
Bestellen
auf Buch7.de - sozialer Buchhandel
Byung-Chul Han: Sprechen über Gott. Ein Dialog mit Simone Weil
Man nimmt teil am Zwiegespräch zwischen Freunden: Der Berliner Philosoph Byung-Chul Han (geb. 1959) spricht in Verehrung und Liebe mit seiner Gesprächspartnerin Simone Weil (1909-43). Dieses spürbare Höchstmaß an Empathie und Einverständnis sagt viel über die Gemeinsamkeit beider und fördert eine Fülle jener bergkristallklaren Aphorismen ans Licht, die sich in der faszinierenden Denklandschaft Weils finden. Han erweist sich als gelehriger Schüler mit reich gefülltem Zettelkasten von Weil-Zitaten, die er systematisierend einordnet und kultur- wie kapitalismuskritisch zuspitzt. Zentralbegriffe Weils werden zu Magnetfeldern, um ihr in der Tat extrem inspirierendes Denken zur Geltung zu bringen. (Sekundärliteratur zu Weil wird kaum berücksichtigt, die Lektüre der französischen Denkerin bezieht sich auf wenige, freilich grundlegende Texte in deutscher Übersetzung).
Zuerst geht es um Weils Ethik und Politik der Aufmerksamkeit – ganz im Sinne von Hans Vorläuferband „Vita contemplativa“ und mit kräftiger Kritik an jener grassierenden „Aufmerksamkeitsindustrie“, die die vorherrschende Optimierungssucht bedient und auf entsetzliche Weise mit jenem schöpferischen Warten vertauscht wird, auf das es theologisch wie philosophisch ankäme. Entgegen dem vorherrschenden Terror, ein Jemand zu sein und etwas aus sich machen zu müssen, besteht Weil hingegen auf kreativer Selbstzurücknahme als Urakt des Schöpferischen und der Schöpfung: Decreation ist deshalb das zweite Codewort, Entschaffung als Geheimnis und Ur-Sprung von allem. „Das lärmende Ich“, das sich überall zum Zentrum erklärt und performen muss, ist mit seinem strukturellen Narzissmus das genaue Gegenteil (44). Nicht „Priester“ und „Unternehmer seiner selbst“ soll der Mensch nach Weil und Han sein; im Sinne großer mystischer Traditionen kommt es für den Prozess gelingender Menschwerdung gerade darauf an, sich selbst zurückzunehmen und zu „vernichtigen“, damit Wahrheit zur Welt komme und alles bestimme: Entschaffung um der Schöpfung, Leerwerden um der Er-Füllung willen. Diese kreatorische „Theodynamik der Leere“ (53) kann durchaus als Herzstück des Weil‘schen Denkens begriffen werden, prägend für ihr Gott-Denken wie für ihre Auffassung von Welt und Mensch.
Damit hängt zentral auch ihr Verständnis von „nichthandelndem Handeln“ zusammen, von Nicht-Tätigkeit (m.E. genauer als Hans „Untätigkeit“), von schöpferischer Passivität (gerade der Dinge und der Materie) und einer radikal selbstlosen Lebensform, nicht zuletzt in Weils eigener Biografie. Sehr treffend betont Han Weils Be-Deutung von Schönheit und Unglück (bzw. Schmerz und Leid) als Initialen zur Ankunft des „Übernatürlichen“. Solch ein Zentralbegriff Weils lässt theologisch freilich aufhorchen. Denn genauer wäre (wie auch bei Meister Eckhart z.B.) zu bedenken, wie sich Weils stark platonisches Gott-Denken zum christlichen Gottesbekenntnis verhält. Vom Titel her war zu erwarten, dass Han hier mehr Brücken gebaut hätte gemäß seinem treffenden Fazit: „Nicht Gott ist tot. Tot ist der Mensch, dem sich Gott offenbarte.“
In jedem Fall liegt hier eine sehr empfehlenswerte und kundige Vermittlung von Weils Aktualität vor: „Angesichts zunehmender Zerstörung der Schönheit der Welt und des erneut grassierenden Nationalismus und Fremdenhasses ist Weils absoluter Universalismus heutiger notwendiger, ja zwingender denn je.“ (61f)
Berlin: Matthes & Seitz Verlag. 2.n Aufl. 2025
126 Seiten
14,00 €
ISBN 978-3-7518-3032-4
