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Barbara Bleisch: Mitte des Lebens. Eine Philosophie der besten Jahre
Die Schweizer Philosophin Barbara Bleisch stellt sich die Frage, welche Gedanken sich zur Lebensmitte formulieren lassen – so beschreibt sie die Motivation für Ihr Buch im Interview mit der TAZ am 18. Dezember des letzten Jahres. Ihr Motiv ist einerseits persönlicher Natur, da sie sich selbst in dieser Phase befindet (zum Zeitpunkt des Interviews war sie 52 Jahre alt). Andererseits ist ihr Interesse fachlich bedingt: Die Philosophie beschäftigte sich seit der Antike vielfach mit Alter, Gebrechlichkeit und nahendem Tod sowie in jüngerer Zeit mit Kindheit und Jugend, thematisierte aber bis auf sehr wenige Ausnahmen die mittleren Jahre kaum. Zudem sind diese durch die Rede von der Midlife-Crisis etwas in Verruf geraten, welche häufig die Anfälligkeit dieser Phase für Bedauern, Reue, plötzliches Umsteuern, Übersättigung und Leere fokussiert im Gegensatz zur klassischen Sichtweise einer Blüte des Lebens, in der das Beste im Menschen zur Reifung gelangt. Missverstanden als „chauvinistische Entschuldigung gut verdienender Männer“ (22) geht die Popularität des Begriffs pikanterweise, so Bleisch, auf den feministischen Bestseller der New Yorker Journalistin Gail Shelley „Predictable Crisis of Adult Life“ zurück, der das vielfach beklagte Unsichtbarwerden von Frauen in den mittleren Jahren herausarbeitete.
Die Philosophin nähert sich dem Thema dankenswerterweise weder geschlechtsspezifisch noch als allwissende Beraterin, sondern sie versucht ein großes Spektrum Suchender aus Wissenschaft, Literatur und Film (leider ohne Bildende Kunst) miteinander ins Gespräch zu bringen und dabei Stimmen aus der Philosophie hinzuzuziehen, um „die mittleren Jahre als die potentiell beste Zeit unseres Lebens [auszuloten]“ (37). Dabei gelingt ihr aus der Vogelperspektive die Skizze einer ausufernden Landschaft, die eine große Fülle von spannenden Positionen und sehr allgemein gehaltenen lebensphilosophischen Deutungen umfasst. Die Quantität der Ansätze und Aspekte, die mit grobem Strich gezeichnet werden, bietet eine kommentierte Bibliographie für jeden, der sich weiterhin mit Elementen des Themas beschäftigen möchte – etwa mit den Fragen nach Endlichkeit und „Sterben lernen“, mit der Uneinholbarkeit der verflossenen Zeit in Verbindung mit Gefühlen der Schuld oder Reue, mit der Möglichkeit transformativer Erfahrungen oder der Milde mit sich selbst und eigenen Entscheidungen aufgrund größerer Lebenserfahrung und Akzeptanz, mit den Möglichkeiten und Grenzen korrigierenden Umsteuerns (vgl. 109) oder der Integration von Leid und Unglück.
Die ersten beiden Kapitel widmen sich den Gründen für den schlechten Ruf der Lebensmitte, während ab Kapitel 4 des sieben Hauptkapitel umfassenden Buches die Darstellungen – nach den leider nur kurzen Bezügen auf Aristoteles und Platon –etwas konzentrierter scheinen: In den mittleren Jahren haben wir den jugendlichen Übermut abgelegt, sie werden zu „Jahren des Mittleren“, in denen wir in der besten Version unserer selbst angekommen nun klug und besonnen den Extremen abschwören können (129). Gleichwohl sind bei genauerer Betrachtung je verschiedene Tugenden jeweils altersadäquat im Hinblick auf die persönliche Entwicklung, wie sie Autoren der letzten Jahre (wie Pasqualina Perrig-Chiello) und Einzeluntersuchungen (etwa Philippe Ariés 1960) schon früher reflektiert haben. Einige Seiten später (146) enttäuscht der oberflächliche Umgang mit dem Begriff des „Selbst“, der bei der Betrachtung von Lebensphasen einer der Schlüsselbegriffe sein sollte; das „Selbst“ eines Menschen ohne Begründung als „als narrativ oder sozial bedingt“ zu apostrophieren mit dem Hinweis, dies scheine „plausibler“, stellt den schon zuvor nicht ganz passenden philosophischen Anspruch in Frage.
Es finden sich lebensweise Passagen: So fordert der Philosoph François Jullien dazu auf, die Lebensmitte als „freigelegtes Leben“ zu verstehen, dem Lebenserfahrung zu Verfügung stehe: Sie ermögliche sich selbst ernst zu nehmen, entschlossen weiterzugehen und sich nach außen kenntlich zu machen (149). Mit Kieran Setiya warnt Bleisch vor einer zu ausgeprägten Konzentration auf alles Telische, welches das Leben als eine Aneinanderreihung zu bewältigender Projekte betrachtet und damit wertvernichtend wirkt (168). Berührend ist auch das Summary zu Dacher Keltner, der die Momente des Staunens und der Ehrfurcht besonders hervorhebt, da sie ein Bewusstsein für das Wunder des Lebens und das Empfinden, dass wir Teil eines Größeren sind, entstehen lassen (214ff).
Wirklich bedenklich ist aber, dass die Autorin die Wucht und Gefahr emotionaler und mentaler Prozesse bis hin zu realen Depressionen (oder anderen Psychosen) oder die Tiefe echter Verzweiflung kaum einmal streift. Dazu passt ihre unsensible Interpretation von Friedrich Hölderlins bestürzendem Gedicht „Hälfte des Lebens“, das wohl Eingang nur deshalb fand, weil das bekannte Poem sich oberflächlich betrachtet für eine nette Reminiszenz eines Buchtitels für ihren Bestseller („Mitte des Lebens“) besonders gut eignete. Verfasst 1804, in den letzten Jahren vor Hölderlins Zwangseinweisung in die Psychiatrie, spricht es von einem Bruch durch die einem lieblichen Sommer folgenden finalen Metaphern sprachloser Mauern und im Winde klirrender Fahnen; es bebildert abgründige Not und nicht Lebensphasen.
Das Grundproblem des Buches besteht darin, dass es keiner authentischen oder existentiellen Frage nachgeht, sondern zu durchsichtig dem publizistischen Anliegen folgt, leicht vermittelbare und nicht zu unbequeme Gedanken zur Lebensmitte zu formulieren. Ungeachtet dessen schenkt die Verfasserin ihren Lesern einige Blüten wie diese: „Unsere Tage werden uns nicht nur entrissen, indem sie vergehen; wir hatten sie auch in großer Fülle. Zur Trauer gesellt sich deshalb bestenfalls die Dankbarkeit, und tut sie es nicht, lohnt es sich, sie einzuüben.“ (116)
München: Hanser Verlag. 3. Auflage 2024
272 Seiten
25,00 Euro
ISBN 978-3-446-27968-1
