
Bestellen
auf Buch7.de - sozialer Buchhandel
Christoph Türcke: Philosophie der Musik
Jede intellektuelle Arbeit hinterlässt ein transformiertes Selbst. So hätte Michel Foucault gesagt. Bücher sind Selbsttransformierer par excellence. Manchmal braucht man etwas Geduld mit ihnen. In vielen Fällen klappt man sie am Ende zu und weiß, dass die Geduldsprobe es wert war. So geschehen mit der „Philosophie der Musik“ von Christoph Türcke.
Philosophie hat mit dem Staunen zu tun. Und Staunen entsteht aus dem Infragestellen von vermeintlich Selbstverständlichem. Türckes Art, Musik zu behandeln, ist eine solche Infragestellung. Am Ende blickt man auf einen riesigen Berg an durchgearbeitetem Wissen zurück und hat doch nicht das Gefühl, überfrachtet worden zu sein – weil sein Buch keine Bibliothek ist, sondern einen Denkweg in die Geheimnisse der Musik anbietet, der zu gehen sich lohnt. Warum? Weil sich der eigene Blick auf etwas so Allgegenwärtiges wie die Musik verändert und damit das eigene Selbst. Die Musik, so sehr man ihr dabei glaubt, auf die Schliche zu kommen, bleibt letztlich als etwas Unverfügbares dem Zugriff der Worte entzogen, die ein „Innenleben erahnen lassen“, in das sie doch nicht ganz hinabreichen. So ist Philosophie auch die Kunst, sprechend zum Ausdruck zu bringen, dass die Kunst der Musik einen Sinnüberschuss oder Eigensinn enthält, der sich sogar gegen ihren eigenen Schöpfer richten kann. Die amerikanische Essayistin Susan Sontag hätte sich über ein solches Kunstverständnis gefreut, bei dem die Interpretation eben nicht den Eindruck vermittelt, als würde sich damit der Intellekt auf einen Rachefeldzug gegen die Kunst begeben.
Die Abstraktionsfähigkeit des Menschen hat sich auch in der Musik niedergeschlagen – und das besonders folgenreich mit Pythagoras und Platon. Beide wollten die Musik in eine höhere Ordnung überführen bzw. reinigen, indem insbesondere Pythagoras sie mathematisierte. War bis dahin Musik, Sprache, Klage, Schauspiel mehr oder weniger eins, wie in der griechischen Tragödie, wurde sie durch Zahlenverhältnisse, mit denen Intervalle festgelegt werden konnten, von außen formalisiert. Das war ein Riesenschritt des Intellekts, der bis heute nachwirkt. Wo Sprache lange Zeit durchmetrisierter Sprechgesang war, wurden Rhythmus und Tonhöhen herausdestilliert, was die Sprache wiederum verflachte. Der Siegeszug der intellektualisierten Musik wurde durch die Vorstellung gekrönt, wonach die mathematischen Zahlenverhältnisse Entsprechungen nicht nur in der Musik, sondern im gesamten Kosmos hatten. Harmonie ist das Ideal des Kosmos abgebildet in mathematischen Zahlenverhältnissen, hörbar gemacht in der Musik. Gott der Schöpfer ordnet Chaos zu Kosmos – dieses Ideal ist hörbar, wenn auch nicht als es selbst.
Heute ist kaum nachzuvollziehen, wie groß die Herausforderung war, beim Aufkommen von Zweistimmigkeit den Tritonus zu verhindern, der als „Diabolus in Musica“ gefürchtet wurde. Es war schlicht nicht vorstellbar, dass sich solche Dissonanzen nicht bis in die Seele fortsetzten und dort ihr Unwesen trieben. Was heute mit dem Dur-Moll-Schema zur selbstverständlichen Hörgewohnheit der „mediterranen Hörkultur“ gehört, verdankt sich einer Empfindungsumkehrung. „C-e-g als zwingende Folge von g-h-d-f wahrzunehmen: das ist nicht etwa von Natur aus so, sondern Ergebnis einer langwierigen durch Terzdrang eingeleiteten Empfindungsumkehrung.“ (358) Die Terz, besonders die große, verleitet sie nicht allzu sehr dazu, sich in der Schönheit des Klangs zu verlieren? Solche Fragen stellten sich ernsthaft! Denn Klang, Schönheit, Sinnlichkeit um ihrer selbst willen zu genießen, drohte Menschen doch auf falsche Bahnen zu locken. Hier wirkte die Rezeption von Augustinus fort, der frui (Musikgenuss um seiner selbst willen) und uti (Musik als Lob Gottes) voneinander schied. Dieser Zusammenhang löste sich mit der Rückkehr der musikalischen Thematisierung des verliebten Ichs im Minnegesang allmählich auf. Das weltliche Ich und seine Leidenschaft musikalisch in Szene gesetzt: ein undenkbarer Missbrauch der Schöpfungsharmonien! Die Profanisierungsgeschichte der christlichen Musik als geradlinige Entwicklung zu verstehen, würde allerdings den geistlichen Gehalt afroamerikanischer Spirituals verkennen, die vom Blues, Jazz, Swing in die moderne Popkultur hineinragen und sie bis heute prägen. Befreiung von unmenschlichen Abhängigkeitsverhältnissen und das Leiden daran kommt so thematisch wieder zurück, freilich mit ganz anderen musikalischen Mitteln.
Die Musik wabert, verändert sich, entwickelt sich, blickt zurück, verwischt klassische Genregrenzen, was ihr postmodernes Signum ist, und wird überall verfügbar. Sie gewinnt dadurch, verliert aber gleichzeitig ihren Ort und ihr Hier und Jetzt. Kaum vorstellbar für uns, was Türcke eindrucksvoll zeigt, dass Musikstücke – etwa große Messen – für eine einzige Aufführung geschrieben wurden! Doch erst „dadurch entstand maximale kollektive Gestimmtheit für jede Art durchdringender Erfahrungen“. Ist uns ein solch dichtes Hier und Jetzt unwiederbringlich verlorengegangen, wo jedes Event mit dem Gedanken seiner möglichen Reproduzierbarkeit versehen wird und dadurch seine einmalige Qualität verliert? Die Entwicklung des Rap schließt den Bogen zum Anfang, als Musik noch Sprache war und Sprache Musik. Ein erregungsgeladener Rückgang in den Grund der Musik, so Türcke. Dort fing ihre Erfolgsgeschichte an als ritualisierte Triebumkehr der frühen Menschheit. Um höhere Gewalten zu zähmen, brachte man Menschenopfer – später Tieropfer – dar. Dieser Schrecken musste kompensiert werden durch ritualisierte Erinnerung im Vollzug. Dies geschah durch kollektive Schrei- und Ruflaute. Mit der unscheinbaren Flöte setzte dann eine frühe Form der Abstraktion ein. Nicht mehr schreien, sondern Spielen des Schreiens – ein Vorbote absoluter Musik, die „beginnt, wo das Instrument Stellvertreter und Verfremder der Stimme wird“ (140). So ist Musik schon vor der pythagoreischen Mathematisierung eine hörbare Abstraktionskunst, die sich in ihrem westlich entwickelten Dur-Moll-Schema auch imperialistisch auf indigene Musikformen ausbreitete und diese mitunter absorbierte. Schmerzvoll, wo solche Abstraktionen sich gewaltförmig ausbreiteten und nicht der Humanität dienten bzw. dienen: „Die Fähigkeit zur Abstraktion ist etwas genuin Humanes. Zur vollen Entfaltung ihrer Humanität gehört allerdings auch das Innewerden ihres Ungenügens.“ (382)
Selbst wenn einige Werkbeschreibungen mancher Opern oder Tragödien eindeutig zu ausführlich ausfallen und neurologische Erkenntnisse zur Musik – etwa der Zusammenhang von Mandelkern und Angstregulierung – fehlen, ist Türckes Buch ein echter Augenöffner. Auch die Diskussionen und Projekte rund um KI und Musik fehlen gänzlich. Das fügt dem philosophischen Denkweg aber keinen Schaden zu. Denn ihm gelingt es, diese fragile Kunst, die als klingende Vergänglichkeit im Entstehen verschwindet, auszuleuchten, ohne sie rationalistisch zu durchleuchten. Sie ist dabei keineswegs unschuldig, noch göttlich. Lediglich als Hinweisgeberin kann sie verstanden werden, weil ihr ideologischer Missbrauch eben auch möglich ist. Kunst ist sie, wenn sie autonom bleibt – und nahegehen kann sie uns dort, „wo sie von weit, weit her kommt“.
München: C.H. Beck Verlag. 2025
510 Seiten
38,00 Euro
ISBN 978-3-406-82994-9
