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Anselm von Canterbury: Der Gottesbeweis im Proslogion und die Debatte mit Gaunilo
Es ist schon erstaunlich, wie der Gottesbeweis von Anselm von Canterbury über Jahrhunderte hinweg bis in die heutige Zeit das Nachdenken anregen kann. In dem vorliegenden Buch gehen die Herausgeber, Bernd Goebel und Christian Tapp, mit großer Präzision dem Gedankengang von Anselm von Canterbury nach. Im ersten Teil werden die relevanten Texte wiedergegeben: Der Gottesbeweis aus dem Proslogion (2-4), die Erwiderung von Gaunilo (Liber pro insipiente) und schließlich Anselms Responsio. Darauf folgt eine ausführliche Kommentierung des Textes und ein umfangreiches Nachwort, das die Biografie Anselms und die Wirkungsgeschichte seines Gottesbeweises nachzeichnet.
Die Übersetzung der Texte stammt von den Herausgebern, für das Verständnis entscheidende Übersetzungsentscheidungen werden nachvollziehbar erklärt. Die Unterteilung des Textes in kleinste Sinneinheiten erleichtert das Verständnis des Kommentars, so dass immer klar ist, auf welchen Satz darin Bezug genommen wird, sei es von den Kommentatoren oder von Anselm bzw. Gaunilo.
Zentral ist der Gottesbeweis aus dem Proslogion, in dem, eingefasst in ein Gebet, Gott als „aliquid quo nihil maius cogitari possit“, bestimmt wird, hier übersetzt mit: „das, im Vergleich zu dem nichts Größeres gedacht werden kann“. Dieser Ausdruck wird von den Kommentatoren mit dem Ausdruck „Famoses Objekt“ abgekürzt. Dass die Existenz des „Famosen Objekts“ gedacht werden muss, gilt dadurch als bewiesen, dass deren Leugnung zum Widerspruch führt. Eine Folgerung daraus ist, dass Gottes Existenz nicht geleugnet werden kann, ohne in einen Widerspruch zu geraten, also denknotwendig ist.
In dem Kommentarteil werden die logischen und sachlichen Schritte ausführlich erläutert und die Problematik, die sich daraus ergeben kann, transparent gemacht. Es zeigt sich darin, dass sich die kritischen Anfragen meist daraus ergeben, dass für die grundlegenden Begriffe Klärungsbedarf besteht. So sind die Begriffe „verstehen“ und „im Verstande sein“ zu unterscheiden, wobei Letzterer auch das Begreifen enthält. Dann ist das, was verstanden ist, nicht notwendig „im Verstande“. Ebenso der Begriff des Denkens, der zu der Diskussion führen kann, ob etwas, das in sich widersprüchlich ist, überhaupt gedacht werden kann, ob die Wahrheit als Voraussetzung der Denkbarkeit angesehen werden muss. Würde Letzteres gelten, wäre jeder Beweis wegen der Undenkbarkeit der gegenteiligen Behauptung überflüssig. Ebenso geht es um den für den Vergleich entscheidenden Begriff der „Größe“. Ist die Existenz außerhalb des Denkens hinreichend, um die „Größe“ aller anderen Begriffe zu überbieten, die bloß im Denken existieren? Diese Fragen werden besonders im Hinblick auf das „Famose Objekt“ bearbeitet.
Aus dem Kommentarteil wird ersichtlich, mit welcher Präzision im 11. Jahrhundert die Gedanken formuliert und diskutiert wurden. Weitere Aufschlüsse über die Darstellungen Anselms und seines Kritikers – der Name Gaunilo ist historisch nicht gesichert – gibt das Nachwort, das zunächst den Blick auf das Leben und den Lebenskontext Anselms lenkt. Es wird deutlich, dass Anselm mit seinem Versuch, Vernunftgründe für den Gottesglauben geltend zu machen, in seiner Zeit auf Widerstände trifft. Die Einbettung seiner Argumentation in einen Gebetsrahmen hat dann erst ermöglicht, dass seine Gedanken zur Kenntnis genommen wurden. Auch die Rolle des „Toren“, den es zu überzeugen gilt, ist wichtig, um die Gegenposition zum Glauben, die Leugnung der Existenz Gottes, von der eigenen abzugrenzen. Sein Kritiker wird von ihm als Glaubensbruder verstanden, der den Anwalt des Toren spielt. Im Schlussteil des Nachworts stellen die Autoren die Rezeptionsgeschichte des Anselm‘schen Beweises dar. Hier werden die Stellungnahmen vieler Philosophen beschrieben, deren Gründe aber nur im Ansatz genannt.
Ein Punkt, der mir in dem Gottesbeweis von Anselm als wesentlich erscheint, hätte meines Erachtens deutlicher benannt werden können: Anselms Gottesbegriff wird als „das, im Vergleich zu dem nichts Größeres gedacht werden kann“, rein in der Bezüglichkeit zum Denken formuliert. Und so ist, und ich meine auch für Anselm, die Existenzaussage zu verstehen, nämlich als: Gott ist als außerhalb des Denkens existierend zu denken. Anselm versucht nicht, was ihm gelegentlich unterstellt wurde, etwas zu beweisen, was gänzlich unabhängig vom Denken wäre. Das kann nämlich kein Beweis leisten.
Abschließend möchte ich dieses Buch empfehlen, weil es lohnt, sich mit diesem niveauvollen Denken auseinanderzusetzen. Die Kommentare geben wertvolle Hilfestellungen, um sich die Texte zu erschließen. Um die Kommentare lesen zu können, sei allerdings ein optisches Hilfsmittel empfohlen.
Lateinisch / Deutsch
Übersetzt und herausgegeben von Bernd Goebel und Christian Tapp
Stuttgart: Reclam Verlag. 2025
272 Seiten
9,00 €
ISBN 978-3-15-014583-8
