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Annegret Reese-Schnitker / Daniel Bertram /Dominic Fröhle (Hg.): Gespräche im Religionsunterricht
Wenn das Christentum an den Anfang von allem den „Logos“ stellt, liegt es nahe, seiner Lehre eine „Logik“ zugrunde zu legen, die die Grenzen formaler Operationen übersteigt, auf „das Ganze“ zielt und inhaltliche Plausibilitäten erzeugt. Von seinem Beginn an steht daher konsequent die sinnvolle Abfolge von „Logoi“, das Gespräch, im Mittelpunkt christlicher Glaubensunterweisung. Letztere ist im Einklang mit dem Würzburger Synodenbeschluss von 1974 aus dem schulischen Religionsunterricht verschwunden, das Gespräch bleibt für ihn zentral. Dieses als Unterrichtsprinzip zu begründen, es empirisch zu validieren, die verschiedenen Arten zu klassifizieren und erste Schritte in Richtung einer Bewertung von Gesprächen im Hinblick auf ihre Qualität bzw. ihre Dienlichkeit zur Erreichung von Unterrichtszielen zu unternehmen, haben sich die Autoren des Buches „Gespräche im Religionsunterricht“ zur Aufgabe gemacht.
Das Werk richtet sich in erster Linie an Wissenschaftler mit empirischem Forschungsschwerpunkt innerhalb der universitären Religionspädagogik. Wer als Religionslehrer an der Schule eine Verbindung von tiefgehenden dogmatischen, religionspädagogischen sowie unterrichtspraktischen Überlegungen, wie sie regelmäßig von Rudolf Englert präsentiert werden, erwartet, dürfte eher enttäuscht sein. In dem überbordenden Theorieteil inspirieren gleichwohl die Beiträge von Hanna Roose („Unterrichtsgespräche und Alltagspraxis“), der eine feinsinnige Analyse mehrerer kurzer Gesprächssituationen gelingt, von Hans Schmid („Triffst du nur das Zauberwort. Das Gespräch in der Dramaturgie des Unterrichts“), dessen schnörkellosen, aber tiefgründigen Reflexionen über „die goldene Zeit des Lernens“ sowie den Wechsel von Außen- und Innenorientierung die langjährige Verankerung in der Unterrichtspraxis erahnen lassen, und fünf Anhänge zu einem Aufsatz von Peter Orth, die insbesondere Berufsanfängern nützliche Tipps liefern. Lohnend ist darüber hinaus im empirischen Teil die Lektüre von auf knapp 80 Seiten entfalteten „Gesprächsfeinanalysen“, die den Ablauf von Kommunikationssituationen im Unterricht mikroskopisch genau sezieren und bei (angehenden) Religionslehrern das Bewusstsein für die Notwendigkeit, jedes eigene Wort zu wägen, andererseits jeglichen Nuancen in den Äußerungen von Schülern gebührende Beachtung zu schenken und adäquat zu reagieren, schärfen könnten. Diese Feinanalysen können daher als das Herzstück des Buches angesehen werden.
Die für Unterrichtspraktiker relevanten Ergebnisse der in diesem Werk veröffentlichten „Kasseler Unterrichtsgesprächsstudie“ lassen sich recht kompakt zusammenfassen. Es erscheint sinnvoll, vier Typen von Unterrichtsgesprächen zu unterscheiden: Sogenannte „echte Unterrichtsgespräche, in denen Schüler_innen sich aufeinander beziehen und untereinander sprechen. Die Lehrperson kann Gesprächsteilnehmer_in sein oder sich ganz zurückhalten“; zweitens solche Unterrichtsgespräche, in denen „die Beiträge der Schüler_innen sukzessiv hintereinander[folgen], die Lehrperson ist nicht oder nur marginal involviert“; drittens „getarnte Lehrervorträge“; viertens sich im „Ping-Pong-Modus“ vollziehende Kommunikation von Lehrperson und Schülern. Die Autoren räumen allen vier Typen eine gewisse Berechtigung im Rahmen der jeweils von der Lehrkraft verfolgten Unterrichtsziele ein, möchten aber mit ihren Untersuchungen belegen, dass, obwohl die „echten Unterrichtsgespräche“ den höchsten Ertrag bewirken, diese am wenigsten in der Realität praktiziert werden. Ertragreich bedeutet dabei, dass sowohl der Theologiebezug am stärksten ausgeprägt ist als auch ein höherer Vertiefungsgrad erreicht wird und am ehesten korrelative Prozesse stattfinden. Auf dieser Grundlage wird daher als Kritik an Lehrkräften formuliert, dass „ein hoher Gesprächsanteil der Lehrperson den Gesprächsfluss in Unterrichtsgesprächen deutlich verlangsamt und der qualitativen Partizipation der Schüler_innen sogar abträglich ist. Außerdem stellen die Schüler_innen seltener einen Erfahrungsbezug zu den Inhalten her.“ Ebenso wird von den Forschern beklagt, dass Lehrkräfte „zu oft höchst aufschlussreiche Schülerbeiträge ignorieren bzw. nicht weiter vertiefen. Theologisch interessante Beiträge von Schüler_innen werden immer wieder in ihrem Potential nicht ausgeschöpft“. Positiv gewendet lässt sich nach Meinung der Autoren resümierend feststellen: „In echten Unterrichtsgesprächen geht es um etwas! Schüler_innen reden nicht nur miteinander, sie vertiefen, tragen etwas bei, korrelieren und setzen sich mit den eigenen kognitiven Prozessen auseinander. Echte Unterrichtsgespräche, bei denen die Schüler_innen miteinander in einen anregenden und bereichernden Austausch über ein theologisches Thema kommen und der Aufmerksamkeitsfokus weniger frontal als vielmehr auf der Gruppe liegt, sind offenbar hinsichtlich des Lernertrags qualitätsvoller im Hinblick auf zentrale Anliegen des Religionsunterrichts.“
Einblicke – Einsichten – Potenziale
Religionspädagogik innovativ
Stuttgart: W. Kohlhammer Verlag. 2022
532 Seiten m. Übersichten
49,00 €
ISBN 978-3-17-038166-7
