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Christian Masrourchehr: Zur Wahrheit ermuntern. Parrhesiasensible Zugänge für einen zeitgemäßen Religionsunterricht
Paulus, heißt es in Apg 28, 31, verkündete in Rom das Reich Gottes und sprach mit Freimut über Christus. Knapp zweitausend Jahre später, in unserer säkularen Welt, die von einer Pluralisierung des Wahrheitsbegriffs und durch mediale, ideologisch orchestrierte Erregungsdiskurse geprägt wird, scheint es schwierig zu sein, freimütig über den Glauben zu sprechen – selbst dort, wo ein solches Sprechen ermöglicht und eingeübt werden sollte: im Religionsunterricht. Doch das Verschweigen von Glaubensüberzeugungen oder aber ein bloßer Meinungsaustausch ohne existentielle Verbindlichkeit sind für den Aachener Religionspädagogen Christian Masrourchehr keine Optionen. In seiner Dissertation nimmt er deshalb die Stelle aus der Apostelgeschichte zum Ausgangs- und Orientierungspunkt, um trotz der Widerstände, die Glaubensäußerungen heute erschweren, zur Parrhesia zu ermuntern. Diesen Begriff, der in der Einheitsübersetzung mit „Freimut“ übersetzt wird und auch mit „Mut zur Wahrheit“ wiedergegeben werden kann, möchte er mit einer für die Religionspädagogik anschlussfähigen Bedeutung füllen. Masrourchehrs Ermunterung zur Parrhesia gilt Religionslehrkräften ebenso wie Schülerinnen und Schülern, Studierenden ebenso wie Universitätsdozentinnen und -dozenten – ja allen, die sich fragen, wie man über Glaubenswahrheiten sprechen kann.
Um seiner Ermunterung ein fundamentaltheologisch sicheres Fundament zu geben, greift Masrourchehr im ersten Teil weit aus und verarbeitet – wie in seiner Dissertation insgesamt – eine Fülle von Literatur aus den unterschiedlichsten Bezugswissenschaften. Zunächst geht es ihm in seiner Argumentation darum, einen tragfähigen Wahrheitsbegriff zu entwickeln. Denn die Ermunterung zur Wahrheit erscheint nur dann überzeugend und sinnvoll, wenn der Mensch über eine apriorische Befähigung zur Erkenntnis der Wahrheit verfügt und zugleich immer schon nach dieser Wahrheit sucht und fragt. Masrourchehr bringt an dieser Stelle das kommunikative Offenbarungsverständnis von „Dei verbum“ ins Spiel und wagt sich im Anschluss an eine fokussierte Zusammenfassung der transzendentalen Theologie Karl Rahners. Für seine Argumentation ist Rahners Grundannahme wichtig, dass der Mensch kraft eines übernatürlichen Existentials ein für die Unendlichkeit offenes Wesen sei, das sich zu diesem transzendental unthematischen Woraufhin – theologisch gewendet: zu Gott – fragend, reflektierend, antwortend verhalten kann. Diese grundsätzliche ‚Gottfähigkeit‘, für Rahner eine Gnade, die sich aus der vorgängigen Selbstmitteilung Gottes ergibt, ist ontologisch real und zugleich transzendental im Subjekt verortet. Masrourchehr kommt es im Folgenden auf die thematische Realisierung der transzendentalen Verfasstheit an: auf die je eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse in Resonanz zur Selbstmitteilung Gottes – etwa wenn er betont, dass Rahners Frömmigkeit von seiner Theologie nicht zu trennen sei. Oder wenn er die Parrhesia genauer konturiert: „Echte Parrhesia kann als kategorialer Wahrheitsvollzug der gnadenhaft in den Menschen eingestifteten Transzendentalität aufgefasst werden, die sich damit biographisch und anlassbezogen in der Rede und im Tun geschichtlich realisiert.“ (56)
Biografie und Anlass als geschichtliche Orte des Vollzugs jener transzendentalen Verfasstheit des Menschen gewinnen im Laufe der Arbeit zentrale Bedeutung. Von diesem ersten Plateau seiner Argumentation aus blickt Masrourchehr aber erst einmal zurück auf die 50 biblischen Belegstellen des Wortes Parrhesia, wobei er sich zügig auf die Untersuchung der paulinischen Stellen konzentriert. Überzeugend zeigt er, dass bei Paulus über das Subjekt hinaus ein weiteres konstituierendes Moment der Parrhesia ins Spiel kommt: der Andere, der Adressat der Parrhesia, der dem Sprecher mit Wohlwollen, Zustimmung, aber auch mit Ablehnung und Widerspruch begegnen kann.
Die Parrhesia in diesem Sinn, die für Rahner die Aposteltugend schlechthin ist, spielt auch in den Vorlesungen Michel Foucaults ab 1981 eine zentrale Rolle. Erneut weit ausgreifend, arbeitet Masrourchehr zunächst heraus, worin für Foucault der Unterschied zwischen der politischen, platonischen und sokratischen Parrhesia besteht. Anschließend richtet er seinen Fokus auf die letztere. Am Beispiel des Sokrates, des „prototypische[n] Parrhesiast[en]“ (171), mache Foucault deutlich, wie wichtig für das freimütige Aussprechen einer erfahrenen oder erkannten Wahrheit die existentielle, biographische und anlassbezogene Beglaubigung der Überzeugung durch die Tat sei. Bei Foucault ist die Vermittlung von logos und ethos eine Aufgabe der Selbstsorge, die gerade, indem sie sich verwirklicht, vorbildhaft auf andere Menschen wirkt. Konkreter ausgedrückt: Der Parrhesiast verkündet eine von ihm erfahrene Wahrheit – und er handelt auch danach. Bei der Parrhesia, die Masrourchehr für den Religionsunterricht profilieren möchte, verschiebt sich der Schwerpunkt von der Selbst- zur Fremdsorge. Unter Parrhesia versteht Masrourchehr jetzt „die wiederentdeckte[] begriffliche[] Einkleidung einer am Anderen orientierten Haltung und Handlung, eines wahrhaftigen logos, der zum ethos wird“ (204).
Im zweiten, kürzeren Teil seiner Dissertation nimmt Masrourchehr religionspädagogische Bewährungsfelder für die Parrhesia in den Blick. Den Religionsunterricht begreift er dabei – wiederum in Anschluss an Foucault – als Heterotopos, in dem experimentell erprobt werden könne, wie in einer pluralen Gesprächssituation biografie- und anlassbezogen mit fremder Wahrheit umgegangen werden könne. In einleuchtender Weise spricht sich Masrourchehr dafür aus, dass gerade angesichts der rückläufigen konfessionellen Prägung der Jugendlichen – bei empirisch belegter gleichbleibender Gläubigkeit – die existentielle Dimension des Glaubens stark gemacht werden müsse. Gleiches gilt für die öffentliche Religionspädagogik und die universitäre Ausbildung. Bereits die angehenden Religionslehrkräfte müssten bei der Ausbildung und Profilierung ihrer parrhesiastischen Kompetenz unterstützt werden.
Es ist eine besondere Stärke der Arbeit, dass sie selbst an einigen Stellen exemplarisch realisiert, wofür sie sich ausspricht: den parrhesiastischen Sprechakt. So legt Masrourchehr z.B. offen, dass einzelne Erkenntnisse auf bestimmten biographischen und anlassbezogenen Erfahrungen beruhen. Diese Kontextualisierung des Denkens ist auch eines der wesentlichen Forschungsdesiderate, die von ihm im abschließenden dritten Teil skizziert werden. Es bedürfe eines religionspädagogisch gewendeten Textbegriffs, so Masrourchehr, um den Schülerinnen und Schülern die existentielle Herkunft und Bedeutung der Gedanken des jeweils im Unterricht zur Sprache gebrachten Theologen zu erschließen. Für Unterrichtspraxis und Schulbuchgestaltung ist das eine nicht geringe Herausforderung. Christian Masrourchehr liefert dafür aber eine einleuchtende Begründung. Und gewiss: Seine Arbeit fordert ihren Lesern einiges ab, etwa die Bereitschaft, verdichteten Argumentationsketten zu folgen. Doch sie ermutigt auch, der Wahrheitsfrage im Unterricht nicht auszuweichen, sondern sich ihr freimütig zu stellen.
Aachener Theologische Schriften Band 22
Düren: Shaker Verlag. 2025
368 Seiten
59,80 €
SBN 978-3-8191-0356-8
