Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Andreas Schüle: Das Jesajabuch heute lesen

Wenn doch alle exegetischen Kommentare so wären! Dieses Lesefazit soll diese Rezension einleiten und die abschließende Beurteilung vorwegnehmen. Dem Autor Andreas Schüle gelingt mit seiner Jesajakommentierung die Quadratur des Kreises, indem er einen wissenschaftlich-aktuellen UND verständlichen Kommentar zu Jesaja vorlegt. Dieses hochkomplexe atl. Prophetenbuch, das zu den „höchsten Bergen des AT“ (14) gehört, in verständlicher und zudem wissenschaftlich aktueller und angemessener Weise zu kommentieren, ist eine literarische und theologische Glanzleistung. Jede Leserin und jeder Leser erhält Einblick in die geschichtlichen Hintergründe des Jesajabuches, in die Textproduktion und komplexen Überarbeitungen bzw. Erweiterungen. Zentrale theologische Inhalte werden ebenso vermittelt wie Aspekte, was biblische Prophetie ausmacht. Aber nun der Reihe nach!

Im Vorwort gibt Andreas Schüle sachlich und persönlich Einblick in seine Kommentierung des Jesajabuches, die auch dialogisch mit seinen Studierenden, den Kolleginnen und Kollegen sowie Mitarbeitenden an der Universität in Leipzig entstanden ist. In einem einleitenden Kapitel greift der Autor sechs Punkte der klassischen Einleitungsfragen auf: Er stellt den unbekannten Propheten vor (1.), Jesaja und das Jesajabuch (2.), Theorien (von der Theorie über Proto-, Deutero-, Tritojesaja bis hin zu synchron-thematisch orientierten Ansätzen heute) über die Buchentstehung (3.), die Biographie des Jesajabuches (4.) sowie des Buchs und seiner Ausgaben (5.) und schließlich die Buchwerdung und -wirkung (6.).

Die Worte Jesajas sind Gegenstand des zweiten großen Abschnitts, in der es um Zeit und Ort, Höflinge und Aufsteiger, prophetische Passion, die politische Situation Judas, prophetische Warnungen für die Gegenwart, Jesaja und Hiskija, das drohende Unheil und Erbe Jesajas geht. Im nächsten Kapitel wird das Zeugnis der Schüler Jesajas vorgestellt: die versiegelte Schriftrolle, der Berufungsbericht, die Immanuelschrift, der angekündigte Friedensfürst, die Wehe-Sprüche und das Kehrversgedicht. Zentrale Aspekte der prophetischen Verkündigung werden vorgestellt. In den beiden folgenden Kapitel wird Jesaja als Geschichtsbuch und Nekrolog des assyrischen Zeitalters präsentiert als auch das babylonische Zeitalter in den Blick genommen. Zwei weitere Kapitel widmen sich im Überblick den späteren Überarbeitungsschichten und Texten des Jesajabuches: Im Abschnitt „Das alte Jesajabuch und die Prophetie des Neuen“ werden Texte und Überarbeitungen der älteren Jesajateile betrachtet, die während des Exils entstanden sind, während der vorletzte Abschnitt das Sektenbuch in den Blick nimmt.

Die Abschlussreflexionen greifen rote Fäden auf, die sich durch das gesamte Buch ziehen und es lesenswert und herausfordernd machen: Es geht um die unerhörte Gottesrede, die sich im Anspruch prophetischer Rede äußert; Prophetie ist vor allem reales, gegenwärtiges Wort Gottes und „verbum externum“, Offenbarungswort an den Propheten, nicht ein Wort der Vergangenheit und erst recht keine Zukunftsprognose. Gerade die Gottesfrage in der prophetischen Verkündigung, ihr Gelingen und Misslingen, die der Autor immer wieder thematisiert, machen den Kommentar auch zu einer geistlich tiefen Lektüre, die Wissenschaft und Spiritualität miteinander sachlich-reflektiert verbindet. Die Collagen des Leipziger Künstlers Heinrich Mauersberger sind dazu eine gute Hilfe. Zudem werden abschließend die schwierigen Themen Hölle, Strafe und neue Welt thematisiert.

Das Buch ist durch das angefügte Glossar, eine Geschichtstabelle und Literaturempfehlungen leserfreundlich und durch die Einfügung farblicher Bildtafeln (Edward Hicks: Peaceable Kingdom; Collagen des Leipziger Künstlers Heinrich Mauersberger) gestaltet. Der Autor empfiehlt, seinen Kommentar zusammen mit einer Bibelausgabe zu lesen. Diesem Rat würde ich die Lektüre des Exkurses zu Buchrollen und Bibliotheken anschließen; die antike Buchproduktion lässt die Komplexität des Wachstumsprozesses des Jesajabuches erst richtig verstehen. Man wünscht sich mehr dieser gelungenen Kommentare!

Zürich: Theologischer Verlag Zürich 2023
130 Seiten m. farb. Abb.
22,80 €
ISBN 978-3-290-18573-2

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