
Bestellen
auf Buch7.de - sozialer Buchhandel
Bernd Stegemann: Was vom Glauben bleibt. Wege aus der atheistischen Apokalypse
Die Zahl philosophischer, soziologischer und kulturwissenschaftlicher Analysen zu Religion und Glaube wächst stetig. Trotz einer säkularen Fokussierung geht es oft nicht mehr um eine religionskritische Abrechnung mit dem Christentum zugunsten eines humanistischen Fortschritts, sondern um den möglichen positiven Beitrag von Religion für Individuum und Gesellschaft. In diese Linie reiht sich auch das vorliegende Buch von Bernd Stegemann ein, der als Professor für Dramaturgie und Kultursoziologie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin tätig ist. Insbesondere der Untertitel lässt aufhorchen. Denn mit „atheistischer Apokalypse“ wird gerade das seit der Aufklärung sich ausbreitende säkulare Zeitalter etikettiert. Stegemann schreibt als katholisch geprägter „Ungläubiger über den Glauben“. Die Struktur des Buches orientiert sich an der Trias der drei göttlichen Tugenden: Glaube, Hoffnung und Liebe. Und der von Stegemann herangezogene Referenzautor, der katholisch geprägte Philosoph Josef Piper, hat zu allen drei Tugenden entsprechende Bücher geschrieben.
Mit der Unterscheidung von religiösem und säkularem Glauben will Stegemann darauf aufmerksam machen, welche Restbestände in der modernen säkularen Welt vorhanden sind, nachdem die Bindung an Gott aufgegeben wurde. „Der säkulare Glaube tastet nicht mehr über die Grenze zur Transzendenz, und er will sich auch nicht mehr an eine göttliche Macht binden.“ (13) An die Stelle Gottes tritt der Mensch, der sich selbst zum Gott erklärt und damit ungeheure Zerstörungskräfte entfesselt –eben die „atheistische Apokalypse“.
Unter dem Kapitel „Glaube“ wird dann die Geschichte der Säkularisation mit ihren Auswirkungen aufgezeigt: individuell auf die „säkularen Seelen“ wie gesellschaftlich auf die politischen Theologien und deren falsche Propheten. Letztlich führt dies zu einem Wiedererstarken gnostischer Vorstellungen von der Selbsterlösung im Kontext moderner politischer Ideologien.
Im Kapitel „Hoffnung“ wird der „Nihilismus“ der Moderne verarbeitet, dem auch die antimodernistischen Anstrengungen der Kirche im 19. und 20. Jahrhundert, die mit „Glaubenshärte“ reagierten, nichts entgegenstellen konnten. Auswirkungen hat dieser Nihilismus bis heute auf die identitären religiös konnotierten Fundamentalismen.
Unter dem Kapitel „Liebe“ werden dann die Glaubensreste behandelt, die der übersteigerte säkulare Individualismus hervorbringt. Stegemann operiert hier einerseits mit Kierkegaards „Krankheit zum Tode“ und andererseits mit Nietzsches Konzept des Ressentiments. „Die Selbstvergöttlichung führt in die Hölle des Einzelnen, der sich von Welt, Gott und Menschen gekränkt fühlt.“ (21)
Nach der von Stegemann unter dem theologischen Label „Glaube, Hoffnung, Liebe“ skizzierten Analyse der säkularisierten Moderne als apokalyptisches Szenario eines übersteigerten Individualismus ohne Demut vor der Transzendenz führt dies im Schlusskapitel „Nach der atheistischen Apokalypse“ jedoch nicht zum Appell einer Rückkehr zur Vormoderne. Mit Autoren wir Bruno Latour, Michel de Certeau und Gianni Vattimo geht es darum, die intellektuelle und rituelle Tradition des Glaubens angesichts seiner „Schwachheit“ in die Gegenwart hinein zu vermitteln. Mit Bruno Latour wird beispielhaft vorgeschlagen, dass der Glaube mit seinem Transzendenzbezug durch ein „sakramentales Sprechen“ in die Gegenwart hinein zu übersetzen ist. „Die Aufforderung, das Universelle in der Gegenwart zu suchen, ist eine überraschende Übersetzung des ‚Katholischen‘.“ (243) Grund zum „Jubilieren“ für die Kirche ist dies allerdings nicht. Ihr Sprechen ist von einer Rückwärtsgewandtheit geprägt, das eben nicht von der Gegenwart her seinen Ausgang nimmt.
Stegemanns Fazit bezieht sich auf eine chassidische Geschichte: „Solange wir uns noch mit Geschichten daran erinnern, dass es etwas Heiliges gab, an das es sich zu erinnern lohnt, sind wir nicht verloren.“ (268) Ob dies allerdings ausreicht, den verlorenen Transzendenzbezug gegenwartsorientiert zum Sprechen zu bringen, wage ich zu bezweifeln. Zweifelsohne liegt hier eine ungewöhnliche und daher lesenswerte Analyse der Moderne als „atheistische Apokalypse“ vor. Wege daraus sind meines Erachtens noch nicht konkret aufgezeigt, höchstens denkerisch angerissen.
Stuttgart: Klett-Cotta Verlag. 2025
280 Seiten
25,00 €
ISBN 978-3-608-98830-7
