben, was nicht ist, dass es sei (S.58).

Von der Lösung dieses Problems hängt für Augustinus Feinlein, dem Chefarzt der Psychiatrie , die in einem alten Prämonstratenserkloster am Bodensee untergebracht ist, das innere Überleben ab. Der Plot ist schnell erzählt: Feinlein ist seit Studientagen in Eva Maria verliebt; sie heiratet, obwohl sie seine Liebe erwidert, zweimal andere Männer, zuletzt den erbitterten Konkurrenten Feinleins um den Chefarztposten der Klinik. Das hindert sie jedoch nicht, ihm Postkarten mit der Unterschrift „In Liebe“ zu schicken. Da Feinlein gute Kontakte zum Küster der Kirche hat, in der eine Reliquie des hl. Blutes aufbewahrt wird, kann er das Heiligtum kurz vor der alljährlichen Prozession, dem „Blutritt“, entwenden. Er wird als Täter festgenommen und in seine eigene Anstalt eingewiesen.

Diesem „show-down“ geht eine längere Entwicklung voraus. Der Name der Geliebten Eva Maria – ohne Bindestrich – ist Programm: Er schlägt den Bogen von der sinnlichen Begierde (S. 68) hin zu einer religiös getönten Seelenerotik, die sich in einem subtilen Spiel von Entziehung und Zuwendung entfaltet. „Eva“ entzieht sich ihm physisch zwar als Frau, als „Maria“ spricht sie ihm jedoch ihre sublimierte Liebe zu. So zieht das ewig Weibliche auch ihn hinan. „In Liebe“ wird für Feinlein das Mantra einer anderen Wirklichkeit, die er mit „Mein Jenseits“ umschreibt und ersehnt. Dort kommt das Herz zur Ruhe, der erfüllte Augenblick regiert, das einschneidende Regelwerk der Wörtersprache ist aufgehoben. Nach und nach rückt an die Stelle der unerfüllten Liebessehnsucht die Sehnsucht nach einer Erfüllung durch einen religiösen Glauben, der die skeptische Vernunft in sich aufhebt: Es ist schön, etwas zu glauben. Auch wenn’s nie für lange gelingt. Manchmal nur eine Sekunde, und weniger als eine Sekunde. Aber eine Sekunde Glauben ist mit tausend Stunden Zweifel und Verzweiflung nicht zu hoch bezahlt. Glauben lernt man nur, wenn einem nichts anderes übrig bleibt. Aber dann schon. (S.113)

Um diesen Zustand zu erreichen, wendet Feinlein zunächst Kompensationskniffe an, um die Differenz zwischen Glauben und Wissen „operativ“ zu überbrücken: Romreisen, Kunstbetrachtung, Kirchenbesuche, Küsterdienst, Reliquienforschung. Er fliegt regelmäßig nach Rom (Rom ist mein Jenseits, S. 36), um in der Kirche San Agostino ein Bild Caravaggios und das Grab der Mutter des Augustinus, der hl. Monika, zu besuchen, dabei innerlich aufzutanken und seinen Schönheitsdurst zu stillen. Ausführlich wird das Gemälde Caravaggios beschrieben. Im Fokus stehen dabei die Füße der abgebildeten Personen. Während die rosigen Füße der Madonna zwischen Himmel und Erde zu schweben scheinen, zeugen die Fußsohlen der Betenden von Erdenschwere und irdischer Mühsal.

» Wenn es um Glaubensdinge geht, versagt die Wörtersprache. «

Susanne Nordhofen

Die huldvoll zugewandte Geste der Madonna findet ihr Äquivalent in der inbrünstigen Verehrung des gläubigen Paares. (S. 32) Wie die Madonna und ihr Kind in wunderbarer, aber ganz anstrengungsloser Teilnahme hinabschauen auf die zwei Pilger, denen alles in der Welt zur Anstrengung oder gar zur Überanstrengung wird. Auch die Anbetung.

Diese Anstrengung des Glaubens ist es, die Feinlein interessiert, weil er sich selbst in der abgebildeten Situation wiederfindet. Er saugt die Schönheit des Bildes förmlich in sich auf: Das Jenseits muss schön sein. Sonst kannst du es gleich vergessen. Nur wenn es so schön erschein wie in der Basilika, füllt es dich aus bis zur Fraglosigkeit. Aber dass es so schön ist, setzt voraus, dass es so stimmt. Caravaggio soll, bevor er das Bild gemalt hat, als Pilger in Loreto gewesen sein. (S. 32f.)

Rom bietet ihm die ästhetische Rechtfertigung des Glaubens in der Kunst, aber nur, wenn sie das Wahre, Schöne, Gute in sich vereint. Schönheit ist, ganz platonisch gedacht, ein Indikator für die Idee der Wahrheit, die an oberster Stelle im Ideenhimmel angesiedelt ist. Das Verhältnis zwischen Glauben und Wissen findet seine Entsprechung in der Frage nach der Wahrheit der Kunst und der Frage nach der Echtheit von Reliquien. Und so ist es nur folgerichtig, wenn Feinlein vor der Kirche seine Schuhe auszieht, denn dort ist für ihn heiliger Boden, weil seine Sehnsucht nunmehr kein Ziel außer ihrer selbst hat.

In der Atmosphäre der heimatlichen Stiftskirche kann er seiner Blankosehnsucht den nötigen Raum geben. Dort überfällt ihn die Idee, nach seiner Pensionierung Nachfolger des Küsters zu werden. Dieser Wunsch resultiert letztlich aus dem Unbehagen an der Sprache. Wenn es um Glaubensdinge geht, versagt die Wörtersprache. Diese schmerzliche Erfahrung hat auch schon sein Vorfahre, ein Klosterabt, machen müssen: Sein Fehler: Wörter zu suchen für ein Glaubensgefühl. Solange er nicht von seinem Glauben rede, fühle er sich erfüllt. Unwillkürlich. Die Wörter seien inzwischen in Schulen gegangen, in denen das Glaubenkönnen abgeschafft worden ist. Aber Glauben und Unglauben seien kein Gegensatz, sondern ein Vorgang, eine Bewegung, die nicht aufhören dürfe. Das unaufhörliche Hin- und Her zwischen Glaubenwollen und Nichtglaubenkönnen verantwortet der, dem es passiert. Der Wissende hat sein Wissen immer von einem anderen. Auf den kann er sich berufen. Der Glaubende, ob er glaubt oder nicht glaubt, er beruft sich auf sich selber. Ihm, schreibt er, tun die Wörter weh. Und schließt: Wir glauben mehr als wir wissen (S. 58).

» Er sieht sich als Märtyrer seiner Überzeugung. «

Susanne Nordhofen

In der analytischen Philosophie Wittgensteins muss alles, was sich sagen lässt, sich klar sagen lassen. Wittgenstein hat dafür das Bild einer Insel gefunden. Die Küstenlinie einer Insel wird durch das, was sich klar sagen lässt, bezeichnet. Das Interessante ist jedoch der Ozean, also das, was in der diskursiven Begrifflichkeit nicht aufgeht. Freiheit, Seele, Unsterblichkeit sind empirisch nicht zu fassen und gehen nicht in Begriffen auf. Indem man andere, nicht wörtersprachliche Darstellungsformen sucht, orientiert man sich im transzendenten Raum. Daher ist Feinlein von den gemessenen, genau festgelegten Gesten und Bewegungen des Küsters fasziniert. Kniebeugen, Bekreuzigungen, Gebetshaltungen sind rituelle Formen des Handlungssprechens, Alteritätsmarkierungen, die vom Heiligen künden, ohne es zu zerreden. Sie eröffnen dem einzelnen Gläubigen durch ihre Formelhaftigkeit und Wiederholung die Chance, das je Individuelle in sie einzutragen, ohne sich diskursiv rechtfertigen zu müssen. Diese erfüllte Form ist für den Protagonisten wie ein Vorschein seines „Jenseits“, in dem Glauben und Wissen zusammenfallen. Aber eben nur ein Vorschein, denn am Ende will er es genau wissen. Ein Test soll die Wahrheit erzwingen.

Zu diesem Zweck stiehlt er – wiederum barfüßig – die Heilig-Blutreliquie, die auf verschlungenen Pfaden und legendenumrankt im Kloster Weißenburg angekommen ist. Er ist von der Legitimität seines Handelns tief durchdrungen, weil er einerseits die Reliquie „retten“, andererseits auch eine Entscheidung zwischen Glauben und Wissen provozieren will: Jetzt drohte der Reliquie längst eine viel höhere Gefahr. Die herablassende Duldung, mit der die Gebildeten, egal ob kirchlich oder weltlich, die Reliquie als ein Relikt behandelten, das nur noch Peinlichkeit bereitet, wann immer es irgendwo genannt werden muss. Für Theologen eine Torheit, für den aufgeklärten Zeitgenossen ein Ärgernis. Das bisschen narrative Theologie klingt nach Fremdenverkehrprospekt. (S. 104)

Was würde passieren, wenn die Reliquie verschwunden wäre? Mehrere Hypothesen sind vorstellbar: Wenn der Blutritt nicht stattfände, hielten die Priester die Reliquie für echt. Glaube und Wissen fielen zusammen. Fände er aber mit einer nicht als Ersatz deklarierten Monstranz statt, wäre der Blutritt ein zynischer Priesterbetrug, höchstens noch ein folkloristisches Spektakel. Dann wäre es eine ausgemachte Sache, dass der Bischof am Festtag in der Kirche predigte, woran er selbst nicht glauben würde, was aber das gläubige Volk glauben soll. (S. 106). Fände der Blutritt mit einer deklarierten Ersatzmonstranz statt und die Gläubigen nähmen trotzdem an der Prozession teil, dann wäre der Beweis erbracht, dass es vielmehr auf ihren Glauben ankäme als auf die historisch- materielle Echtheit des Dinges. Gesetzten Falles, die Hl. Blut-Reliquie bliebe verschollen, würden die Gläubigen an den Fake genauso glauben wie ans Original. Die Richtigkeit dieser Hypothese soll durch das Verschwinden der Reliquie erzwungen werden. Das hieße dann, dass die Wahrheit im Auge des Betrachters liegen würde, weil der Glaube die Reliquie mit Heiligkeit imprägniert hätte. Das wäre eine avancierte Form religiöser Praxis, in der Wissen und Glauben aufgehoben wären, obwohl die Heiligkeit praktisch eine selbst gemachte ist: Der Glaube der Gläubigen macht jeden verehrten Gegenstand zu einem Heiligtum. Den zehn- oder zwanzigtausend Gläubigen muss gesagt werden, dass sie es sind, die die Wunder wirken. Schluss mit dem scheinheiligen Beweisenwollen. (S. 111f.)

Gerade diesen Beweis will Feinlein aber auf empirischem Wege führen, und so fällt er am Schluss in den alten Kategorienfehler zurück. Können Reliquien falsch sein? Reliquien können zwar echt oder unecht, aber niemals falsch sein. Aber diese Weisheit will niemand hören. Er sieht sich als Märtyrer seiner Überzeugung. In den Augen der anderen macht sich der feine Augustinus zum dummen August, weil er seine skurrilen Anwandlungen niemandem mehr verständlich machen kann.

Wir müssen nicht unterstellen, dass Süditaliener weniger aufgeklärt wären als Nordeuropäer, nur weil sie nicht alle Phänomene über den Leisten einer vermeintlichen Aufklärung schlagen. In einer sehr speziellen dialektischen Mischung müssen sich in Neapel magischer Aberglaube, elementare Religiosität und Rationalität logisch nicht widersprechen. Es sind verschiedene Semantisierungsebenen und Geltungsbereiche, die nebeneinander bestehen können, ohne den Verstand zu beleidigen, wenn man nicht den Fehler macht, empirische Kategorien auf Nichtempirisches auszudehnen.

Ebenso ist eine Novelle kein theologischer Traktat. Sie will nichts beweisen, keine Theorie bebildern. Das wäre ein kategoriales Missverständnis. Der Text ist aber dadurch interessant, weil er wiederum mehr ist als ein ironischer Blick des Autors auf die Triebsublimation eines Seelenarztes alter Schule, die Abseitigkeiten missverständlichen Reliquienkultes und die Entlarvung des Priesterbetruges. Er führt uns die Bewegung einer sehr widersprüchlichen Sinnsuche exemplarisch vor. Der Glaube als solcher stellt durchaus eine mögliche Option für ein gelingendes Leben dar und wird nicht von vornherein als Projektion des Über-Ichs diffamiert, wie es vielleicht nahegelegen hätte, wenn man sich schon einen Psychiater als Romanfigur auswählt. Walser findet für diese Option das Bild von der Wand, an der man entlanggeht und denkt, wenn sie aufhörte, begänne erst das wahre Leben. Am Ende stellt sich heraus, dass das Leben diese Wand schon war. Woher weiß er das? Eine wahrhaft kafkaeske Situation.