Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Anita und Günter Lichtenstein Stiftung (Hg.): Michael Morgner. Existenzbilder

Der Zeichner, Grafiker, Maler, Stahlbildhauer und einstige Aktionskünstler Michael Morgner kann auf ein reiches und vielfältiges Werk zurückblicken. Er bekam mehrfach wichtige Preise wie den Kunstpreis zu Ehren von Karl Schmidt-Rottluff. Anlässlich seines 80. Geburtstags wurde er 2022 u.a. mit einer fulminanten Retrospektive der Kunstsammlungen Chemnitz und einem opulenten Werkverzeichnis seiner Bilder und Plastiken gewürdigt (s. https://www.eulenfisch.de/literatur/literaturmagazin/literaturmagazin-01-2023/#tab-3 ). In diesen Kontext gehört auch das von der „Anita und Günter Lichtenstein Stiftung“ (Göpfersdorf) herausgegebene Buch.

Das Ehepaar Lichtenstein hat die bedeutendste private Sammlung moderner mitteldeutscher Kunst zusammengetragen; sie umfasst etwa 10.000 Zeichnungen, Grafiken und Gemälde, die auf der Website https://www.lichtenstein-stiftung.de/ eingesehen werden können. Darunter befinden sich etwa 280 Werke Morgners; davon sind 100 – zwischen 1967 und 2019 entstandene – Arbeiten im vorliegenden Band abgebildet. Hinzu kommen ein persönlicher Beitrag von Günter Lichtenstein über seine Freundschaft zum Künstler (5 f) sowie eine kundige Einführung von Britta Milde in dessen Werk (7-13); Übersichten zu Biografie und Ausstellungen runden das sorgfältig edierte Kunstbuch ab.

Bereits als Student wusste er: „Es darf nicht aussehen wie DDR-Kunst“ – und wollte „etwas Neues machen, was es in der Kunst noch nicht gab“. Tatsächlich hat Morgner peu à peu ein unverwechselbares Figurenvokabular entwickelt und ungewöhnliche künstlerische Techniken erprobt. Sein Figurenvokabular besteht zum einen aus anthropomorphen Gestalten wie dem (aufrecht) „Schreitenden“ und – als Gegenfigur – der (geduckten) „Angstfigur“; es gibt „Schwebende“, „Aufsteigende“, „Fallende“, „Gekreuzigte“ und Totenköpfe. Britta Milde beschreibt sie als „lineare Gerüste aus Sehnen und Knochen“ (7). Ergänzt werden diese um geometrische Figuren wie Dreieck, Kreuz und Pfeil sowie Buchstaben wie A, Z, KZ oder Ecce homo. Diese Formen erzählen keine Geschichten, es sind vielmehr Chiffren bzw. Sinnbilder menschlicher Grundsituationen. – Morgners Bildwerke sind weder gegenständlich noch ungegenständlich, sondern bewegen sich zwischen Figuration und Abstraktion.

Eine seit 1977 praktizierte Technik ist die Lavage, die sich einer zufälligen Entdeckung verdankt: Eine ins Meer geworfene und wieder angeschwemmte Tuschzeichnung wies nach der Trocknung bizarre Formen in unzähligen Grau- und Schwarzabstufungen auf. Die Lavage ist ein Verfahren, bei dem mit einem Wasserstrahl die auf dickem Papier aufgetragene Tusche ausgewaschen wird; das eingefärbte getrocknete Papier bildet – ähnlich einem Palimpsest – die Vorgabe für die weitere gezielte Gestaltung. – Morgners Bildwerke bewegen sich zwischen Zufall und künstlerischer Intervention.

Immer wieder variiert er ein Leitmotiv, auf das der Buchtitel „Existenzbilder“ anspielt: die Verletzlichkeit unserer menschlichen Existenz. Morgner wurde von schwerer Krankheit getroffen und hat den Verlust geliebter Menschen erlitten. Er hatte die Kraft, dem Tod seiner 1986 an Krebs verstorbenen ersten Frau in eindringlichen Arbeiten künstlerischen Ausdruck zu geben (s. 100). In einem Gespräch stellt er 2012 heraus: „Der Tod ist mir sehr nahegekommen. Das hinterlässt Spuren, für die ich intuitiv Formen finde, die mich selbst oft überraschen. Sie sind der Grundton meiner Arbeit geworden.“

Die Fragilität menschlichen Daseins thematisiert Morgner mit Bezug auf das Christentum. Er gibt Bildern und Mappen Titel wie „Reliquie“ oder „Requiem“. „Schweißtücher“ nennt er figürlich bedruckte zarte Seidenblätter (s. 59). Das Motiv „Ecce homo“ (s. 40, 91, 54f, 86-89, 98) beschäftigt ihn seit 1984, wobei er die Passion Jesu (Joh 19,5) zu einem Bild der Conditio humana verallgemeinert: Jesus Christus gilt ihm als der Inbegriff des leidenden Menschen. Man sollte sich allerdings vor dem Missverständnis hüten, Morgners Arbeiten als „religiöse Kunst“ zu bezeichnen; aber viele sind offen für religiöse Deutungen und haben deshalb im kirchlichen Raum einen gültigen Ort gefunden.

Dass er nach wie vor produktiv ist, erfreut die Freunde seiner ganz und gar nicht gefälligen Kunst.

Altenburg: E. Reinhold Verlag. 2023
104 Seiten mit farb. Abb.
19,80 €
ISBN 978-3-95755-082-8

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