Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Arne Moritz / Bianca Schreiber: Philosophieren mit Kindern mit Dingen, Band 1

Wir leben in einer Welt der Dinge. Dinge begleiten unseren Lebensweg und wir setzen uns zu ihnen in Beziehung. Wir kaufen, benutzen, verschenken, sammeln sie. Wir entsorgen sie und werfen sie weg. Dinge fordern uns heraus, man denke nur an Bedienungsanleitungen, die wir nicht verstehen. Wir begegnen der Tücke des Objekts, wir richten uns mit Dingen ein, umgeben uns mit ihnen, seien sie nun lebensnotwendig oder unnütze „Stehrumchen“. Vor diesem Hintergrund ist es eine didaktisch sinnvolle Entscheidung, im Ethik- oder Philosophieunterricht bereits in der Grundschule Dinge, also das vermeintlich Selbstverständliche, zu befragen, sie im wahrsten Sinne des Wortes „frag-würdig“ werden zu lassen. Dinge der die Kinder umgebenden Alltagswelt können in ihrer Konkretheit einen Fragehorizont eröffnen und einen ihrem Verständnis gemäßen Zugriff auf Grundsätzliches ermöglichen. Sie können im wahrsten Sinne des Wortes begriffen werden und zum Begreifen, zur Reflexion dessen führen, was sie für den Einzelnen bedeuten.

Auf diese Perspektive weisen die beiden Verfasser des Materialienbandes zu Recht hin. Dinge als Gegenstände des Philosophierens stellen Anschaulichkeit und Konkretheit her, fungieren als Impulsgeber, finden ihren Platz im handlungs- und produktionsorientierten Unterricht. „Selbst denken, sich in die Stelle jedes anderen denken, jederzeit mit sich selbst einstimmig denken“, zitieren die Verfasser. Dass sich Didaktiker für die Strukturierung philosophischer Gespräche auf diese von Immanuel Kant in seiner „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“ formulierten Forderungen berufen, ist seit den ersten Versuchen in Schleswig-Holstein Mitte der 1980er Jahre ein anerkanntes Unterrichtsprinzip.

Die Verfasser strukturieren ihren Materialienband mit „fünf gängigen Lernbereichen“, die den Klassenstufen 1 und 2 bzw. 3 und 4 zugeordnet werden: Ich, Wir, Religionen, Natur/Kultur/Technik sowie Zeit und Zeitlichkeit. Dabei fällt die mangelnde Trennschärfe der einzelnen Bereiche auf. Verweise auf vorliegende Fachlehrpläne einzelner Bundesländer wären wünschenswert.

Die Materialien, so die Intention der Verfasser, sollen die Kompetenzen des Wahrnehmens, Verstehens, Analysierens, Argumentierens und Übertragens fördern. Dazu werden Gesprächsimpulse in Frageform ergänzt. Jedes für die Schülerinnen und Schüler gedachte Arbeitsblatt wird mit einer Zeichnung des betreffenden Gegenstandes eröffnet, ein didaktischer Kommentar für die Hand der Lehrkraft schließt sich an. Die abschließende Literaturliste wirft Fragen auf: Inwieweit sollen denn Vilém Flussers phänomenologische Skizzen „Dinge und Undinge“ in die Konzeption des Bandes eingegangen sein? Walter Benjamins „Aufklärung für Kinder“ hat mit dem Thema „Dinge“ nichts zu tun. Und Hanno Depners verdienstvolle Bastelanleitung zu Kants „Kritik der reinen Vernunft“ („Kant für die Hand“) scheint hier völlig deplatziert.

Die Auswahl der Einzelbeispiele wie deren Einbettung in unterrichtliche Zusammenhänge wirft auf Grund gravierender Schwächen etliche Fragen auf. Die Zeichnung eines Dinges auf dem Arbeitsblatt kann dabei selbstverständlich nur ein inhaltsschwacher Ersatz für den realen Gegenstand sein. Die Dinge, um die es in diesem Materialienband geht, gewähren Anschaulichkeit, nicht jedoch, wie die Verfasser betonen, Erfahrungen mit allen Sinnen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Verfasser sich weder in den Verstehenshorizont eines Erst- oder Viertklässlers hineinversetzen können noch für sich einen Erwartungshorizont haben, was die Schülerinnen oder Schüler auf eine Frage antworten könnten.

Schauen wir beispielsweise auf den Sprechstein, von dem viele Schülerinnen und Schüler wissen, dass und wie er einen Gesprächsverlauf regeln kann. Woran aber können Erstklässler denken, wenn sie aufgefordert werden, einen anderen Gegenstand mit einer Regelungsfunktion zu zeichnen? An den Joker eines Kartenspiels? Die rote Karte beim Fußball liegt da wohl näher. Besonders in der Karnevals- bzw. Faschingszeit bietet es sich an, mit Kindern über Masken zu sprechen. Die Abbildung einer kunstvollen venezianischen Maske dürfte dabei wenig hilfreich sein. Ist es nicht auch so, dass Kindern sich für Faschingsfeste schminken, aber nur selten eine Maske aufsetzen? Befremdlich ist der Arbeitsauftrag, Dinge aufzuschreiben, die man durch das Tragen einer Maske verbergen könnte. Im Arbeitsblatt zum Fest des Fastenbrechens finden sich Arbeitsaufträge wie: „Betrachtet die Süßigkeiten. Tauscht euch aus, was ihr über sie wisst oder vermutet.“ Erstklässler sollen hier sicherlich nicht Backrezepte austauschen und für die kulturelle Einordnung von Ostereiern oder Schokoladenhasen wäre sicher ein zusätzliches Material als Input erforderlich. Wie sollten Erstklässler beim Themenschwerpunkt „Lebendige Dinge“ mit einem Arbeitsauftrag umgehen, der sie mit Konjunktivformulierungen konfrontiert: „Sucht ein anderes Ding, das ihr euch nur schwer lebendig vorstellen könnt. Besprecht, wie dieses Ding sein könnte, damit es lebendig wäre?“ Zwei Zeichnungen zeigen Tefillin, den Gebetsriemen im Judentum, und die Gebetskapsel. Es darf bezweifelt werden, inwieweit Schülerinnen und Schüler der 3. oder 4. Klasse hierzu ein Vorverständnis artikulieren können.

Philosophieren mit Kindern sollte eine Ermutigung sein, Lernprozesse zu ermöglichen, die offen sind für kindliche Fragestellungen und Denkweisen und gleichzeitig Zielgerichtetheit nicht aus dem Auge verlieren. Lehrkräften des Faches Ethik an Grundschulen ist zu raten, sich nicht kritiklos den Vorschlägen des Materialienbandes anzuschließen, sondern nach eigenen Ding-Beispielen aus der Alltagswelt der Kinder zu suchen, denn hier finden sie nur ein unsystematisches Sammelsurium didaktisch nicht durchdachter „Stehrumchen“.

Medien für den Ethikunterricht an Grundschulen Band 1
München: Claudius Verlag. 2024
34 Seiten mit s-w Abb.
12,00 €
ISBN 978-532-3-71400-3

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