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Benedikt Paul Göcke: Gott existiert
Die von dem menschlichen Denken unabhängige Existenz Gottes ist für Benedikt Paul Göcke von so entscheidender Bedeutung für den christlichen Glauben, dass er es unternimmt, einen eigenen Gottesbeweis zu entwickeln.
Vorbereitend wird darauf hingewiesen, dass das Denken des Menschen immer schon auf einen weltanschaulichen Hintergrund verweist, in dem metaphysische Aussagen eine entscheidende Rolle spielen, deren Gültigkeit in Frage gestellt werden kann und die deshalb auch veränderbar sind. Der Zugang zur Bewährung von Auffassungen von der Wirklichkeit ist die wissenschaftliche Tätigkeit. Das Ziel dieser Tätigkeit, die Wahrheit, verstanden als Übereinstimmung von Aussage und Wirklichkeit, ist aber selbst mittels der Wissenschaft nicht hinreichend erreichbar, da der Mensch keinen „neutralen“ Standpunkt außerhalb des Denkens einnehmen kann.
Der Wahrheitsanspruch des Christentums kann für Göcke nur dann als gerechtfertigt angesehen werden, wenn auf dem Weg der Wissenschaft die Wahrheit von Grundaussagen, allen voran die Behauptung der Existenz Gottes, als vernünftig aufgewiesen werden kann. Zum wissenschaftlichen Untersuchungsgegenstand kann das Christentum werden, da es durch ein System von wahrheitswertfähigen Aussagen, die durch Gründe gerechtfertigt werden können, darstellbar ist.
Die Methode der Analytischen Theologie lehnt Göcke an die Analytische Philosophie an. Sie bemüht sich durch die Analyse der Begriffe, Thesen, Schlussfolgerungen und Argumente um möglichst große Klarheit, um damit den Anspruch auf Wahrheit bzw. auf rationale Akzeptanz zu rechtfertigen.
Als Grundlage für seinen Gottesbeweis wird nun der Begriff „Gott“ bestimmt als „Ursprung der Wirklichkeit“, der unabhängig von ihr existiert, ausgestattet mit Singularität, Heiligkeit und Anbetungswürdigkeit. Das erfordert, dass es Dinge gibt, die unabhängig vom menschlichen Bewusstsein existieren, Wirklichkeit also nicht nur als ein gedankliches Konstrukt verstanden wird. Voraussetzung ist also ein metaphysischer Realismus, den Göcke gegen einen Antirealismus, der die Existenz von allem bestreite, verteidigt.
Argumente für die Möglichkeit eines Gottesbeweises sieht der Autor dadurch gegeben, dass er die Einwände des Skeptizismus, die Prämissen seien nicht argumentativ gültig zu rechtfertigen, zu widerlegen sucht. Maßgeblich für den angestrebten Beweis sind Gründe, die sich aus der Vernunft ergeben, nicht empirisch erhobene Daten.
Die Intelligibilität der Wirklichkeit ist die Grundlage der nun folgenden Beweisführung. Göcke geht zunächst rein hypothetisch von der Existenz von irgendetwas aus. Dass etwas Existierendes verstehbar sei, verweise auf eine Essenz des Dinges. Aus der Möglichkeit, darüber mit anderen Menschen zu kommunizieren, folgert er die vom Bewusstsein unabhängige Existenz der Essenzen. Die Verwirklichung einer Essenz, die kontingent ist, bewirkt die Existenz des Dinges in der Wirklichkeit.
Die Existenz des Dinges verweist auf eine Ursache dieser Verwirklichung, die selbst existiert, also bereits verwirklichte Essenz ist. Da ein unendlicher Regress zurückgewiesen wird, muss die Ursache eine Essenz sein, die, so Göcke, mit deren Existenz identisch ist. Unter der Voraussetzung, dass etwas existiert, ergibt sich nun die Existenz dieser Ursache. Die Identität von Existenz und Essenz impliziert die Singularität, Heiligkeit und Anbetungswürdigkeit dieser Ursache und erfüllt damit die Definition des Gottesbegriffs. Damit sieht der Autor den Existenzbeweis Gottes als erbracht an.
Folgen einer Ablehnung der grundlegenden Prämissen seines Beweises sieht er darin, dass das Wirklichkeitsverständnis in einer nicht mehr vertretbaren Weise verändert werden müsste. – Abschließend sieht Göcke die Rede von der „Schöpfung aus dem Nichts“ als äquivalent zur Existenz Gottes als Ursache der Wirklichkeit. Er folgert daraus, dass die Ablehnung seines Gottesbeweises inkompatibel zum Glauben an die „creatio ex nihilo“ sei.
Betrachtet man die letzte Bemerkung, so fällt auf, dass der Autor so überzeugt von seinem Beweis ist, dass er die Ablehnung seines Beweises mit der Ablehnung der Existenz Gottes gleichsetzt. Dem ist entschieden zu widersprechen: Bei näherer Betrachtung seiner Beweisführung fällt auf, dass er anfangs den Wahrheitsbegriff als Korrelation von Denken und Sein einführt mit dem Hinweis, dass der Zugriff auf das Sein nicht unmittelbar möglich sei. Die Rolle des Denkens wird an entscheidenden Stellen völlig ausgeblendet. So sind z. B. Aussagen, die wegen der methodischen Bindung an die Analytische Philosophie eine zentrale Rolle spielen, Gedanken, sie sind Ergebnisse von Erkenntnisprozessen, die als solche nicht mehr bedacht werden. Das hat Folgen:
Fast alle Argumentationen Göckes bedienen sich des indirekten Beweises, in dem die Negation der Behauptung zum Widerspruch geführt wird. Diese Methode ist aber nur anwendbar, wenn die angenommene Negation kontradiktorisch zur Behauptung ist, somit einen Bezugsrahmen voraussetzt, unter dem dieses gilt. So wäre z. B. bei den vorgelegten Überlegungen zum Antirealismus die Negation von „Es gibt etwas außerhalb des Denkens“ unter Einbezug der Aussage als Gedachtes „Es kann sein, dass es nichts außerhalb des Denkens gibt“. Damit wäre die Wirklichkeitsbehauptung als Behauptung negiert. Wenn es, wie Göcke darstellt, bei der Gottesfrage um das Ganze der Wirklichkeit geht, dann sind die von ihm beschriebenen Positionen lediglich konträr und damit für einen indirekten Beweis untauglich – abgesehen davon, dass z.B. der Agnostizismus überhaupt nicht mehr vorkommen könnte und der Skeptizismus falsch verstanden wäre. Deutlich wird dies auch, wenn als Negat des unendlichen Regresses von Ursachen die „Identität von Existenz und Essenz“ bestimmt wird, was völlig unerklärt bleibt und, angesichts des ausdrücklichen Beharrens auf der Differenz von Existenz und Essenz, widersprüchlich ist. Betrachtet man die Folgerungen, die Göcke daraus zieht, dann kann das nur durch einen Identitätsbegriff begründet werden, der konträr, aber nicht kontradiktorisch zu einem unendlichen Regress ist.
Hier ist darüber hinaus festzustellen, dass Begriffe im Nachhinein inhaltlich erweitert werden. Um die Singularität nachzuweisen, wird aus der Existenz die „pure Existenz“, die sie zu einer absoluten Größe erweitert. Diese erste Ursache wird mit einem Willen ausgestattet, der auf Bedeutsamkeit für den Menschen abzielt (Heiligkeit und Anbetungswürdigkeit). – Von den verwendeten Prämissen entbehrt insbesondere die, der gemäß der Essenzen eine Existenz außerhalb des Denkens deshalb zugebilligt werden, weil man sie kommunizieren kann, jeder Plausibilität. Über deren ontologischen Status erfährt man darüber hinaus nichts.
Ein letzter Kritikpunkt betrifft einen Schlüsselbegriff: Während sich Göcke bemüht, einen für seinen Beweis brauchbaren Gottesbegriff zu entwickeln, fehlt eine Bestimmung dessen, was er mit „existiert“ meint. Das hat ebenfalls Folgen: So wird innerhalb von zwei Sätzen ausgesagt, dass Essenzen existieren und nicht existieren (65f.). Dieser Widerspruch gründet darin, dass hier mit verschiedenen Existenzbegriffen operiert wird, ohne dies ausdrücklich zu machen. Die ontologische Unterschiedlichkeit von Essenzen, Dingen und letztlich auch Gott macht wenigstens drei verschiedene Begriffe von Existenz erforderlich, die, wenn man auf Wissenschaftlichkeit besteht, auch benannt werden müssen.
Der Eindruck, dass es dem Autor nicht nur darum geht, den Theismus als vernünftig herauszustellen, verstärkt sich im Laufe der Lektüre. Er will, so mein Eindruck, zeigen, dass Gegenpositionen vor der Vernunft nicht standhalten. Konsequent wird ausgeklammert, dass jede Zuweisung eines Wahrheitswertes, jede Erkenntnis immer auch eine Entscheidung des erkennenden Subjekts ist, die auf eine Wirklichkeit vorgreift, die denkend nicht hinreichend erfasst werden kann. Auch Positionen, die konträr zur eigenen sind, können vernünftig sein.
Um zu zeigen, dass der Glaube an Gott vernünftig ist, empfehle ich eher das Studium der klassischen Beweise von Thomas von Aquin oder Anselm von Canterbury – wenn man von ihnen nicht erwartet oder gar verlangt, was kein Beweis leisten kann, nämlich hinreichend Wirklichkeit zu erfassen.
Analytische Theologie und die Frage nach dem Ursprung der Wirklichkeit
Hamburg: Felix Meiner Verlag. 2025
101 Seiten
19,90 €
ISBN 978-3-7873-4907-4
