Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Arnd Henze: Mit Gott gegen die Demokratie. Warum der christliche Nationalismus alle angeht

Auch wenn wir schnell von weltweiten Krisen und politischen Mehrheiten in Deutschland beeindruckt sind, lohnt es sich, gemeinsam mit dem erfahrenen und erfolgreichen Journalisten Arnd Henze einen qualifizierten Blick „über den Großen Teich“ zu werfen, wo Gott, Nation und Macht schon seit Jahrzehnten – in den beiden Amtsperioden von Donald R. Trump verschärft – eine unheilige Allianz eingegangen sind.

Der Theologe Arnd Henze und engagierte evangelische Christ war lange außenpolitischer Redakteur der ARD in den USA und hat bereits mehrfach über die Schnittstelle zwischen (christlicher) Religion und Politik publiziert. Sein aktuelles Buch stand auf der Bestenliste „Sachbuch des Monats“ und hat neben sehr hohen Auflagen eine große öffentliche Aufmerksamkeit erreicht.

Worum geht es? In drei Kapiteln – „Die Zeit der Rache“, „Wiederholt sich die Geschichte“ und „Es ströme aber das Recht – wie sich die Demokratie retten lässt“ – geht er mit den Lesern den Weg von der Diagnose zur Therapie. An den aus den Nachrichten bekannten Personen Pete Hegseth, Russel Vought, Charlie Kirk, Stephen Miller und J.D. Vance entwickelt er zunächst in genauen biographischen Analysen ein Bild der religiösen Motivation dieser „All the President’s Men“, deren Ergebenheit gegenüber dem keineswegs tugendhaften Präsidenten der USA durchweg religiöse Wurzeln hat. „Sie lieben ihn nicht trotz, sondern wegen seiner tiefen Verachtung für alle Grenzen des Rechts und des Anstands. […] Donald Trump, der Rächer! […] Eine wütende Minderheit [weniger als 15% der US-Bürger gehört zu den white evangelical Christians] sucht sich einen wütenden Anführer.“ (13)

In großer Detailtreue und Faktenkenntnis auch aus unmittelbaren Kontakten in den USA schildert Arnd Henze in seinem Buch ein komplexes Netzwerk an Aktivitäten, die sich in Summe mit je unterschiedlichen religiösen und ökonomischen Interessen alle gegen den demokratischen US-Staat richten, insofern er Diskriminierung und Ausbeutung verhindert und Kontrolle über illiberale oder Freiheiten einschränkende Tendenzen gewährleistet. Dies gilt für LGBTQ+-Rechte in der Armee und der Gesellschaft insgesamt, liberale Abtreibungsregelungen, Schulunterricht über die Evolutionslehre, Waffenrecht, Multi- versus Unilateralismus, die Legalisierung homophober Äußerungen, wie sie von Charlie Kirk bekannt sind, etc.

Dabei kommt die Rolle der katholischen Kirche etwas zu kurz, wenn sich auch im Kapitel zu J.D. Vance grundsätzliche Informationen finden: „In den 80er-, 90er Jahren standen die meisten Bischöfe noch im progressiven Lager, engagierten sich für Abrüstung und soziale Gerechtigkeit und hielten demonstrativ Distanz zum polnischen Papst Johannes Paul II. Dessen Nachfolger Benedikt XVI. brachte die US-Bischofskonferenz mit einer gezielten Personalpolitik auf einen mehrheitlich konservativen Kurs, was dann unter Papst Franziskus zu Spannungen unter umgekehrten Vorzeichen führte. In den zurückliegenden Jahren hat vor allem eine Strömung an Einfluss gewonnen, in die sich das augustinische Ordnungsdenken von J.D. Vance lückenlos einfügt: Der Neo-Integralismus.“ Wenn Henze hier auch etwas falsch datiert, denn den Richtungswechsel hat Benedikt XVI. bereits als Präfekt der Glaubenskongregation unter Johannes Paul II. in Nord- und Südamerika umgesetzt, so stimmt doch die Tendenz. Interessant, wie der aktuelle Papst Leo XIV. schon mit der Wahl seines Namens, erst recht aber in seiner ersten, an die katholische Soziallehre anknüpfenden Enzyklika sich ausdrücklich gegen diese Tendenz seines Heimatlandes und damit gegen alle katholische Affirmation der MAGA-Bewegung richtet, für die J.D. Vance emblematisch steht: ein klares Bekenntnis zu sozialer Gerechtigkeit (58ff).

Ein Hauptdiskussionspunkt um Henzes Buch ist die von ihm im zweiten Teil gezogene Analogie zwischen heute und der späten Weimarer Republik. Hier werden die brutalen und manchmal tödlichen Aktivitäten der ICE-Truppen des US-Heimatministeriums als Beleg herangezogen. Der Historiker Timothy Snyder (Bloodlands, leider durchgängig falsch geschrieben) nannte das „Sadopopulismus“ im Sinne von: „Die Regierung lässt dich leiden, also möchtest du, dass andere noch mehr leiden.“ (159) Daniel H Magilow vergleicht das Vorgehen des ICE mit KGB, STASI und Gestapo (161). Doch ist von einer Gleichsetzung aktueller Entwicklungen mit der Praxis des NS-Regimes zu warnen, das schließlich Millionen Opfer gefordert hat. Die unter Bedingungen des NS-Totalitarismus gereiften theologischen Einsichten D. Bonhoeffers sind noch heute, gerade auch in Deutschland, wichtige Wegmarken: „Wenn … der Staat ganze Gruppen in die Rechtlosigkeit drängt, dann stehe die Kirche vor der Pflicht, ‚nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen‘.“ (180)

Mahnen, Hinwendung zu den Opfern und offener Widerstand sind also die drei Schritte, die Henze empfiehlt, weshalb er den Brief der Katholischen und Evangelischen Büros in Berlin im Januar 2025 über das Abstimmungsverhalten der CDU mit der AfD im Bundestag ausdrücklich lobt, ja als Matrix für künftiges Verhalten vorschlägt, anstatt vorschnell wieder „zurückzurudern“, wenn Kirchenkritik aus der Politik kommt. Der Titel von Henzes Buch „Mit Gott gegen die Demokratie“ ist hier so zu deuten, dass die Kirchen unter den aktuellen Bedingungen aufgerufen sind, der religiösen Verbrämung ungerechter Herrschaftsverhältnisse offen zu widersprechen, ohne selbst nach politischer Macht zu streben.

Zehn abschließende Punkte (205-209), mit denen Henze auf den vorzeitigen Verfall der MAGA-Bewegung schlüssig verweist, machen Hoffnung, dass die unheilige Allianz von fundamentalistischer Religion und menschenverachtender Politik abgewählt werden kann, wenn die versprochenen Ziele (im Portemonnaie der Wähler) nicht erreicht und erfolglose Kriege geführt werden. Gleichzeitig bleibt die Erwartung eines friedlichen Abtretens totalitärer Herrscher immer fraglich und prekär.

Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus. 2026
224 Seiten
20,00 €
ISBN 978-3-579-06202-0

Zurück