Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Christian Heidrich: Warum ich ein Christ bin

Der Gymnasiallehrer, Theologe und Übersetzer Christian Heidrich, 1960 in Bierawa/Polen geboren, legt eine lebendige kleine Bekenntnisschrift vor, die alles andere ist als ein fundamentalistisches Manifest. Dem Leser flattert schon im Vorwort der Sperling einer Parabel entgegen: Der kleine Vogel fliegt in eine warme beleuchtete Festhalle hinein und kurze Zeit später mit ungewissem Ziel in die unbekannte Dunkelheit wieder hinaus. Diese Metapher der Fragilität und Kürze des menschlichen Lebens wurde König Edwin von Northumbria vor mehr als 1400 Jahren als Entscheidungshilfe während seines Zögerns bei der Konversion zum Christentum erzählt, um deutlich zu machen: Die galiläische Religion würde einem ‚etwas mehr an Gewissheit‘ Raum geben.

In drei Großkapiteln – „Die Gabe“, „Bürger wie Bettler“, „Die Unvollendete“ – mit jeweils zwölf Unterkapiteln führt der Autor durch Bibelexegese, Kirchengeschichte und theologische Literatur. Er erscheint dabei gleichsam als Reisebegleiter, der häufig die spektakulären kleinen Umwege zu den wesentlichen Sehenswürdigkeiten statt der breiten, bekannten Hauptstraßen nimmt. Die 27 Schriften des Neuen Testamentes werden im ersten Kapitel exemplarisch nahbar und die jeweils besondere Charakteristik der vier Evangelien überraschend plastisch. Entscheidend, so Heidrich: Jesus ist ein „Meteorit“, ganz im Sinne des Filmtitels von 1976 „The Man Who Fell to Earth“ (mit David Bowie in der Hauptrolle). Der Wanderprediger aus Galiläa setzte nicht mehr prioritär auf Sippe, Familie und Volk, sondern auf Gotteskindschaft aller und damit auf humane Universalität – ein epochemachendes Ideal. In einer Welt, die zu seiner Zeit ausschließlich von hierarchischen Machtstrukturen bestimmt war, fokussierte der Nazaräer Geist und Sinn anstelle von blindem Gehorsam und purem Gesetzestext. Jesu Einzug in Jerusalem auf einem Esel ist als eine Art von Donquichotterie (31) anzusehen, so Heidrich, gerade als solche aber habe sie die eingespielten Rituale und die Ökonomie der Macht von Sadduzäern, Geld- und Tempelaristokratie sowie Römern bedroht. Seine Kreuzigung war politisch betrachtet Niederlage und Demütigung, der Glaube an die Auferstehung als Christus überwand jedoch seine Opferrolle und adelte von nun an alle Opfer, denen historisch bis zu dieser radikalen Perspektivumkehr stets die Schuld am Misslingen aufgebürdet worden war – ein wesentlicher Punkt, auf den Kapitel drei später zurückkommt (140-143). Anstatt die oft kritisierte Selektion bei der Kanonisierung der Bibeltexte zu beklagen, erläutert Heidrich die kirchengeschichtlichen Bedingungen und Kriterien eines Prozesses, der u.a. einer zwischenzeitlich geforderten völligen Loslösung vom Judentum (36) widerstand. Die von Christen anerkannte Inkarnation Gottes in Jesus von Nazareth als dem erwarteten Messias bedeutet, dass er sich nicht allein im Wort, sondern mit diesem verschränkt speziell in Taten der Liebe zu erkennen gibt.

Das zweite Kapitel umkreist die gesellschaftliche Dimension des Christentums ausgehend von der „Dritten Relation des Symmachus“, einer antichristlichen, auf die römische Traditionsreligion fokussierte Schrift an Kaiser Valentinianus II. von 384. Ambrosius, Bischof von Mailand, reagierte prompt und erfolgreich mit einer Reihe selbstbewusster Briefe an denselben Adressaten. Er behauptete, aus den dunklen Ahnungen früherer Religionen sei mit dem Christentum ein zuverlässiger Besitz der Weisheit und Wahrheit Gottes geworden. Mit Christoph Markschies stellt Heidrich heraus, die Erfolgsgründe der jungen Religion seien ihre Anschlussfähigkeit an das systematische Denken der griechischen Philosophie bei gleichzeitiger Verständlichkeit für ungebildete Schichten gewesen sowie ein inklusives karitatives Handeln ihrer Mitglieder. Zu den attraktiven Faktoren gehörte der Verzicht auf komplizierte ethische Diskurse und die damals verblüffende Hinwendung zur geschöpflichen Würde menschlichen Lebens: Ausgesetzten Säuglingen, selbst Mädchen, wurde nun erstmals Schutz gewährt.

Der Absolutheitsanspruch des Ambrosius markierte zugleich eine beginnende fatale Machtentfaltung. Im heutigen Spätchristentum seien es nun die Christen, die ihre Tradition gegen die neuen Angebote der säkularen Spätmoderne verteidigten. Der Autor setzt sich erfreulich sachlich mit Gegenpositionen seit der Spätantike auseinander, so etwa mit Porphyrios oder Kaiser Julian, der sich als Getaufter schließlich sehr bewusst zum römischen Götterglauben zurückwandte. Jesus als Christus zu glauben, so wird deutlich, ist nicht logisch deduzierbar, sondern bedarf der intellektuellen wie sinnlich-konkreten Einübung: „Glauben gibbet nich anne Bude. Dat lernse mitte Kumpels“ (Graffito aus Essen, 72). Dennoch gehört die starke Logos-Tradition wesentlich zum Christentum, das weder auf das ‚Dunkle’ des Glaubens noch auf das denkend Erfassbare zu reduzieren ist – gut erkennbar bei Justin: Die Vorstellung des 165 wegen seines Glaubens in Rom enthaupteten Christen (75) gehört zu den lohnendsten Passagen; in einer Verteidigungsschrift wies der Denker nicht zuletzt auf den hohen politischen Wert der Christen als Staatsbürger hin, die besonders zuverlässige „Beschützer und Mitstreiter für den Frieden“ seien (80).

Die zweite Hälfte von Heidrichs Bekenntnisschrift zerfasert leider. Die zunächst reizvoll mäandernde Reise springt (81) nun zu Joseph Henrichs aktueller These, das hochmittelalterliche Westeuropa habe seine individualistischen, leistungs- und prosperitätsbezogenen Besonderheiten – später geboostert durch den Protestantismus – aufgrund der kirchlich vorgeschriebenen Partnerwahl fern der Herkunftsfamilie entwickelt. Die spannende Untersuchung kontingenter soziohistorischer Kausalursachen bewegt sich auf einer kategorial völlig anderen Ebene als die thematisierten Bekenntnisgründe. Unwuchten erzeugen zudem fruchtlose Bezüge etwa zu Peter Sloterdijk oder Markus Gabriel. Dem etwas zu redseligen ‚Reiseleiter‘ entgleitet auf den Nebenwegen mitunter die Konzentration auf das Wesentliche.

In lohnender Erinnerung bleibt dennoch: Die globale Anerkennung, ja ‚Absolutheit‘ des Sorgeideals und der Hinwendung zu Opfern darf in der heutigen Welt ohne Absolutes als Residuum des Christlichen kenntlich gemacht werden. Der christliche Humanismus stützt, wie schon in der Spätantike, heute das moralische Leben erneut während eines epochalen Umbruchs. Christen entlassen den Sperling nicht resigniert in die kalte Nacht, sondern leben lieber ‚mit einem Vogel‘.

Ostfildern: Patmos Verlag. 2025
176 Seiten
20,00 Euro
ISBN 978-3-8436-1537-2

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