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Anne Frank: Füller-Kinder. Erzählungen und Ereignisse aus dem Hinterhaus
Anne Franks „Füller-Kinder“ sind „Erzählungen und Erlebnisse aus dem Hinterhaus“, die sie zwischen 1942 und 1944 in ihrem Versteck in Amsterdam verfasste. Diese Texte zeugen von ihrer genauen Beobachtungsgabe, von ihrem Können, äußerst realistisch und kritisch kommentierend Personen und deren Verhalten zu beschreiben, sowie von ihrer hoffnungsvollen und phantasiereichen inneren Bilderwelt, die sie in ansprechendem und variantenreichem Sprachstil darbietet. In der vorliegenden prächtig gestalteten Ausgabe werden diese besonderen Erzählungen bereichert durch eindrucksvolle Illustrationen zahlreicher Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt und ihre individuellen Beschreibungen zur Entstehung ihrer Werke sowie ihre bisweilen eindringlichen Handlungsaufforderungen an die Leserschaft.
Das Wissen um ihren viel zu frühen und grausamen Tod führt beim Lesen der berührenden Texte und der Geschichten, die Anne Frank im Hinterhaus schrieb, zu einem besonders emotionalen und aufmerksamen Blick auf die Inhalte: Wie hoffnungsvoll („Ich hoffe, dass irgendwann noch mal so eine unbesorgte Schulzeit wiederkommt.“ Aus: Weißt du noch, undatiert; 37), wie glaubensvoll („Als ich nämlich allein mit der Natur war, da verstand ich, eigentlich ohne es zu wissen, dass Angst nicht hilft und nichts nutzt, und dass jeder, der sich genauso fürchtet, wie ich damals, am besten daran tut, die Natur zu betrachten und zu sehen, dass Gott viel näher ist, als die meisten Menschen denken.“ Aus: Angst, 25.03.1944; 162), wie phantasievoll („Es war einmal eine kleine Elfe, und die hieß Dora. Diese Dora nun war schön und reich und wurde von ihren Eltern schrecklich verwöhnt.“ Aus: Der weise Zwerg, 18.04.1944; 168) komponierte sie ihre Texte und Geschichten – trotz der Angst vor Entdeckung und getötet zu werden. Die „Füller-Kinder“ lassen erahnen, dass aus Anne Frank eine besondere Schriftstellerin geworden wäre, wenn sie nicht im Februar 1945 im Lager Bergen-Belsen an Entkräftung und Fleckfieber gestorben wäre.
Neben sehr genauen Beschreibungen der Mitbewohnerin Frau van Pels, ihren zu bemängelnden Ansichten und von Anne kritisiertem Verhalten (vgl. Anne in Theorie, 02.08.1943; 44) bekommt die Leserschaft einen Einblick in die alltäglichen Unsäglichkeiten und Routinen, die Anne sehr detailliert beschreibt. Fast liebevoll verfasst sie Einblicke in die winzige Stube, wohin sich Peter zurückziehen kann, und sie vermag dabei auch mit Ironie zu spielen, wenn sie von „all den aufgezählten prunkvollen Besitztümern“ spricht (aus: Mein erstes Interview. 22.02.1944; 140). Zu lesen sind zudem Episoden, die deutlich ihre Wut und ihre Verstimmung über Vorkommnisse zeigen und erahnen lassen, wie mühevoll und einschränkend das Leben im Hinterhaus gewesen sein muss („Es ist die Wahrheit, dass wir durch die Gleichgültigkeit der van Pelsens all die Flöhe ins Haus bekommen haben.“ Aus: Schufte, 06.08.1943; 68). Umso erstaunlicher sind die Geschichten, die von Hoffnung und von Zukunftsvisionen zeugen. Wie es sein kann, sich eine Welt jenseits von Eingesperrtsein und Krieg vorzustellen, wenn man lediglich wenige Blicke nach draußen und in den Himmel richten kann, ist für jeden, der niemals eingeschränkt und immer in Freiheit gelebt hat, kaum zu erdenken. Anne phantasiert, wie es wäre, wenn sie nach Amerika eingeladen würde und dort in Hollywood Karriere machen könnte (Filmstar-Illusion, 24.12.1943; 121ff). Sie erfindet eine anrührende Geschichte (Evas Traum, 06.10.1943; 100ff)), in der sie in Gestalt einer Fee eine Richtschnur für ein gerechtes und vom Gewissen geleitetes Leben formuliert. Berührend und beeindruckend macht Anne Frank mit ihren Geschichten Mut und zeigt ihre Idee, wie man das Glück findet und teilt und nie mehr allein ist (Das Glück, 12.03.1944; 155ff; Joke, undatiert; 189; Riek, undatiert; 193).
„Füller-Kinder“ ist ein beeindruckendes und anrührendes Sammelwerk von Anne Franks Texten und Illustrationen sowie Kommentaren der Künstlerinnen und Künstler, in denen diese eine Brücke schlagen von der grausamen Zeit des Nationalsozialismus bis heute – in eine Zeit, in der zunehmend in menschenverachtender Weise glorifiziert wird, was so vielen Millionen Menschen – darunter auch Anne Frank und ihrer Familie – den Tod brachte.
Anne Franks „Füller-Kinder“ haben ihre ganz eigene Wirkung. Sie bieten eine besondere Einladung, sich in ihre Denkwelt hineinzufinden und sie mit neuem Zugang mithilfe der Bilder kennenzulernen. Im (Religions-)Unterricht lassen sich die Geschichten und Erlebnisbeschreibungen sehr gut verwenden und besprechen; unter Hinzunahme der Illustrationen und der Ausführungen der Künstler entstehen besondere Impulse für das Unterrichtsgespräch. Gerechtes und richtiges Verhalten, Hoffnung haben in auswegloser Lage, Interesse zeigen am Mitmenschen und Rücksichtnahme üben oder das Vertrauen haben, dass es etwas gibt, das alles gut werden lässt – viele Denkanstöße werden in diesem Sammelwerk gegeben. Es ist ein reicher Schatz, der nachdenklich, demütig und dankbar ob der eigenen Situation eines Lebens in Frieden und Freiheit werden lässt.
Aus dem Niederländischen von Ruth Löbner
Berlin: Verlagshaus Jacoby & Stuart. 2025
260 Seiten m. farb. Abb.
30,00 €
ISBN 978-3-96428-257-6
