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Caspar Battegay: Leonard Cohens Stimme
Schön war Leonard Cohens Stimme im herkömmlichen Sinne nie. Im Alter von 33 Jahren erschien sein erstes Album als Songwriter. Bekannt war er bis zu diesem Zeitpunkt als Autor von Gedichten und Romanen. Hört man ihn auf seinem Debütalbum singen, näselt Cohen noch im Country Style der Buckskin Boys, denen er im Jugendalter seine ersten musikalischen Gehversuche verdankt. Zwanzig Jahre später ist sein Organ mit Hilfe von „fünfzigtausend Zigaretten und mehreren Swimmingpools voll Whisky“ zu dem vertrauten Reibeisen mutiert, das bis zuletzt sein Markenzeichen bleibt – brüchig, aber präsent.
Caspar Battegay ist Literatur- und Kulturwissenschaftler aus Basel und wurde an der Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg promoviert. In seinem Band „Leonard Cohens Stimme“ schildert er den Dichter, Schriftsteller, Maler und Songwriter auf vielfache Weise als Stimme seiner Zeit, des Protests, der Inspiration, des Schicksals, des Alterns und eines gelegentlichen aus dem Religiösen entlehnten Absolutheitsanspruchs.
Cohen ist Zeitzeuge. Seine Stimme steht für viele jüdische, kanadische und nordamerikanische Biographien von der Auswanderung aus Europa bis in die Zeit nach dem Kalten Krieg und darüber hinaus. Sein jüdisches Erbe lässt ihn nicht los, so sehr er auch damit hadert. Die archaischen Geschichten um Abraham und Isaak, Saul, David sind der Erzählgrund für heutige Lieder um Brüchigkeit, um tiefsitzende Konflikte und Verletzungen. Dies widerspricht nicht seiner persönlichen Suche, die ihn auch in die Zen-Meditation führt. Dort, in der Gegenstandslosigkeit, ringt er um persönlichen Frieden und ein Sortieren aufsteigender Themen und Bilder und kommt zu Kontinuitäten, die ihm in der konkreten Beziehung im Alltag nicht gelingen – weder bei Frauen noch bei seinen Fans. Er kultiviert seine Selbstironie für einen Moment auf der Bühne, genießt die Zuwendung und hüllt sich im nächsten Moment wieder in einen Kokon der Unzugänglichkeit. Seine politischen Aussagen ähneln Prophetien, die sich bis zu apokalyptischen Szenarien steigern, seine eigene Rolle schwankt zwischen der Stimme Gottes und dem Advocatus Diaboli, der Aufarbeitung persönlicher Traumata und großem Kino biblischer Epik, immer durch Sarkasmus und dunkle Ironie gebrochen.
Cohen singt und tritt bis kurz vor seinem Tod auf und erhält sich dadurch eine Deutungshoheit auf das eigene Schaffen, während zahllose Künstlerinnen und Künstler seine Lieder covern. Dabei berührt sein eigener, neuer Blick auf Früheres. Spottete man in den 1970er Jahren, man könne nach dem Hören von Cohens Musik nicht anders, als sich die Pulsadern aufzuschneiden, schließt der fast 82-Jährige in seinem letzten Album Kreise. Er nimmt die Rolle als eigener Exeget an. Umstritten, aber wirkungsstark ist die Integration synagogaler Elemente wie in „You want it darker“. Wenn er dort mit dem Ruf „Hineini, hineini – I’m ready, my Lord“ in die Tradition von Abraham, Joseph und Mose einsteigt, ordnet er sich selbst für die Nachwelt ein. Der Sänger mit der gebrochenen Biographie ist eben doch nicht nur „ein fauler Bastard, der in einem Anzug lebt“, sondern auch weltanschaulicher Wanderer und – gemäß seiner Abstammung – Hirte.
Battegays Auseinandersetzung mit Leonard Cohen hat sich über eine Reihe von Jahren in verschiedenen wissenschaftlichen Publikationen, Artikeln und Aufsätzen niedergeschlagen. Seine Beschäftigung mit jüdischer Prägung und Popkultur reicht noch weiter zurück und erweist sich immer wieder als geeignete Folie zur Darstellung komplexerer Zusammenhänge. Es ist gut, diese Forschungen nun einmal in den Erzählfluss zu bringen. „Leonard Cohens Stimme“ ist im besten Sinne ein Lesebuch eines Mannes, der von Cohen fasziniert ist und die Vielschichtigkeit dieser Künstlerpersönlichkeit mit den Lesenden teilen möchte. In Bezug auf den Rezensenten ist es ihm gelungen.
Berlin: Verlag Klaus Wagenbach. 2024
155 Seiten m. s-w Abb.
22,00 €
ISBN 978-3-8031-3744-9
