Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Birgit Kastner (Hg.): Werke der Barmherzigkeit – Werke des Lichts. St. Elisabeth in Bamberg und die Fenster von Markus Lüpertz

Die Bamberger Altstadt ist seit 1993 UNESCO Weltkulturerbe. Nun ist eine weitere Sehenswürdigkeit hinzugekommen: Unweit der bekannten Brauereigaststätte Schlenkerla nahe der Regnitz liegt die äußerlich unscheinbare Kirche St. Elisabeth, die zwischen 2019 und 2022 acht von Markus Lüpertz entworfene Fenster erhielt. Sie tauchen den einschiffigen spätgotischen Bau in ein ganz zauberhaftes Licht, das je nach Tageszeit anders einfällt und die Besucherinnen und Besucher in ihren Bann zieht. Dem geht das vorliegende Buch nach.

Ende des 19. Jahrhunderts erwirbt die Stadt die einstige Spitalkirche, lässt sie sanieren und im Stil der Neugotik ergänzen. Erhalten sind der Hochaltar (die Statue der Kirchenpatronin Elisabeth von Thüringen stammt aus dem 15. Jahrhundert) und das darauf abgestimmten Chorscheitelfenster sowie die Fensterrose in der Westfassade. Das neugotische Chorfenster von 1882 zeigt links den hl. Joseph (den Namenspatron des Stifters), in der Mitte Maria Immaculata mit lieblichem Gesicht und rechts die biblische Elisabeth, die Verwandte Marias (Lk 1,36-45) und Namenspatronin der Elisabeth von Thüringen (1207-1231). – Bei der Renovierung in den 1960er Jahren wurden nicht nur die neugotische Ausstattung weitgehend entsorgt, sondern auch die farbigen Buntglasfenster durch heller getönte Wabenfenster ersetzt – mit dem Effekt, dass die mittelalterliche bzw. neugotische Raumwirkung verloren ging.

Diese Raumsituation fand Lüpertz vor, als er 2009 anlässlich der Enthüllung seiner vor St. Elisabeth aufgestellten, nicht unumstrittenen Bronzestatue „Apoll“ anregte, die Kirche mit farbigen Fenstern zu versehen. Eine Initiative der Gemeinde erarbeitete das theologische Programm. Im Zentrum sollte die Kirchenpatronin Elisabeth stehen, diese „Heilige der Barmherzigkeit“ (Barbara Kahle), deren Gotteserfahrung (Mystik) sie zu praktizierter Nächstenliebe (Caritas) veranlasste. Auf den Fenstern sollten Begebenheiten und Legenden aus ihrem Leben mit den sieben Werken der Barmherzigkeit, die auf Jesu Weltgerichtsrede (Mt 25,31-46) zurückgehen, verbunden werden. Für die Umsetzung wurde Lüpertz künstlerische Freiheit eingeräumt. Die von ihm im Maßstab 1:1 angefertigten Kartons, die im Diözesanmuseum Bamberg zu sehen sind, dienten den Derix Glasstudios in Taunusstein als Vorlage.

Die Fenster beziehen sich auf die sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit: Kranke besuchen, Gefangene besuchen, Almosen geben, Tote begraben, Nackte bekleiden, Hungrige speisen und Obdachlose beherbergen. Dabei bricht Lüpertz mit der traditionellen Ikonografie: Das Narrative tritt zurück; zu sehen sind wenige Ganzfiguren; wichtiger sind die scharf konturierten, nie anmutigen Köpfe sowie die großen, gerade ein barmherziges Werk verrichtenden Hände. Lüpertz‘ Glasmalerei changiert nicht nur zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion, sondern auch zwischen Figur und Ornament. Ein achtes Fenster, das Jesu Aussage „Was ihr für einen meiner geringsten Geschwister getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40) verbildlicht, ist vollständig ornamental gehalten und erinnert in seiner Farbenpracht an Blütenblätter. Eine wertvolle Hilfe zur Betrachtung und zur Interpretation des achtteiligen Zyklus bietet Barbara Kahle mit ihrem ausgezeichneten Beitrag (54-77).

Holger Brülls, Denkmalpfleger und ausgewiesener Kenner zeitgenössischer Glasmalerei, betont die harmonische Einheit der spätgotischen Kirche und der verbliebenen neugotischen Ausstattung mit den neuen farbigen Kirchenfenstern. Ein wesentlicher Grund besteht darin, dass Lüpertz, der ja in erster Linie Maler ist, weiß, dass sich eine Malerei auf Leinwand nicht einfach auf das Material Glas übertragen lässt. Denn Glasmalerei ist keine autonome Kunst, sondern eine „architekturimmanente() Kunstgattung“ (109), die sich in den ihr vorgegebenen Raum einfügen muss.

Mit Glasmalerei beschäftigt sich Lüpertz seit 1990, wobei er sich an den Glasmalern der gotischen Kathedralen und der klassischen Moderne wie Jan Thorn Prikker, Georg Meistermann und Marc Chagall orientiert. Die Bleirute, die die Glasscheiben verbindet, und das Malen mit Schwarzlot bilden das grafische Gerüst der Fenster. Lüpertz verwendet mundgeblasenes Echtantikglas, das wegen seiner nicht ganz ebenen Oberfläche und der eingeschlossenen Bläschen eine besondere Leuchtkraft entfaltet. Darüber hinaus nutzt er industriell gefertigte Strukturgläser für eine lebendige Lichtwirkung. Noch eine wichtige Beobachtung: Die Kirchenfenster von St. Elisabeth sind nicht einfach bunt, weil die Scheiben mit starker Farbigkeit stets mit farblosen, weißen und grauen Gläsern kombiniert sind.

Alle Artikel des Buches sind ausgezeichnet illustriert – was zu einem Besuch von St. Elisabeth anregt. Die Beiträge von Barbara Kahle „Zur Konzeption der Glasfenster von Markus Lüpertz“ (55-78) und von Holger Brülls zu dessen „Personalstil“ (101-110) bilden den Mittelpunkt. Norbert Jung entfaltet „Eine kleine Theologie des Lichts“; Heilige seien wie Fenster, die das unzugängliche Licht, das Gott ist, weitergeben (19-27). Die bereits genannte Barbara Kahle rekonstruiert die Baugeschichte der ehemaligen Spitalkirche (28-37), die Herausgeberin Birgit Kastner stellt die neugotischen Fenster vor (38-53). Alexandra Schmölders beschreibt die handwerkliche Herstellung von Echtantikglas (78-84) und Anna Rothfuss berichtet über die langjährige enge Zusammenarbeit zwischen Derix Glasstudios und Lüpertz (78-84). Stefan Skowron skizziert die Stellung der Glasmalerei in dessen Werk (94-98). – Bei einer zweiten Auflage sollten kleine Unstimmigkeiten beseitigt werden: Auf Seite 75 fehlt die Fensternummerierung; wurde St. Elisabeth 1878 (vgl. 34) oder 1880 (vgl. 41) von der Stadt erworben? Noch ein Vorschlag: Wäre nicht ein Interview mit dem Künstler über seine Bamberger Fenster eine schöne Bereicherung oder wenigstens eine Sammlung einiger seiner Äußerungen zur Glasmalerei?

Wer das Buch gelesen hat (und wie der Rezensent die Kirche besichtigen konnte), wird zustimmen: Lüpertz‘ Fenster passen zu St. Elisabeth; in der Altstadt Bambergs gibt es einen künstlerischen wie denkmalpflegerischen Glücksfall zu besichtigen. Die neuen Fenster sind darüber hinaus, was der Gemeinde wichtig war, ein „öffentliches Zeugnis in säkularer Zeit“ (57) für den Glauben an einen Gott, der zu Werken der Barmherzigkeit motiviert. Bleibt zu hoffen, dass manche Besucherinnen und Besucher dieses Anliegen wahrnehmen.

Lindenberg i. Allgäu: Kunstverlag Josef Fink. 2024
112 Seiten m. farb. Abb.
29,80 €
ISBN 978-3-95976-468-1

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