Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Christiane zur Nieden: Sterbefasten

Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit
Eine Fallbeschreibung 

Der Gedanke, es handle sich bei Christiane zur Niedens Buch um ein Plädoyer für einen liebenswürdigen Suizid in Form von Sterbefasten, kann auch durch ihren stets etwas bemüht wirkenden Hinweis, man solle alles daran setzen, Lebensfreude zu wecken, nicht zur Ruhe gebracht werden. Warum? 

Weil sie der Überzeugung ist, dass es Ergebnis einer persönlichen Entscheidung sein kann, das eigene Leben für nicht mehr lebenswert zu halten. Den daraus entstehenden Wunsch, sterben zu wollen, bezeichnet sie dann als „Bilanzsuizid“. „Bilanzsuizid als eine überlegte, freiverantwortlich getroffene Suizidhandlung eines psychisch gesunden Menschen nach eigener Bilanzierung eines erfüllten Lebens, das nun durch gesellschaftliche, soziale und gesundheitliche Einschränkungen nur noch schlechter werden kann und damit besser abzuschließen ist.“ (118 f) Die Autorin läuft Gefahr, eine persönliche, intime und anrührende Erfahrungsgeschichte über das Sterbefasten ihrer Mutter zu nutzen, um Allgemeinsätze ins Feld zu führen, die den Anschein erwecken, gegen Kritik immun zu sein. Das Buch ist deshalb keine Fallbeschreibung, wie es im Titel heißt, sondern eine eindeutige Positionierung für ein sogenanntes „selbstbestimmtes Sterben“.

Bereits im ersten Teil, in dem die Autorin sehr einfühlsam schildert, wie ihre Mutter durch Nahrungs- und Flüssigkeitsverzicht stirbt, streut sie immer wieder scheinbar allgemeingültige Sätze ein. „Das Sterben muss nicht dem Leben Platz machen. Nein das Leben muss Raum und Zeit schaffen für das Sterben.“ (33) Dieser Ansicht kann man durchaus sein. Jedoch hat es im Zusammenhang einer persönlichen Erfahrungsgeschichte etwas Suggestives an sich und gilt nicht ohne weiteres; dieser unterschwellige Transport von weltanschaulichen Vorentscheidungen durchzieht das gesamte Buch.

Dies wird besonders im zweiten Teil sichtbar, in dem sie eine kurze Abhandlung zum Sterbefasten im Allgemeinen vornimmt. „Ist es nicht auch eine Art Heilung […], wenn man sein Lebens- und Krankheitsleiden in harmonischen Einklang mit sich und seinen Begleitern zu einem guten Ende (aus Sicht des Sterbewilligen) bringt, nämlich dem Tod?“ (62) Was ist ein Lebensleiden? Und wann gilt es, dieses im harmonischen Einklang mit seinen Begleitern zum Tod zu führen? Warum ist der Tod überhaupt ein gutes Ende? Sie sagt, es könne bei hochbetagten Menschen vorkommen, dass diese ihr Leben für erfüllt betrachteten und dann lieber sterben wollten, als noch länger ein mögliches Leben mit Einschränkungen und Abhängigkeiten zu leben. Zumindest die Idee, das eigene Leben selbstbestimmt mit Hilfe von Sterbefasten vorzeitig beenden zu können, sollte gesellschaftlich implementiert werden.Ihre Mutter wollte es so bzw. hat es sich so gewünscht. Dass für die Autorin dieser Weg eine ultima ratio darstellte, zeigt sie, indem sie darauf verweist, wie häufig sie mit ihrer Mutter über Alternativen gesprochen hat – was betont werden muss, damit nicht der falsche Eindruck entsteht, sie habe es sich und ihrer Mutter leicht gemacht. Die kritische Beurteilung des Buches beginnt nicht bei der persönlich erlebten Sterbensgeschichte der Mutter der Autorin, sondern mit ihren besonders im zweiten Teil zu Tage tretenden Forderungen und allgemeinen Einschätzungen. Wer sein Leben nach eigener Bilanzierung ausgekostet habe, sollte „Sterbefasten praktizieren“ (67) können. Der Ausdruck befremdet, weil er nach Meditation klingt, aber nicht nach Suizid. Jungen Menschen sollte nach Ansicht der Autorin dringlich davon abgeraten werden, weil ihnen das Leben noch bevorstünde. „Doch was lässt sich bei hochbetagten Menschen noch anbieten, ändern, verbessern?“ Ohne alte Menschen auf die falsche Idee zu bringen, gelte es, das Sterbefasten als eine Möglichkeit anzubieten, die es erlaube, die eigene Würde zu behalten. (145) 

Wer den Menschen als „Sultan seiner Existenz“ (113) betrachtet, der seine Autonomie bewahrt, wenn er ihre Grundlage, das eigene Leben, vernichtet (wenn auch liebevoll), der wird der Meinung sein, dass es der menschlichen Würde entspricht, wenn jemand sein Leben als erfüllt betrachtet und sich durch Nahrungs- und Flüssigkeitsverzicht das Leben nimmt. Auch wenn die Autorin großen Wert darauf legt, die zu beachtenden Einzelheiten (von häufiger Mundpflege bis zur keimfreien Matratze) zu nennen – man wird den Eindruck nicht los, eine Anleitung zum liebevollen Suizid zu lesen. Eine Schwierigkeit liegt im Begriffsgebrauch: Sterbefasten wird als ein liebevolles Unterlassen aufgefasst. Damit wird suggeriert, es handle sich, ähnlich wie beim Sterbenlassen, um eine moralisch verantwortliche Handlung. Es gibt jedoch einen Unterschied zwischen dem bewussten Herbeiführen und einer bloßen Inkaufnahme einer bestimmten Handlungsfolge. Der unterstützte Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit intendiert die Herbeiführung des Todes. Das ist eine bewusste Herbeiführung des Todes und daher unzulässig, auch wenn es rein passiv wirkt. Würde eine schwere, unheilbare Krankheit vorliegen, könnte der Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit in Verbindung mit dem Verzicht auf eine weitere kurativen Therapie ein angemessenes Mittel sein, das Sterbenlassen zu erleichtern. Ethisch betrachtet könnte man sagen: Wenn keine lebensbedrohliche Krankheit vorliegt, handelt es sich um die über einen längeren Zeitraum (je nachdem wie radikal die Zufuhr von Flüssigkeit und Nahrung gestoppt wird) hinziehende Mitgestaltung eines Suizids durch die intensive Zuwendung von Angehörigen und Ärzten. Ist der Sterbeentschluss durch die betroffene Person gefasst, helfen alle mit, dass sich eine Person tötet. Übrigens sieht die Bundesärztekammer die ärztliche Assistenz bei einem Suizid nach wie vor als einen Widerspruch gegen das ärztliche Ethos an.

„Freiverantwortlich“ und „selbstbestimmt“ sind die Zauberworte; einem Wunsch, der aus dem Willen einer Person kommt, muss entsprochen werden können. Ein Leben in Abhängigkeit und Unselbstständigkeit wird als weniger würdig angesehen als ein selbstbestimmtes. Dabei mutet es beinahe paradox an, dass nur dessen oder deren Suizidwunsch ernstgenommen werden könne, der auf der Grundlage der freien Selbstbestimmung zustande gekommen ist. Auf der Höhe der Selbstbestimmung entscheidet ein Mensch, genau diese aufzugeben. Es geht also um die Bedeutung von Freiheit und ob wir es riskieren sollten, durch das Offerieren eines Suizidangebots, den Anschein zu erwecken, dass es überhaupt einen persönlich beurteilten Lebensstatus gibt, der es rechtfertigt, sich beim Töten helfen zu lassen. Es geht um die Frage, ob wir in einer Gesellschaft leben möchten, in der Bedürftigkeit und Abhängigkeit als etwas Minderwertiges angedeutet wird, und damit zulassen und befördern, dass in Menschen Überzeugungen reifen, die da heißen: Ich möchte Euch doch nicht zur Last fallen. Eigentlich eine seltsame Vorstellung, denn in den ersten Jahren des Lebens fällt jeder Mensch zur Last und niemand käme auf die Idee, sich zu entschuldigen, weder für seine Abhängigkeit noch für seinen Mangel an Selbstbestimmung. 

Frankfurt: Mabuse Verlag. 2016
171 Seiten
19,95 Euro
ISBN: 978-3-8632-1287-2

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