Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Amy-Jill Levine / Marc Zvi Brettler: Hebräische Bibel und Altes Testament

Das Buch von Amy-Jill Levine und Marc Zvi Brettler „Hebräische Bibel und Altes Testament – Warum Juden und Christen Texte unterschiedlich lesen“ führt ein in die Welt der Bibel – aber in welche? Völlig zu Recht eröffnen beide ihr Werk mit grundsätzlichen Klärungen und Fragestellungen. Was heißt es, Bibel zu lesen? Was ist eigentlich die Bibel, wie funktioniert Auslegung und was bedeutet es, wenn sie in einer spezifischen Gemeinschaft erfolgt? Gibt es jüdische und christliche Bibeln? Hier finden Lesende eine bibelhermeneutische Grundlegung, die viele Erkenntnisse der vergangenen Jahrzehnte bündelt und zugleich die amerikanisch(-jüdische) Perspektive durchscheinen lässt, die im Buch immer mal wieder aufblitzt und eine Bereicherung der genuin deutschsprachigen Darstellungen sein kann. Vielleicht wäre eine direktere Übertragung des Originaltitels „The Bible With and Without Jesus“ deshalb sogar frischer und passender gewesen. Gemeinsam mit dem Vorwort der Übersetzer der deutschen Ausgabe, in dem wichtige Begriffe und Phänomene stringent wie übersichtlich erklärt und definiert werden (etwa Hebräische Bibel/Altes Testament, Qumran, Mischna und Talmud), entsteht eine Art bibelhermeneutischer Grundkurs. Auf diese Grundlegung folgt ein Durchgang durch ausgewählte Themenkomplexe, in denen die wechselseitige Anschlussfähigkeit der verschiedenen Lesarten herausgearbeitet wird. So erschließt sich eine große Breite biblischer Sinnhorizonte.

Es sind nicht immer konkrete biblische Perikopen, die in den einzelnen Kapiteln präsentiert und besprochen werden. Mitunter werden auch Themen, die in der Auslegungsgeschichte und besonders mit Blick auf ihr christologisches Potential eine gewisse Brisanz entwickelt haben, durch verschiedene biblische Bücher hindurch entwickelt. Das zweite Kapitel „Problem und Verheißung der Prophetie“ stellt sich einem ganz grundlegenden Problem christlicher Bibelhermeneutik und schlägt so nochmal eine Brücke in den Eröffnungsteil. Es schließen sich Themenkapitel in folgender Reihung an: „Die Weltschöpfung“, „Adam und Eva“, „Du bist Priester in Ewigkeit“, „‚Auge um Auge‘ und ,Die andere Wange hinhalten‘“, „,Trinkt mein Blut‘: Opfer und Sühne“, „Eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären“, „Jesajas leidender Gottesknecht“, „Das Zeichen des Jona“, „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ und „Menschensohn“. Ein abschließendes Kapitel („Fazit: Von der Polemik zur Chance“) wirbt für eine gegenseitige Bereicherung jüdischer und christlicher Zugänge zur Bibel. Das Vorgehen in den einzelnen Kapiteln folgt keinem festen Raster, sondern ergibt sich recht schlüssig aus der Natur des jeweiligen Themas.

Beispielhaft sei das Kapitel „Adam und Eva“ (109-146) vorgestellt. Es erfolgt zunächst ein Kurzkommentar zur Paradieserzählung in Gen 2-3, der historische Einordnung ebenso bietet wie Seitenblicke in die (griechische) Septuaginta-Tradition und Überlegungen zur für diesen Textbereich so wichtigen Geschlechteranthropologie. Weitere Abschnitte fokussieren den „Garten Eden“ und den „Verzehr der verbotenen Frucht“ und zeigen zudem Verbindungslinien zu anderen biblischen Texten auf. Auf die biblischen Betrachtungen folgen Nachzeichnungen der verschiedenen Wirkungsgeschichte: Es geht (recht knapp) um „Die christliche Vorstellung von der Erbsünde“ und (eher ausführlich) um die „spätere jüdische Tradition“. Das Kapitel endet mit einer Diskussion verschiedener Umgangsstrategien mit der biblischen Vielstimmigkeit, die man biblizistisch harmonisieren kann – oder konstruktiv annehmen bzw. historisch-kritisch (mit Hilfe der Quellenscheidung) erklären.

Obwohl sich unter den gewählten Themen auch Erwartbares findet, hebt sich der Ansatz von Levine und Brettler von ähnlichen Publikationen ab. Die Behandlung der einzelnen Themen erfolgt ausführlich. Entwicklungen werden wirklich nacherzählt, historische und aktuelle Zugänge miteinander verbunden und stehen nicht einfach nebeneinander. Bekanntes erscheint so in einem neuen Kontext, neue Einsichten brechen dazwischen hervor. Der Band sucht weniger die Profilierung jüdischer oder christlicher Leseweisen, sondern erschließt Potentiale für eine gegenseitige Bereicherung. Dabei werden allerdings, zugunsten einer klaren Didaktik, manche Ambivalenzen und Schwierigkeiten weniger deutlich herausgearbeitet.

Die hermeneutischen Einführungen, die linguistischen Erläuterungen und eine Sprache, die auch ohne größeres Vorwissen verstanden werden kann, machen das Werk zu einem geeigneten und empfehlenswerten Studienbuch. Ein Nachschlagewerk zu einzelnen Themen ist es aufgrund seiner vielfach überraschenden Struktur und wegen des weniger systematischen Ansatzes eher nicht. Wer sich auf den Band einlässt, profitiert von der jahrzehntelangen wissenschaftlichen und didaktischen Erfahrung zweier profilierter Köpfe aus der Bibelwissenschaft und wird Chancen der jeweils „anderen“ Auslegungstradition noch stärker schätzen lernen.

Warum Juden und Christen die gleichen Texte unterschiedlich lesen
Aus dem Englischen von Claus-Jürgen Thornton
Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft. 2024
494 Seiten
58,00 €
ISBN 978-3-438-05494-4

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