Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Ben Wilson: Die Weltgeschichte der Menschheit in den Städten

„Anhand der Lichtspuren, die nachts die Erdoberfläche sprenkeln, lässt sich das Ausmaß unserer aktuellen Urbanisierung vom Weltraum aus erkennen“, schreibt Ben Wilson. Der Historiker folgt seiner Profession und geht der Frage nach, inwieweit die Städte im Wandel historischer Epochen und geographischer Räume selbst ein „Schaubild der Conditio humana“ darstellen. Warum leben heute – mit steigender Tendenz – mehr als 50% der Menschheit in Agglomerationen? „Wir werden gerade Zeugen der größten Migrationsbewegung der Geschichte“, schreibt der Verfasser der „Weltgeschichte der Menschheit in den Städten“ über den bisherigen „Höhepunkt eines seit sechstausend Jahren währenden Prozesses, der uns bis zum Ende dieses Jahrhunderts zu einer urbanisierten Spezies gemacht haben wird.“

Wilson wählt eine globale Perspektive. Er beginnt seine Untersuchung in der urbanen Frühgeschichte der Menschheit 4.000 vor Chr. in einer sagenumwobenen Megacity: „Uruk, was nichts anderes als ‚Stadt‘ bedeutet, war die erste Stadt der Welt und mehr als tausend Jahre lang ihr mächtigstes urbanes Zentrum.“ Von da aus folgt er den Spuren des Homo urbanus durch die Alte Welt nach Babylon, Athen und Rom. Der geborene Londoner stellt in der Neuzeit nicht nur seine Heimatstadt, Paris und New York vor, sondern wendet sich auch, was dem Band einen besonderen Akzent verleiht, Warschau, der kriegszerstörten und wiederaufgebauten polnischen Metropole, zu. Am Ende seiner weltgeschichtlichen Exkursion nimmt der Autor das nigerianische Lagos in den Blick. „Die raumgreifende afrikanische Megastadt ist berühmt-berüchtigt für ihre wuchernden Slums, ihre Korruption und Kriminalität, ihre haarsträubende Infrastruktur und die schlimmsten Verkehrsstaus der ganzen Welt.“ Wilson zeigt aber zugleich, dass ihre derzeit 20 Millionen Einwohner so etwas wie die Megacity der Zukunft verkörpern: ausgerüstet mit starkem Überlebenswillen, erstaunlicher Kreativität und großer Lebensfreude.

„Und natürlich lieferte das Bild von Babel/Babylon, Sodom und Gomorra den Feinden der Stadt mächtige Munition. Die Kluft zwischen der großen Metropole auf der einen Seite und der Kleinstadt oder dem Dorf auf der anderen ist seit jeher ein Merkmal der Geschichte. Die Tugend wohnt in Letzterem, heißt es, wogegen die unmoralische Großstadt, mit ihrem babylonischen Sprachgewirr, ihrer Kollision von Kulturen, ihrer multiethnischen Zusammensetzung, ihrer Lüsternheit und Habgier, Seelen und Politik verdirbt.“ Zivilisationskritik ist für den Autor engstens mit dem Namen „Babylon“ verbunden. Die Stadt mit ihrem gewaltigen Zikkurat, einem gestuften Tempelturm, ist für ihn, ironisch gebrochen, so etwas wie das biblische „Sündenbabel“, von dem Israel in Psalm 131 sang „An den Flüssen von Babylon saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten.“ Tatsächlich – und das fällt ins Gewicht – fehlt bei Wilson dieses urbane Gegengewicht: Die Stadt Jerusalem und der Geist der Zehn Gebote, der Ursache dafür ist, dass sich der einzelne Mensch – durch Anerkennung als autonomes Rechtssubjekt – vor dem Gesetz zu verantworten hat, aber auch von ihm geschützt wird, kommt bei dem Stadt-Historiker nicht vor. „Jerusalem“ hätte dem Verfasser, der sich meisterhaft auf thematische Zuspitzung versteht (Laos=Zukunftsstadt), dazu dienen können, die menschheitliche Bedeutung der nicht ohne Transzendenzbezug zu begreifenden „Entdeckung“ von Solidarität, Gerechtigkeit und regelbasiertem „demokratischem“ Miteinander im Dekalog Israels urban zu fokussieren.

Der Rezensent vermisst – keineswegs aus Lokalpatriotismus – auch, dass Berlin, vor 100 Jahren immerhin die flächenmäßig größte und bevölkerungsmäßig drittgrößte Metropole der Welt, keine Erwähnung findet. Die deutsche Hauptstadt war zu Beginn des 20. Jahrhunderts nämlich jener Ort, durch dessen Modernität der nahe der Friedrichstraße geborene Kulturphilosoph Georg Simmel entscheidende Impulse und wegweisende Einsichten empfing. Der Berliner Wissenschaftler begründete eine neue Disziplin: die Stadtsoziologie. Zwar zitiert Wilson dessen klassisch gewordenen Grundlagentext „DieGroßstädte und das Geistesleben“ von 1903. „Für Simmel entstand die moderne Großstadtpersönlichkeit auf der Grundlage der Steigerung des Nervenlebens, die aus dem ‚raschen und ununterbrochenen Wechsel äußerer und innerer Eindrücke hervorgeht.‘“, er ordnet diesem Zusammenhang aber – eher in die Breite als in die Tiefe gehend – seinem „Paris“-Kapitel zu.

Spannend, materialreich und in funkelnder Weise beschriebt Ben Wilson in seinem Band das, was Georg Simmel zu Beginn des 20. Jahrhunderts nüchtern dargestellt hat: Die Entwicklung des Homo urbanus führt nicht „zum Untergang der Zivilisation“, sondern zu deren Entfaltung.

Aus dem Englischen von Irmengard Gabler
Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag. 2022
574 Seiten m. Abb.
34,00 €
ISBN 978-3-10-39739-9

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