Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Abdel-Hakim Ourghi: Die Juden im Koran

Antisemitismus ist weltweit und in der deutschen Gesellschaft ein Problem, das in den letzten Jahren sich noch verstärkt hat. Gerade im Zuge der Coronapandemie sind wieder Verschwörungstheorien en vogue geworden, die ganz klar antisemitisch konnotiert sind. Aber auch der Antisemitismus von Menschen mit Migrationsbezug aus muslimischen Sozialisationskontexten ist in den letzten Jahren in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung gerückt. Der Freiburger islamische Theologe Abdel-Hakim Ourghi hat sich nun mit seinem Buch „Der Koran und die Juden – Ein Zerrbild mit fatalen Folgen“ der Aufgabe gestellt, die theologischen Wurzeln und Grundlagen des muslimisch geprägten Antisemitismus herauszuarbeiten.

Der Ausgangspunkt seines Buches ist die eigene Biografie. In der Einführung erzählt Ourghi von seiner Sozialisation in Algerien, die sowohl staatlicherseits wie auch religiös von Freund-Feind-Unterscheidungen geprägt war. Das Judentum galt dabei durchaus im Sinne von Carl Schmitt als fast metaphysischer Gegenpart zum Islam. Als er dann zum Studium nach Deutschland kam und sich mit der Shoah beschäftigte, änderte sich seine durch Erziehung erworbene Haltung zum Judentum. Zugleich wurde die Auseinandersetzung mit dem Holocaust zum Anstoß, sich im Rekurs auf den Koran und seinen Aussagen zu den Juden theologisch mit dem Thema zu befassen.

In insgesamt 11 Kapiteln zeigt Ourghi dann auf, wie in der muslimischen Gemeinschaft heute eine Erinnerungskultur gestiftet wurde, die einen Mythos von einem friedlichen und toleranten Islam pflegt, der wertschätzend mit Menschen anderen Glaubens umgeht. Dafür wird Andalusien als zentrales Paradigma herangezogen, wo unter muslimischer Herrschaft Juden, Christen und Muslime in Eintracht miteinander gelebt und geforscht haben. Ourghi kritisiert im Rekurs auf Jan Assmann diese Erinnerungskultur, weil sie als „Gegenerinnerung“ (Assmann) viele negative Aspekte unterdrückt sowie die schon immer bestehende Ablehnung von Juden nicht wahrhaben will. Der Kern des Problems, so der islamische Theologe, liegt letztendlich im Koran selbst, der gerade in den Suren, die in Medina geoffenbart wurden, ein äußerst negatives Bild des Judentums überliefert. Weil der Koran die wahre Offenbarung Gottes an die Menschen sei, müssen Muslime diese Aussagen wörtlich nehmen.

Ourghi unterstreicht seine These in einer ausführlichen Darstellung der Passagen im Koran, die sich negativ über Juden äußern. Erkenntnisleitend ist dabei seine schon in vorherigen Publikationen dargestellte Unterscheidung zwischen einem ethischen und politisch-juristischen Koran. Dabei nimmt er einen Bruch im Koran selbst wahr, weil die Suren, die in Mekka geoffenbart wurden (ethischer Koran) und für ihn Offenbarungsqualität haben, und die Suren, die Mohammad in Medina empfangen hat (politisch-juristischer Koran), von ihren Zielrichtungen nicht kompatibel sind. Ourghi ist der Auffassung, dass die mekkanischen Suren vor allem spirituelle Qualität haben, die Muhammad als Propheten und damit als Überbringer des göttlichen Wortes in den Mittelpunkt stellen. In den medinensischen Suren dagegen wird eine staatliche Ordnung unter der Führung Muhammads propagiert, die einen Superioritätsanspruch gegenüber allen anderen Gesellschaften erhebt. Da die Juden nach Auffassung Ourghis diesen Anspruch ablehnen, werden sie fast ausschließlich in den medinensischen Suren negativ dargestellt.

Der muslimische Theologe führt seine Thesen in den folgenden Kapiteln weiter aus, indem er in einer historischen Perspektive auf Judenverfolgungen und Ausgrenzungen verweist, die nach dem Tod Muhammads in der islamischen Geschichte stattfanden. Am Schluss seines Buches plädiert er zum einen dafür, dass sich die muslimische Gemeinschaft mit den judenfeindlichen Aussagen des politisch-juristischen Korans intensiv auseinandersetzt. Zum anderen verweist er darauf, dass er seit 2022 mit seinen Studierenden nach Israel fährt, damit sie in den Austausch mit Jüdinnen und Juden kommen und auf diese Weise ihre Vorbehalte abbauen.

Die Frage, ob der Antisemitismus, der von Muslimen ausgeht, eine theologische Grundlage hat, ist erst einmal ein legitimes Ansinnen. Mit ihr haben sich ja auch Walter Homolka und Mouhanad Khorchide in ihrem Buch „Umdenken! Wie Islam und Judentum unsere Gesellschaft besser machen“ auseinandergesetzt. Leider sind die Antworten, die das Buch von Abdel-Hakim Ourghi auf diese Frage gibt, nur sehr eingeschränkt nachvollziehbar. Wie schon Ednan Aslan in seinem Aufsatz „Die Juden des Korans“ (Zeitschrift für Religionspädagogik, 18. Jahrgang, Heft 1) aufgezeigt hat, geht es im Koran gar nicht um die Juden und das Judentum allgemein. Es geht vielmehr um Erfahrungen, die Muhammad mit den Juden und den jüdischen Stämmen gemacht hat, mit denen er zu tun hatte. Diese Erfahrungen sind durchaus ambivalent, von daher sind die Aussagen im Koran auch widersprüchlich, von sehr wertschätzend bis ablehnend, und müssen aus dem jeweiligen Kontext erschlossen werden. Sie können deshalb nicht als generelle Ablehnung des Judentums verstanden werden. Indem Ourghi aber genau darauf abzielt und keine kontextuelle Hermeneutik entwickelt, gibt er letztendlich denjenigen Muslimen recht, die die ablehnenden Aussagen kontextlos aufgreifen und als generellen Antijudaismus deuten, der göttlich legitimiert ist. Für seinen Ansatz, dass der Koran selbst schon antijüdisch ist, zitiert er zum Teil Literatur, die von Autoren verfasst sind, die der Verschwörungsszene angehören, bei AfD-Veranstaltungen auftreten oder wenig Resonanz in der Fachwelt haben.

Weiterhin ist seine erkenntnisleitende Unterscheidung von einem Bruch im Koran selbst, der sich darin zeigt, dass die mekkanischen Suren göttliche Offenbarungsqualität haben (ethischer Koran), weil sie spiritueller Natur sind, und die medinensischen profaner Natur sind (politisch-juristischer Koran), weil sie Muhammads Vorrangstellung als Staatslenker untermauern, in der Forschung hochumstritten. Allein die Zuordnung von Suren, die in Mekka und in Medina geoffenbart wurden, wird im wissenschaftlichen Diskurs immer noch kontrovers diskutiert. Weiterhin wird in der Forschung weitgehend Ourghis These abgelehnt, dass es einen göttlich inspirierten Teil des Korans gibt (Mekka), der andere Teil aber rein menschlich sei (Medina) und von daher nicht zum Offenbarungsgut gehöre.

Schließlich hat Michael Kiefer in der Frankfurter Rundschau vom 6. Januar 2019 darauf hingewiesen, dass Ourghis Thesen zum muslimischen Antisemitismus historisch oft nicht haltbar sind. Antisemitismus im muslimischen Kontext rekurriert vor allem auf Dokumente und Schriften, die in Europa entstanden sind. Ebenfalls stört sich Kiefer an den pauschalisierenden und essentialistischen Aussagen Ourghis über „die Muslime“. Der islamische Theologe weigert sich im Endeffekt, die Heterogenität innerhalb des Islam wahrzunehmen und den damit verbundenen unterschiedlichen Blick auf Menschen jüdischen Glaubens. Letztlich, indem er auf seine eigene Biografie rekurriert, setzt er sich Pars pro toto.

Weiterhin verschweigt Ourghi, dass es neben seinen Aktivitäten schon seit längerer Zeit Gruppierungen und Einzelpersonen gibt, die den Antisemitismus im muslimischen Kontext aufgreifen und bearbeiten. So hat z.B. die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus dafür die Buber-Rosenzweig-Medaille bekommen. Aber auch Vereine, wie z.B. Begegnen e.V., oder der Pädagoge Burak Yilmaz sind seit einigen Jahren erfolgreich unterwegs und bringen durch Fahrten und Projekte junge Muslime und Juden zusammen.

Zum Schluss noch eine kritische Bemerkung dem Verlag gegenüber: Ein gutes Lektorat hätte das Buch straffen können, indem es die vielen redundanten Aussagen gestrichen hätte.

Ein Zerrbild mit fatalen Folgen
München: Claudius Verlag. 2023
261 Seiten
26,00 €
ISBN 978-532-62888-1

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