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Alf und Thomas Bayrle: Seniorenfeier
Im zweiten Quartal diesen Jahres richtete das Museum Wiesbaden eine „Seniorenfeier“ aus: Der eine Senior, Thomas Bayrle (geb. 1937), war 1966 noch ein Junior, als eine seiner ersten Ausstellungen am gleichen Ort stattfand; der andere Senior ist sein Vater Alf Bayrle (1900-1982). Ganz unterschiedlich ist beider künstlerischer Werdegang: Während der Vater an der Akademie u.a. bei Franz von Stuck studierte und seine Karriere als Maler nach dem Zweiten Weltkrieg versandete, absolvierte der Sohn nach einer Ausbildung zum Weber ein Studium an der Werkkunstschule in Offenbach, wurde durch seine Professur an der Städelschule von 1975 bis 2005 zu einem einflussreichen local guy und erwarb sich durch Ausstellungen, u.a. bei der Documenta 13 (2012), internationale Reputation.
Thomas Bayrle interessiert sich – was mit den Webstühlen aus seinem Ausbildungsbetrieb zusammenhängen mag – für eine Ästhetik maschineller Produktion. In formaler Hinsicht lässt sich sein Werk mit Vokabeln wie Raster, Muster, Rhythmus, modern: Modul, beschreiben. Damit aufs Engste verknüpft ist sein thematisches Anliegen, das Verhältnis von Individuum und Masse. Beispielhaft steht dafür die Arbeit „Super Colgate“ (1965), die bereits vor 50 Jahren in Wiesbaden zu sehen war: Wird die grellfarbene motorbetriebene Bildmaschine in Gang gesetzt, bewegen in Reih und Glied angeordnete Kinder auf Befehl eines glatzköpfigen Vorputzers ihre Zahnbürsten hin und her – was unweigerlich ein Schmunzeln des Betrachters hervorruft. Ein eher melancholischer Humor ist dem Bild „Einsamkeit im Hemdenparadies“ (1970) eigen: Es zeigt ein Paar, das aus einer Unmenge kunstvoll verformter Hemden besteht; gehen beide in ihrer Tätigkeit auf, in großer Menge Hemden zu verkaufen? Die gleiche Frage wird von Bayrles Autobahnbildern aufgeworfen: Der einzelne Motorist fährt auf der Autobahn wie auf einem maschinellen Band. Und doch, so der Künstler, bleibt die Individualität erhalten: Denn kein Modul gleicht dem anderen absolut; außerdem können die Fahrer die Autobahn verlassen und zu ihrem angestrebten Zielort fahren. Er selbst sei, so Bayrle, kein Mensch des Entweder-oder, sondern vielmehr des Sowohl-als-auch. So habe erst die Massenproduktion und -distribution unseren individuellen Wohlstand ermöglicht; seine Eigenständigkeit indes muss jeder selbst bewahren.
Thomas Bayrle hat vielfach seine technischen Module mit der christlichen Ikonographie verknüpft, wie beispielsweise die ganz aus Mercedesautomobilen gebildete Madonna oder der zarte Kreuzweg in der Josefskirche in Frankfurt (2013) belegen. Im Museum hat die „Madonna Mercedes“ (1989) einen überraschenden Effekt; doch worin bestünde, würde sie Bestandteil einer Kirchenausstattung werden, der Gewinn für einen Gläubigen?
Der etwas unübersichtliche Katalog wirkt wie mit der heißen Nadel gestrickt: Es fehlt ein Inhaltsverzeichnis und das Abbildungsverzeichnis muss man erst einmal finden. Lediglich ein instruktiver Text des Kurators Jörg Daur führt in die Bildwelt von Thomas Bayrle ein. Die zahlreichen Zeichnungen dokumentieren, mit welcher Kunstfertigkeit die Werke entstanden sind. Dennoch: Wer die Ausstellung der beiden Senioren Alf und Thomas Bayrle verpasst hat, bekommt beim Durchblättern des Katalogs den Eindruck, dass es wirklich etwas zu feiern gab.
Köln: Buchhandlung Walter König. 2016
232 Seiten m. vielen meist farb. Abb.
34,00 €
ISBN 978-3-86335-904-1
